Ken Fisher: Wir brauchen weniger Energie

Ken Fisher - US-Investmentberater und Autor

Ken Fisher - US-Investmentberater und Autor

Gastkommentar. Warum Österreichs Wirtschaft sich nicht am Ölpreis verbrennen wird.

Welches Signal senden Ölpreise? In einer Woche schießen sie nach oben, weil Iran in der Straße von Hormus für Wellen sorgt: Die Weltwirtschaft ist bedroht. Kurz darauf brechen sie ein, weil die Zölle angeblich die Nachfrage aus China einbrechen lassen -und, man ahnt es: Die Weltwirtschaft ist bedroht. Doch diese Schauergeschichten sind nur einzelne Puzzlesteine für den aktuellen Bullenmarkt. Das Öl lässt weder Österreich noch die Welt untergehen.

Die Macht des Erdöls

Schauen wir zunächst auf die Zölle. Sie müssten sehr hoch sein, um der Nachfrage so zu schaden, wie es die Schlagzeilen suggerieren. Bisher erreichen alle von Trump angedrohten und eingeführten Zölle, einschließlich Vergeltungsmaßnahmen, seit 2017 lediglich 0,3 Prozent des globalen BIP. Viel zu wenig für eine Rezession. Außerdem zahlt kein Unternehmen all diese Zölle. Lieferketten werden über Vietnam und Taiwan gelenkt. Das Wachstum gedeiht und damit die Nachfrage nach Öl.

Nun zum Iran: Die heutigen Ängste scheinen in den 70er-Jahren zu wurzeln, als das arabische Ölembargo weltweit für Verknappung und wirtschaftliche Not sorgte. Der globale Preisanstieg führte auch in Österreich zur Rezession. Wir erinnern uns an den damaligen Einfluss Irans auf den Ölmarkt und ziehen den Schluss, dieser sei heute noch vergleichbar.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Ja, die Straße von Hormus ist ein kritischer Engpass. Nach Schätzungen der Statistiker des US-Energieministeriums (EIA) wird sie täglich von 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs passiert. Würde sie geschlossen, stiegen die Kosten im importabhängigen Europa. Als wichtigste Energiequelle Österreichs macht Öl 39,8 Prozent des Verbrauchs aus. Zwar kommen nur vier Prozent aus dem Iran, aber der Ölpreis wird global festgelegt. Wie bei Aktien verursacht auch beim Öl die Stimmungslage kurzfristig heftige Schwankungen.

Aber der Iran kann die Meeresenge nicht im Alleingang schließen. Auch wenn die Beschlagnahmung eines britischen Tankers die Schlagzeilen beherrscht: Tagtäglich durchqueren zahlreiche Schiffe die Straße. Die amerikanische und die britische Marine gewährleisten deren sichere Durchfahrt.


Hohe Ölpreise können nicht mehr so stark schaden.

Auch der Tankerkrieg zwischen Iran und Irak in den 80er-Jahren bedrohte Öltransporte -aber die Ölpreise schnellten nicht nach oben. Die Ölproduktion außerhalb des Mittleren Ostens stieg und glich den relativ geringen Anteil Irans aus. In den 80ern kam der Ausgleich aus der Nordsee. Heute sind es die Ölschiefervorkommen in den USA. Dem Jahresbericht von BP zufolge stieg die US-Produktion 2018 auf gewaltige 2,2 Millionen Barrel pro Tag an. Für dieses Jahr erwartet die EIA eine weitere Zunahme um 1,36 Millionen Barrel pro Tag. Dank massiver technologischer Fortschritte bei den Bohranlagen können die USA im Vergleich mit anderen Produzenten zu niedrigeren Preisen profitabel fördern.

Weniger Energie

Aber wenn ich mich irre und die Preise steigen? Auch dann kommen die Zeiten, in denen hohe Ölpreise Volkswirtschaften wie der Österreichs schaden konnten, nicht zurück. Der Westen wirtschaftet heute deutlich weniger energieintensiv -auch dank des immer wichtigeren Dienstleistungssektors. 1976 hatte die Schwerindustrie einen Anteil von 38 Prozent am österreichischen BIP; Dienstleistungen lagen bei 56 Prozent, Landwirtschaft bei sechs Prozent. Heute liegt die Schwerindustrie bei 29 Prozent und Dienstleistungen stabil bei 70 Prozent. Büros und Geschäfte benötigen weniger Energie als Fabriken. Die Industrie senkte ihren Energieverbrauch beträchtlich. Daher erwirtschaftet Österreich mehr BIP pro verbrauchtem Barrel Öl. 1996 betrug das inflationsbereinigte BIP je tausend Tonnen Öl in Österreich 21,4 Millionen Euro; heute sind es 28,2 Millionen Euro.

Der Dienstleistungssektor widerlegt auch die andere schwelende Sorge: dass die außerhalb Chinas, Indiens und der USA geringere Ölnachfrage Zeichen einer schwächeren Weltwirtschaft sei. In Wirklichkeit spiegelt dies nur eine geringere Produktion wider, breit diskutiert und eingepreist. Parallel dazu sorgt der Dienstleistungssektor dafür, dass die Weltwirtschaft weiter läuft. Das erinnert mich an 2015/16, als die Ölpreise unter 30 US-Dollar je Barrel sanken. 2015 stieg das österreichische BIP um 1,1 Prozent und 2016 um zwei Prozent. Die EU verzeichnete in der Zeit ein Wachstum von 2,2 Prozent bzw. zwei Prozent. Nur mit den ölabhängigen Ländern ging es abwärts.

Sorgen Sie sich also nicht um die wilden Schwankungen beim Ölpreis. Dies sind falsche Ängste - vor allem für Aktien.


Zur Person

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.


Die Gastkommentar ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 36/2019 vom 6. September 2019 entnommen.

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