Ken Fisher: Angst ist die Freude der Anleger

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Gastkommentar. Das Jahr 2019 war trotz vieler negativer Faktoren ein gutes Börsenjahr. Das dürfte auch 2020 so werden - trotz Handelskrieg, Brexit und durchhängender Wirtschaft in Europa.

GUTES BÖRSENJAHR. Der legendäre Investor Warren Buffett predigte: "Sei ängstlich, wenn andere gierig sind -und gierig, wenn andere ängstlich sind." Sehr weise. Je ängstlicher die Anleger, desto optimistischer werde ich. Angesichts des weitverbreiteten Konjunkturpessimismus ist jetzt die Zeit für Optimismus bei Aktien.

Obwohl 2019 die weltweiten Aktienmärkte bis Oktober um 23,6 Prozent stiegen, ist kaum Jubel zu hören. Die Oktober-Umfrage der Bank of America unter internationalen Fondsmanagern zeigt: Seit zehn Jahren haben noch nie so viele von ihnen eine weltweite Rezession während der nächsten zwölf Monate erwartet. In Europa sank das Vertrauen in die Wirtschaft so stark wie zuletzt Anfang 2015; in Österreich ist es auf einem Dreijahrestief. US-Anleger haben trotz hoher Renditen immense 170,1 Milliarden US-Dollar (152,5 Milliarden Euro) aus Aktienfonds abgezogen.


Die Börsen haben den Brexit oder Handelskrieg schon eingepreist.

Die Schlagzeilen spiegeln Pessimismus wider und verstärken ihn: mit Ängsten vor Zöllen, inversen Zinsstrukturkurven, Negativzinsen, Brexit und einer vermeintlich einbrechenden europäischen Wirtschaft. Als Anleger sind diese Ängste Ihre Freunde. Denn: Märkte preisen gemeinhin bekannte Informationen wie Schlagzeilen, Ängste, Gerüchte, Meinungen, Prognosen etc. vorab ein. Wenn also die Schlagzeilen vor Handelskrieg, Brexit oder der vorgeblich durchhängenden Wirtschaft Europas warnen, haben die Aktienmärkte das bereits berücksichtigt. Die Ängste schrauben die Erwartungen herunter.

Alles, was weniger schlimm ist als das bereits Berücksichtigte, ist eine positive Überraschung. Denken Sie an die Schuldenkrise, die Europa zu Beginn dieses Jahrzehnts traf. Ein Zusammenbruch der Eurozone und eine chaotische Rückkehr zu den alten Währungen wurde befürchtet. Stattdessen litt Europa lediglich unter einer leichten Rezession. Schlecht, aber besser als befürchtet. Daher stiegen die Euro-Aktien 2012 und 2013 um 47,2 Prozent.

Im Vergleich dazu verblassen die heutigen Ängste - und auch sie sind bereits ähnlich eingepreist. Nehmen wir den Brexit: Seit über drei Jahren werden Katastrophenszenarien eingepreist. Das heißt: Alles kurz vor Armageddon wird die Erwartungen übertreffen - und das wirkt positiv. Die auch in Österreich bekannte Sorge um die europaweiten Produktionszahlen ist ebenso alt und ähnlich fehlgeleitet. Wir leben nicht mehr in den 50er-Jahren, als die Produktion regierte. Heute treibt der Dienstleistungssektor die Industrieländer Europas an. In Österreich steht er für 69,9 Prozent der Wirtschaftsleistung, in der Eurozone sind es 73,1 Prozent. Die meisten europäischen Dienstleistungssektoren wachsen -eine unübersehbar versteckte positive Überraschung.

Die Bullen bleiben

Und die US-Zölle? Alle angedrohten bzw. umgesetzten US-Zölle entsprechen insgesamt 0,4 Prozent des globalen BIP. Sie sind Hebel für Handelsgespräche und geopolitisches Schachern und damit wohl nur temporär. Sobald die Anleger die geringen Auswirkungen bemerken, dürfte sich die Lage entspannen.

Bullenmärkte enden auf zwei Arten: am Gipfel der "Wall of Worry", wenn Euphorie die Erwartungen unerreichbar macht und Enttäuschung droht. Oder inmitten eines billionenschweren Verlust- Schocks, wie es die Finanzkrise 2009 war. Die meisten anderen Bullenmärkte endeten in Übereinstimmung mit Sir John Templetons legendärem Konzept in Euphorie: "Bullenmärkte werden aus dem Pessimismus geboren, wachsen mit der Skepsis, reifen im Optimismus und sterben durch Euphorie." In Abwesenheit eines Schocks enden Bullenmärkte, wenn die Anleger der Sorgen müde sind.

Heute sind wir weit von einem derartigen Szenario entfernt. Auf dem Gipfel einer Euphorie strotzen die Umfragen vor Optimismus, Geld strömt in die Aktienfonds, und Schlagzeilen halten Risiken für Chancen. Die Investorenwelt spottet über Bären, nicht über Bullen. Die Angst vor verpassten Gewinnen ist größer als die vor Verlusten. Wenn ich über bevorstehende schlechte Zeiten schreibe, hält man mich für verrückt.

Die Stimmung ist allerdings kein Zeitmesser, und Euphorie ist eher ein Dimmer als ein Schalter. Um das zu erkennen, müssen Sie anders denken als die anderen. Statt sich von verbreiteten Ängsten in Panik versetzen zu lassen, überlegen Sie, was diese über die Stimmung aussagen. Wenn die Leute unbedingt Aktien besitzen wollen und Risiken ausblenden, fangen Sie an, über den Ausstieg nachzudenken.

Heute passiert genau das Gegenteil. Die Ängste der anderen sind Ihr zukünftiges Glück.


Zur Person

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.


Die Gastkommentar ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 48/2019 vom 29. November 2019 entnommen.

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