JP Morgan: 10 Thesen für Wirtschaft und Börse 2021

Von Inflation, bis Dollar-Entwicklung, Länderschwerpunkten, Favoritenwechsel, Aktienbewertung und Investmentstile. Wie der US-Asset Manager JP Morgan, der weltweit 2,2 Billionen Dollar managt, das Jahr 2021 einschätzt.

JP Morgan: 10 Thesen für Wirtschaft und Börse 2021

Die Pandemie fordert auch noch Anfang 2021 ihren Tribut. Im Jahresverlauf sollte es aber wieder bergauf gehen.

1. Konjunktur 2021: Schwacher Start – starker Endspurt
Die zweite Infektionswelle in Europa und den USA und damit verbundener neuerlicher Lockdown werden auch noch Anfang 2021 ihren Tribut fordern. So dürfte die Konjunktur nach Einschätzung von JP Morgan Kapitalmarktstrategie Tilmann Galler gedämpft ins neue Jahr starten. „Ein erneutes Abrutschen in die Rezession ist nicht unwahrscheinlich.“
Im Jahresverlauf sollte jedoch ein Aufschwung folgen. Im Frühjahr sollte es einen deutlich gemäßigteren Rückgang der Wirtschaft geben, dem ein starkes Finish und Wachstum über Trend folgen sollte. Vor allem der Dienstleistungssektor leidet. Am Beispiel Chinas zeigt sich aber: Ein Land, das es schafft, die Pandemie zurückzudrängen, schafft es auch, den Dienstleistungssektor zu beflügeln.

2. Inflation: Moderat steigendes Risiko zum Jahresende
Solange die Pandemie vorherrscht, bleibt die Inflation niedrig. Doch wenn das Wachstum wieder anzieht, könnte auch die Inflation steigen – nicht nur wegen der höheren Nachfrage, sondern auch wegen der Basiseffekte. So war beispielsweise der Ölpreis im April 2020 in den USA teilweise sogar negativ. Sollte der Ölpreis im zweiten Quartal auf einem ähnlichen Niveau wie heute liegen, wird die Inflation einen Schub von den Energiepreisen bekommen. Die Inflationsgefahr steigt, wenn sich die volkswirtschaftliche Nachfrage nach dem Ende der Pandemie normalisiert: Wenn es in dieser Situation den Staaten und Notenbanken nicht gelingt, ihre expansive Politik zu drosseln, trifft die aufgestaute Konsumnachfrage der Privathaushalte auf eine erhöhte staatliche Nachfrage. Konsequenz: Die Nachfrage dürfte das Angebot übersteigen und die Inflation zieht an.

3. Geldpolitik: Niedrige Leitzinsen, weniger Anleihenkäufe im 2. Halbjahr
Die Zinsen bleiben wegen der leichten Inflationsrisiken niedrig. Der Paradigmenwechsel der US-Notenbank in Bezug auf das Inflationsziel verstärkt diese Entwicklung. Zwei Prozent Inflation ist nicht mehr als Punktziel, sondern als Durchschnittsziel definiert, wodurch die Fed von einer proaktiven zu einer reaktiven Geldpolitik wechselt und nicht mehr frühzeitig gegen die Inflation ankämpft, sondern diese erst einmal entwickeln lässt, bevor sie reagiert. Demnach dürften die Leitzinsen weit über das Jahr 2021 hinaus auf sehr niedrigem Niveau verharren, bevor es zu einer Normalisierung kommt.

4. Renditen: Zinskurve für langlaufende Anleihen wird steiler
Die Niedrigzinsen sind wegen der Rekordverschuldung vieler Staaten einzementiert. Nur so kann der wachsende Schuldenberg im Griff bleiben und die Stabilität der Staaten nicht gefährden. Die Renditen für langjährige Anleihen könnten sich laut Tilmann Galler im Fall einer erfolgreichen Impfkampagne 2021 leicht steigen. Die negativen Realzinsen dürften allerdings erhalten bleiben. Ein historisches Beispiel hierfür sind die US-Zinsen der Nachkriegszeit. Die Fed hat damals die Renditen auf tiefem Niveau gehalten, um das Defizit finanzierbar zu machen. Die USA sind damals dank Wirtschafts- und Babyboom aus den Schulden herausgewachsen. Dies nun zu wiederholen dürfte jedoch ungleich schwerer sein.

5. Dollar-Bullenmarkt geht zu Ende
Der Dollar dürfte 2021 schwächeln und damit der 10-jährige Bullenmarkt des Greenback zu Ende geht. Dies sei ein Wendepunkt, denn seit der Finanzkrise war der Dollar stark, auch wenn er fundamental gesehen schon länger eine teure Währung war. Nach den pandemiebedingten Zinssenkungen ist das Zinsdifferenzial zwischen dem Dollar und den anderen Industrieländern wieder enger geworden. Der Dollar hat als Anlagewährung verliert an Attraktivität. Mit einsetzender Erholung der Weltwirtschaft könnte sich der Kapitalstrom aus dem Dollar in die anderen Währungsräume beschleunigen. Profitieren könnten beispielsweise Schwellenländer, aber auch Europa. Sollten die politischen Unsicherheiten bezüglich Brexit und Pandemie erfolgreich überwunden werden, könnte Europa eine interessante Region sein – noch ist es dafür allerdings etwas zu früh.

