Ken Fisher: Bullen laufen lassen, global investieren

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Gastkommentar von Ken Fisher: Anleger sollten 2020 ihren Blick klar über den Tellerrand richten und weltweit Qualitätsaktien kaufen.

Im Jahr 2019 legten die österreichischen Aktien um 20,5 Prozent zu. Das klingt viel, ist aber wenig gegenüber dem globalen Anstieg von 30,0 Prozent. Der Abstand wird zumeist auf die wirtschaftliche Abschwächung in Europa, die Angst vor Zöllen oder die chinesischen Schulden zurückgeführt. Allerdings ging es beim Nachbarn Schweiz, der ja ebenfalls unter diesen Ängsten hätte leiden müssen, um 34,8 Prozent nach oben. Das wesentliche Problem ist für mich die Marktstruktur Österreichs. Um mit den globalen Aktienmärkten Schritt zu halten, müssen sich die Anleger über die Heimat hinaus diversifizieren.

Die lange ungeklärte Regierungssituation drückte im vergangenen Jahr ein wenig auf die österreichischen Aktien. Die Marktstruktur ist aber noch mehr für die schwächere Performance verantwortlich. Der österreichische Markt ist, wie im September erklärt, zu Beginn eines Bullenmarktes für einen Kauf gut. Der ATX hat ein Übergewicht an kleinen Finanz-, Energie-und Rohstoffaktien, die bei einem rückläufigen Markt meist stark fallen, sodass sie bei einer Erholung nach oben schnellen können.

In einem späten Bullenmarkt sind die Käufer jedoch vorsichtiger. Sie wählen große, wertige, globale Namen mit verlässlichen Gewinnen und fetten Bruttogewinnmargen, die ökonomische Stürme aushalten. Österreichischen Firmen fehlt diese Größe und Sektorzusammensetzung. Die Erste Group, größte Aktie des Landes, verfügt über eine Marktkapitalisierung von 14 Milliarden Euro. Dies ist wenig im Vergleich mit den durchschnittlichen gewichteten Werten von 156 Milliarden Euro weltweit.

Die Gewinner des Jahres

Der schweizerische Markt passt besser zu späten Bullenmärkten. Hochwertige Pharma- und Basiskonsumgüter, also große und globale Firmen, treiben den schweizerischen Markt. Dort stiegen die Pharma-Aktien im vergangenen Jahr um 34,8 Prozent, Basiskonsumgüter gar um 37,9 Prozent. Insgesamt machen die beiden Bereiche 60 Prozent der dortigen Marktkapitalisierung aus. Große Sektoren mit hohen Renditen trieben die Outperformance der Schweiz an.

Die Marktstruktur unterstützte auch andere Jahresgewinner. So stiegen die US-Aktien vor allem dank der hohen Zahl an Tech-Riesen - hochwertige, fette Margen und damit gut in späten Bullenmärkten - um 33,3 Prozent. Auch Holland, wo Techs 29 Prozent des Marktes ausmachen, ritt auf der Tech-Welle (plus 34,5 Prozent). Der Sektor schnellte um 86,7 Prozent nach oben. In Frankreich wiederum spielen Techs nur eine geringere Rolle - trotzdem stieg der Markt 2019 um 28 Prozent. Warum? Dort gibt es große Luxusmarken wie LVMH Moët Hennessy. Diese Kategorie wuchs um 48,1 Prozent und bot tech-ähnliche Bruttogewinnmargen.


In einem späten Bullenmarkt sind Qualitätstitel gefragt.

Den Schlusslichtern von 2019 fehlen die großen Player. Die spanischen Aktien stiegen gerade einmal um 14,1 Prozent. Wie in Österreich schadete die politische Unsicherheit, noch mehr allerdings die Marktstruktur. Der spanische Markt besteht zu einem Drittel aus Finanzwerten, die in späten Bullenmärkten nicht ideal sind, schon gar nicht mit ertragskraftmindernden Zinsen nahe null. Zudem schmerzen die Pläne der Linkskoalition zur Bankenbesteuerung. Norwegen erging es mit plus 12,4 Prozent noch schlechter. Dort dominieren kleine, wirtschaftlich anfällige Value-Titel und Energieaktien.

International diversifizieren

Die Marktstruktur bestimmen nicht immer die Renditen. In Kanada wuchs der Markt um 29,8 Prozent, fast dem globalen Wert entsprechend, obwohl dort Finanz-, Energie- und andere zyklische Werte überwiegen, die in frühen Bullenmärkten prosperieren sollten. Aber in Kanada handelte es sich 2019 um eine Erholung vom sehr schwachen 2018. Dieses Glück ist 2020 nicht zu erwarten.

Konzentrieren Sie sich stattdessen auf das, was auch 2019 schon funktionierte: große Qualitätstitel. Über elf Jahre nach seinem Beginn befinden wir uns definitiv in der Spätphase eines Bullenmarkts, in der regelmäßig die großen Wachstumswerte führen. Dafür müssen Sie außerhalb Österreichs diversifizieren. Kaufen Sie große Techs in den USA, in Deutschland und in den Niederlanden sowie große Pharmawerte in UK und der Schweiz. Schauen Sie auf Nicht-Basiskonsumgüter-Titel in Amerika und Frankreich. Luxusunternehmen profitieren besonders vom wachsenden Wohlstand der Schwellenländer.

Sucht man an den richtigen Stellen, läuft der alte Bulle noch eine Weile. Wählen Sie große, wertvolle, wachstumsorientierte, globale Namen und orientieren Sie sich weltweit, damit Ihnen nichts an Gewinnen entgeht.


Zur Person

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.



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