Ken Fisher: Der Zauber der Bruttomarge

Unternehmen mit einer hohen Bruttogewinnspanne können auch in einem späten Bullenmarkt Wachstum selbst finanzieren.

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

FALSCHE KENNZAHLEN. Gewinne sind oft das Einzige, was Experten analysieren. Wie viel Gewinn machte ein Unternehmen? Wurden die Erwartungen der Wiener Bankenwelt erfüllt? Werden die Gewinne im nächsten Jahr wachsen oder nachgeben?

Gute Fragen! Aber diese kurzsichtige Perspektive übersieht eine bessere Messgröße für künftige Stärke: die Bruttogewinnmarge. Dass diese viel zu wenig berücksichtigt wird, verleiht ihr speziell in späten Bullenmärkten wie jetzt ihren Wert. Warum verschaffen Ihnen "fette" Margen einen Vorteil, und wie können Sie diese einsetzen?

Frühere Gewinne sind klarerweise wichtig, aber ihnen fehlt die Prognosekraft. Warum? Mit Buchhaltungstricks können kurzfristige Ergebnisse verdreht und verfälscht werden. Nicht so skandalträchtig wie bei der Commerzialbank Mattersburg oder bei Wirecard. Aber: Durch die Steuerung von Abschreibungen, Aktienrückkäufen, Modernisierungen oder Einmalaufwendungen kann der angegebene Gewinn verzerrt und die wahre Stärke des Kerngeschäfts bzw. die langfristige Wachstumsfähigkeit eines Unternehmens verschleiert werden. Durch die hohe Aufmerksamkeit werden Gewinn-Nachrichten fast sofort eingepreist, noch bevor Anleger handeln können.

Wenn Ihnen umfassend eingepreiste Daten keinen Anlagevorsprung mehr ermöglichen, achten Sie auf das, was die datengetriebenen Analysten in der Regel übersehen. Bruttomargen gelten heutzutage als Relikte einer vordigitalen Zeit - rudimentäre Analysewerte, die es nicht mit komplexen Algorithmen aufnehmen können.

Als ich vor 50 Jahren anfing, machte gerade ihre Einfachheit den Charme der Bruttomargen aus! Ganz ohne Superrechner. Man zieht die Herstellungskosten der verkauften Waren oder Leistungen vom Umsatz ab und dividiert sie durch den Umsatz. Fertig!

Wie ich im Mai schrieb, sieht der aktuelle Bullenmarkt trotz seiner technischen "Jugend" reifer aus. Bruttomargen weisen den Weg zu den Unternehmen, die in der Spätphase typischerweise führen - sie sind Hinweis auf die Fähigkeit eines Unternehmens, sein Wachstum durch Marketing, Vertriebs- und F&E-Aufwendungen plus Investitionen, Fusionen und sonstiges selbst zu finanzieren.

Hohe Margen bieten auch im Abschwung einen Puffer, sodass trotz steigender Kosten oder sinkender Nachfrage Gewinne erzielt werden können. Anleger in späten Bullenmärkten suchen derartige Unternehmen. Wer im Aufschwung investiert hat, fürchtet zunehmend, dass ein fallender Markt die Gewinne zunichtemachen könnte. Neulinge wollen stabiles Wachstum. Hohe Margen bieten beiden Gruppen eine relative Sicherheit.


Der globale Tech-Sektor hat eine Bruttomarge von 46 Prozent.

WIENER MARKT. Mit 21 Prozent hinkt die durchschnittliche Bruttomarge in Österreich dem weltweiten Durchschnitt von 30 Prozent hinterher. Der Markt besteht fast zu einem Drittel aus Finanzwerten, wo die Bruttomargen aufgrund des Geschäftsmodells nicht funktionieren. Banken leihen zu kurzfristigen Zinsen, um langfristige Kredite zu finanzieren. Der Abstand zwischen den Zinssätzen bestimmt die Nettozinsmarge und damit die Gewinne. Niedrige Langfristzinsen wie die österreichische Zehnjahresrendite von minus 0,66 Prozent führen zu schwachen Nettozinsmargen, selbst wenn die Banken den Sonderzinssatz der EZB für Pandemiekredite von minus ein Prozent nutzen.

Rohstoffe, Energie, Versorgungs- und Industrieunternehmen machen 56 Prozent des österreichischen Marktes aus. Und keiner dieser Sektoren liegt über der weltweiten Durchschnittsmarge. Nur die Immobilien schaffen das mit sieben Prozent Marktkapitalisierung. Aber dieser Sektor ist defensiv und hinkt in Bullenmärkten hinterher.

Wohin sollte man sich also wenden? Zum Beispiel zum globalen Technologiesektor mit einer satten Marge von 46 Prozent. In Österreich gibt es zwar florierende, von Risikokapitalgebern begehrte Technologie-Start-ups, aber nur wenige davon sind börsennotiert oder groß. Kaufen Sie also margenstarke Techs in den USA.

Prüfen Sie auch die technologienahen Aktien der interaktiven Medien- und Dienstleistungsbranche dort. Sie erzielen im Schnitt eine Bruttomarge von 64 Prozent. Nehmen Sie sich margenstarke Health-Care-Holdings in Großbritannien (71 Prozent Marge) und Europa (56 Prozent) vor. Luxusunternehmen in Frankreich strahlen sogar mit einer Marge von 64 Prozent.

Lassen Sie sich nicht täuschen, wenn sich die meisten Anleger auf Kleinigkeiten und Komplexitäten konzentrieren: In der Einfachheit der Bruttomarge liegt ein starker Zauber! Gönnen Sie Ihrem Portfolio ein paar fette Margen!


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