6. Nach dem US-Zyklus kommt der Schwellenländer-Boom
Ein schwacher Dollar bietet, so die historischen Erfahrungen, Rückenwind für Schwellenländer. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt auch, dass jede große Krise der letzten 30 Jahre mit einem Favoritenwechsel einherging. So kam nach dem Platzen der Tech-Blase mit dem Rohstoff-Boom eine Phase der Schwellenländer. Diese endete mit der Finanzkrise und läutete den aktuellen US-Zyklus ein, der nun in eine „asiatische Dekade“ überzugehen scheint. So hat die erfolgreichere Bekämpfung der Pandemie den Konjunkturzyklus insbesondere in China vom Rest der Welt entkoppelt.

7. Unternehmensanleihen und Anleihen in lokaler Währung empfohlen
JP Morgan setzt 2021 auf Unternehmensanleihen. „Es mag zu einem Anstieg bei den Ausfällen bei Firmenanleihen kommen, aber die verbesserten Konjunkturaussichten und die Rettungsprogramme werden dafür sorgen, dass es bei mittleren und größeren Unternehmen wohl weniger Insolvenzen als bei einer Rezession üblich geben dürfte“, konstatiert Galler. Staaten und Notenbanken seien momentan bereit, viele Risiken zu übernehmen. Vor diesem Hintergrund seien die nur moderaten Risikoprämien weiterhin attraktiv.
Auch Anleihen in Lokalwährungen sind eine interessante Alternative, und auch hier sticht China positiv heraus: „Die Öffnung des 15 Billionen Dollar großen lokalen Renminbi-Anleihenmarkts für Ausländer bietet die Möglichkeit für niedrigzinsgeschädigte Anleger, in Renditen von über 3 Prozent zu investieren. Ein weiterer Vorteil ist eine relativ niedrige Korrelation sowohl zu den Anleihen der Industrieländer, als auch zu den Aktienmärkten, die hilft, das Risiko-Rendite-Profil des Portfolios zu verbessern“, sagt Galler.

8. Gewinne steigen, Bewertungen sinken
2021 sollten die KGV zurückgehen. Zwar sollten sich die Gewinne der Unternehmen erholen. Dennoch sind Aktien im Schnitt bereits hoch bewertet. So dürften die Kursgewinne moderater ausfallen als die bisher erwartete Steigerungsrate der Unternehmensgewinne. Dennoch blieben Aktien auch im kommenden Jahr etwas attraktiver als Anleihen.

9. Substanz (Value) schlägt Wachstum (Growth)
Value-Anleger hatten es seit der Finanzkrise nicht leicht und eine der großen Fragen der Anleger ist schon seit langem, wann es zur lange erwarteten Stilrotation kommt. In diesem Jahr hat die Pandemie die Bewertungsunterschiede bei Aktien zunächst noch weiter verstärkt und klassischen Growth-Branchen wie Technologie und Online-Handel zu einer Sonderkonjunktur verholfen. Doch seitdem am 9. November die Hoffnung auf einen bald verfügbaren Impfstoff – und damit ein absehbares Ende der Pandemie – besteht, lässt sich auch eine Erholungsrally bei den Substanzwerten beobachten. Mit der weiteren Normalisierung der Wirtschaft sollten diese einiges ihrer verlorenen Performance gegenüber den Wachstumswerten aufholen und sich die Bewertungsschere schließen.

10. ESG-Trend in Europa beschleunigt sich
Der Trend zur Nachhaltigkeit gewinnt auch für Investoren immer mehr an Relevanz. Nachdem die Bekämpfung des Klimawandels zunächst nur für Europa eine Priorität zu sein schien, haben europäische Entscheidungsträger die Führungsrolle übernommen: Die EU hat sich ambitioniertere Ziele zur CO2-Reduzierung gesteckt und bei deren Verfolgung größere Fortschritte erzielt als andere Regionen der Welt. Darüber hinaus hat sie ihre Bemühungen im Jahr 2020 mit der Zusage der Kommission zur Steigerung von Investitionen im Rahmen des sogenannten „Green Deal“ und zur Aufwendung von 30 Prozent des Wiederaufbaufonds der EU für grüne Initiativen investiert. „Mit Blick auf das Jahr 2021 lässt sich eine Zunahme der globalen Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels beobachten, die bei der 26. UN-Klimakonferenz (COP26) im November 2021 in Glasgow formalisiert werden könnte“, so Gallers Erwartung. „Dies sollte weitreichende Auswirkungen darauf haben, wie wir leben, produzieren und konsumieren – und somit auch auf den Kapitalmarkt.“

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