Der Kampf um Londons Banker nach dem Brexit

Der Kampf um Londons Banker nach dem Brexit

Die Finanzdistrict in der "City of London" steht am Scheideweg - Europäische Metropolen strecken die Hand aus.

Frankreichs Staatspräsident Francois Holland will unbedingt die Banker der City of London nach Paris holen. Es geht um neue Impulse für die darbende Wirtschaft in Frankreich. Aber auch Frankfurt, Zürich und Mailand wollen sich nach dem Brexit die Geldtöpfe unter den Nagel reißen.

Rund 2,2 Millionen Menschen arbeiten in der Finanzbranche in Großbritannien. Nach dem Brexit könnte es zu einem kräftigen Aderlass kommen, was vor allem das Finanzzentrum in der "City of London" zu spüren bekommen könnte.

Noch halten sich die großen Investmentbanken zurück, was den Abzug ihrer Leute anbetrifft. Dublin, Luxemburg, Amsterdam und vor allem Frankfurt dürften besonders vom Brexit und den damit verbundenen Neuansiedlungen der Finanzbranche profitieren. Und Paris hat nun aufgezeigt, um die abwanderungswilligen Banker in der Hauptstadt Frankreichs aufzunehmen. Wien will dabei auch nicht hinten anstehen. Es sollen auch Banker von der Themse an die Donau geholt werden.

Der Austritt Großbritanniens könnte somit zu einer Neuordnung führen. Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem glaubt sogar schon, dass der Exodus von Banken aus dem Finanzzentrum London durch den Brexit angetrieben wird. Vor ein paar Jahren hatte London noch in Asien damit geworben, dass die Stadt der richtige Ort sei, um Geschäfte in der EU zu machen.


Zu den Fakten
Alleine der Finanzplatz London wickelt derzeit ein Fünftel aller Finanztransaktionen weltweit ab. Ohne privilegierten Zugang zum gemeinsamen Markt der Europäischen Union verliert das Londoner Finanzzentrum einen wichtigen Vorteil für asiatische und US-Banken. Bisher hatten sie sich auch wegen der Sprache gerne in Großbritannien angesiedelt. Der EU-Pass erlaubte es den Banken in London, ohne weitere Genehmigungen ihre Dienstleistungen in allen Mitgliedsländern der EU zu verkaufen. Das könnte künftig in Frage stehen, wenn Großbritannien nur noch ein "Drittstaat" ist. - im Abseits der EU.


Die Franzosen erhoffen sich geradezu einen Zustrom von Bankern von der britischen Insel. Frankreichs Staatschef Francois Holland will deshalb die Londoner Banker ködern.

Er verspricht auch die Regeln entsprechend attraktiver machen zu wollen. Es sei "legitim und logisch, dass die französischen Banken sich folglich organisieren und vorbereiten". Die Regierung müsse daher "unsere Regeln, darunter die fiskalischen, anpassen, um den Finanzplatz Paris attraktiver zu machen", fügte Hollande hinzu.

Frankreich hat allerdings gegen die Finanzplätze in Frankfurt, Dublin und Luxemburg noch den Nachteil, dass diese mit ihren liberalen Steuergesetzen locken können.

Superbörse nach Frankfurt

Und auch die Deutsche Börse AG hat nun weniger Gegenwind bei der Übernahme der London Stock Exchange (LSE). Deutsche Börse und LSE hatte erklärt, die rund 25 Mrd. Euro Fusion trotz der Brexit-Entscheidung durchzuziehen. Allerdings unter veränderten Rahmenbedingungen. Die vor dem Brexit geäußerte Kritik von Politik und Aufsichtsbehörde BaFin hat sich nun relativiert. Die Stimmung hat gedreht. Dass der Hauptsitz in London angesiedelt wird, wie kürzlich noch geplant war, ist mittlerweile eher fraglich. "Der Finanzplatz Frankfurt sollte dabei eine Führungsrolle einnehmen und die Verbindung zwischen Europas größter Volkswirtschaft mit London als dem größten Finanzplatz der Welt sicherstellen", meinte Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber.

Ein hochrangiger EU-Vertreter machte am Dienstagabend deutlich, dass die Abwicklung von Derivate-Geschäften in Euro künftig nicht mehr in London stattfinden kann und in die EU verlagert werden muss. Das betrifft vor allem die in London angesiedelte LSE-Tochter LCH.Clearnet. Sollte die Börsen-Fusion klappen, ist es aus Sicht von Experten wahrscheinlich, dass viele dieser Geschäfte nach Frankfurt wandern. Andernfalls würden sie wohl zur französischen Sparte von LCH.Clearnet verlagert.

Um wie viele Jobs es insgesamt geht, die in London wohl aufgrund des Brexit gestrichen und aufs Festland verlagert werden ist man sich noch nicht einig. In Deutschland spricht man von 10.0000 bis 20.000 neue Jobs, die wohl nach dem Austrittsgesuch bis spätestens 2017 verlagert werden. Andere Schützungen gehen sogar von bis zu 100.000 Bankern aus, die künftig ihren Lebensmittelpunkt nach Europa verlagern.

Auch in Wien spitzt man darauf Banker, Investoren und Organisationen, die nach dem EU-Austritt den Briten "Good Bye" sagen. Österreichs Finanzminister Hans Jörg Schelling und Außenminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) wollen gleich zwei EU-Behörden an Land ziehen: Die EU-Bankenaufsicht EBA und die EU-Arzneimittelagentur EMA sollen nach Wien geholt werden.

"Wir haben die Europäische Bankenaufsicht bereits angeschrieben und angeboten, dass sich diese Organisation hier ansiedelt", sagte Schelling. Als Favorit für den neuen EBA-Standort gilt laut Medienberichten die EU-Bankenmetropole Frankfurt, aber auch Paris und Mailand haben sich bereits ins Spiel gebracht. Österreich werde außerdem Kontakt aufnehmen mit der EMA, mit der "Österreich gute Kooperationen hat", sagte Schelling. Diplomatenkreisen zufolge haben Italien, Schweden und Dänemark ihr Interesse an der Agentur für Medikamentenzulassung bekundet. Dem Vernehmen nach liebäugelt auch eine international tätige NGO mit dem Wechsel von London nach Wien.

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