Ken Fisher: Angst ist das größte Risiko

Gastkommentar von Ken Fisher. Wer Aktien zu schnell wieder verkauft, läuft langfristig Gefahr, die stärksten Aufwärtstrends an den Börsen zu verpassen.

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

CRASH. "Du willst über ein großes Reich herrschen? Dann beherrsche dich selbst." Das sagte der Römische Dichter Publilius Syrus vor zweitausend Jahren. Trotz langer Historie bleibt dies auch für heutige Anleger ein weiser Rat. Viele sehen im nahenden Break-even der Aktienmärkte für 2020 einen Grund zum Verkaufen. Sie fürchten, dass ein Wiederaufflammen von Covid, eine Implosion der Unternehmensschulden, überforderte Politiker oder sonst ein "Risiko" einen weiteren Absturz auslösen werden. Das bange Starren auf Schlagzeilen überlagert das ewig größte Risiko: Und das sind diese Menschen selbst.

Der Schock des Zusammenbruchs im Februar und März ließ viele Anleger erstarren. Der Vorteil: Durch die Lähmung nahmen sie den Börsenaufschwung mit. Der Nachteil: Viele kommen nun wieder in Bewegung und werden aktiv. Verzweifelt versuchen sie, einem weiteren Tiefschlag auszuweichen, und denken, der wieder aufgeholte Rückgang sei ein idealer Zeitpunkt zum Aussteigen.


Aktien aus Angst abzustoßen, ist ein klassischer Fehler.

Dieser Schritt wird durch die medial transportierten Ängste unterstützt: In Deutschland steigen die Covid-Zahlen, die Staatsschulden explodieren, die Arbeitslosigkeit ist massiv - es tauchen sogar neue Viren auf. Wer ein doppeltes Tief fürchtet, läuft Gefahr, dem Bestätigungsfehler zu unterliegen: Denn viele nehmen nur die Informationen wahr, die ihre bestehenden Ansichten bestätigen. Gegenteilige Anzeichen werden ausgeblendet.

Aktien wegen bestehender Ängste abzustoßen, ist eine rückwärts gerichtete Entscheidung - ein klassischer Fehler. Die Angst vor einem doppelten Tief gibt es nach jedem fallenden Markt. Nach dem Tiefststand 2009 herrschte die Furcht vor Inflation und hoher Arbeitslosigkeit. 2003 waren es stagnierender Konsum, Terrorismus und Amerikas Einmarsch im Irak. Aber: Zweifache Rückgänge sind extrem selten, bei globalen Indizes gibt es sie historisch überhaupt nicht. Zwischen den Bärenmärkten von 1929 und 1937 lagen viele Jahre.

Wenn wir den S&P 500 in seiner Historie betrachten, stiegen die Aktien in Dollar dazwischen um 324 Prozent, und die Wirtschaft wuchs. Es handelte sich um zwei voneinander unabhängige Abschwünge. Doppelte Tiefs kommen regional vor. Die USA erlebten sie Anfang der 1980er-Jahre und Europa zu Beginn der 1990er. Sie sind jedoch höchst selten.

Durch einen Abschwung sinken die Erwartungen so stark, dass die reale Entwicklung Anleger später nicht mehr enttäuschen kann. Zwischen 1929 und 2020 gab es elf globale Bullenmärkte. Aktien steigen üblicherweise sehr früh - mit im Schnitt 27,8 Prozent Rendite in den ersten 180 Tagen. Normale periodische Schwankungen ausgenommen, verlaufen die nächsten sechs Monate ähnlich positiv. Die Renditen klettern in den zwölf Monaten nach dem Tief auf durchschnittlich 46,6 Prozent. Entscheidend ist, dass sich diese frühen Gewinne über die Restlaufzeit des Bullenmarkts aufaddieren.

DURCHTAUCHEN. Abgesehen von den Ängsten durch fallende Märkte ist das Abstoßen von Aktien das Riskanteste, was man tun kann. Langfristige Anlageziele zu erreichen, benötigt in den allermeisten Fällen Renditen, wie sie nur Aktien bieten. Auf Jahresbasis gesehen erreichten US-Aktien seit 1925 eine Rendite von etwa zehn Prozent. Anleger vergessen gerne, dass darin bereits aller Unbill der fallenden Märkte enthalten sind.

Einem Bärenmarkt auszuweichen, kann die Renditen befeuern. Aber das häufig praktizierte Herumprobieren wird meist zum Desaster. Überlegen Sie: Ein Anleger, der Anfang 1988 10.000 US-Dollar in den S&P 500 investierte, erzielte bis Ende 2019 etwa 256.000 US Dollar. Versäumt man nur die besten zehn Tage dieser Spanne, sinkt der Betrag auf etwa die Hälfte, also auf 128.000 Dollar. Verpasst man die 20 besten Tage, bleiben nur 80.000 US-Dollar.

Daher sollten die meisten Anleger nur dann aus Aktien aussteigen, wenn sie mehr wissen als andere -nicht wegen vorab eingepreister Ängste. Und definitiv nicht aufgrund eines gerade erlebten Abschwungs.

Auf kurzfristige Schwankungen durch einen Abbau des Aktienbesitzes zu reagieren, verringert das Risiko nicht. Im Gegenteil. Es erhöht sogar das Risiko, dass Sie Ihre Ziele nicht erreichen. Gute Anleger kämpfen nicht gegen unvorhersehbare Schwankungen und wiederkehrende Ängste vor dem Abschwung. Sie akzeptieren sie als Preis für die hohen Renditen, die sie benötigen. Wie schon die Anlegerlegende Ben Graham sagte: "Sie haben viel mehr Kontrolle, wenn Ihnen bewusst ist, wie wenig Sie kontrollieren können."


Zur Person

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.



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