"Keine Region sollte uns größere Sorgen bereiten als Europa"

"Keine Region sollte uns größere Sorgen bereiten als Europa"

Exportländer mit geringer politischer Flexibilität könnten von einem Handelskonflikt zwischen China und den USA besonders betroffen sein.

"Der jüngste Aufschwung an den Börsen hat nicht nur einen Haken", warnt der US-Fondsriese AllianceBernstein. Lesen Sie warum gerade Europa und dessen Börsen längerfristig besonders risikobehaftet erscheinen.

Die globalen Märkte haben durch die Waffenruhe im Handelskrieg und Anzeichen für eine stärkere geldpolitische Interventionen der Notenbanken neuen Mut geschöpft. Billiges Geld könnte die Börsenkurse kurzfristig steigen lassen. "Für die längerfristigen Aussichten sind wir jedoch nicht so optimistisch. Denn die jüngste Marktentwicklung hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Haken", so Darren Williams, Direktor für Wirschaftsforschung beim Asset Manager AllianceBernstein (AB).

Risiko 1: Der Handelsstreit

Erstens sei die Waffenruhe im Handelskrieg trügerisch. Falls der Handelskrieg, wie wir glauben, lediglich den Beginn eines breiteren, mehrjährigen Konflikts zwischen den USA und China darstellt, werde es nicht lange dauern, bis sich die Lage wieder verschlechtere. Dann wäre es möglich, dass sich der Handelskrieg recht bald auf andere Länder ausweitet. Dazu könnten Zölle auf europäische Autos zählen.

Risiko 2: Die Geldpolitik

Zweitens seien die Zentralbanken zwar bereit, weitere positive Impulse zu geben, "aber wir haben große Bedenken dass die Maßnahmen auch tatsächlich wirken", so Williams. Die Antworten auf die Gründe für die kränkelnde Weltwirtschaft könnten nicht noch tiefere Zinssätze und eine weitere quantitative Lockerung sein. Selbst wenn weitere Impulse helfen sollten, das Wachstum zu stabilisieren, werde dies wahrscheinlich zur Aufnahme von noch mehr Schulden ermuntern.

Dies würde die Zinssensitivität erhöhen und den Gleichgewichtszinssatz noch weiter drücken. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat dies als Schuldenfalle bezeichnet – zu Recht.

Sorgenkind Europa

"Keine Region sollte uns größere Sorgen bereiten als Europa", sagt Williams. Nicht nur weil die Länder des Euroraums stärker vom internationalen Handel abhängig seien als die USA und China, sondern auch weil sie auf politischer Ebene viel weniger flexibel agieren könnten. "Wenn sich in der Weltwirtschaft erste Abwärtsrisiken abzeichnen, brauchen Exportländer politische Flexibilität", merkt er an.


Italien, Frankreich wären laut Berechnungen von AllianceBernstein und Haver Analytcis aufgrund ihrer geringen politischen Flexibilität und ihres hohen Exportanteils von einem Handelskrieg am stärksten betroffen, gefolgt von der EU ingesamt und Japan. Auch Deutschland wäre aufgrund mangelnder politischer Flexibilität stark betroffen. Geringere Exportraten und höhere politische Flexibilität weisen dagegen die Hauptstreitpartner China und die USA auf. Sie sind von ihrem eigenen Konflikt damit neben Australien am geringsten betroffen.


Die mangelnde Flexibilität der Geld- und Fiskalpolitik im Euroraum hält Williams für beunruhigend. Auch wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Absicht signalisiert hat, neue Impulse zu setzen: Nachdem die Zinsen bereits negativ sind und die EZB-Bilanz aufgebläht ist, hat die Notenbank nur noch wenige geldpolitische Pfeile im Köcher.

Bei AllianceBernstein geht man trotzdem fest davon aus, dass die EZB die Geldpolitik im September 2019 lockern wird, "Was genügen sollte, um die Märkte zu beruhigen, falls sich die Konjunktur global, wie von uns erwartet, nur leicht abschwächt."

Lagarde eine gute Wahl

In dieser schwierigen Lage wird Christine Lagarde im November 2019 neue EZB-Präsidentin werden. "Wir halten Lagarde für eine gute Wahl: Sie hat das Format und das Kommunikationsgeschick, die für diese Position nötig sind, und dürfte zudem den breiteren politischen Kontext, in dem die EZB tätig ist, zu schätzen wissen", so Chefökonom Williams. Doch sie wird das Ruder in einer schwierigen Zeit übernehmen.

Ihr fiskalpolitischer Handlungsspielraum wird zudem durch die Haushaltsvorschriften im Euroraum, die schlechte Ausgangslage in vielen Ländern und Deutschlands Zurückhaltung, die eigenen fiskalpolitischen Möglichkeiten auszuschöpfen, massiv eingeschränkt. Williams: "Zinspolitik reicht nicht, um die Wirtschaft anzukurbeln."

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