Jamaika-Scheitern von den Börsen wegesteckt

Jamaika-Scheitern von den Börsen wegesteckt

Die Koalitionsverhandlungen in Deutschland sind vorerst gescheitert. Die Börsen können das verkraften.

Das Lamentieren über das Scheitern der deutschen Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU, Grüne und FDP für eine sogenannte "Jamaika-Koalition" hat die Börsen nur kurz beeindruckt. Schon vor Mittag waren die Börsen im Plus, obwohl Viele das Scheitern massiv kritisieren. Ein Machtwort kommt am Montagnachmittag vom deutschen Bundespräsidenten Steinmeier.

"Jamaika" ist Wunschdenken. Und nun endgültig Geschichte. Nachdem FDP-Chef Christian Lindner die Gespräche einseitig in der Nacht zum Montag beendet hatten, hatte die Frankfurter Börse zunächst zu Börsebeginn ins Minus gedreht. doch lange hielt der Abwärtstrend nicht an. Die Börsianer zeigen sich trotz Scheitern der Gespräche für eine Regierungsbildung von CDU, CSU, Grüne und FDP unbeeindruckt. Die Frankfurter Börse notierte schon am Vormittag wieder leicht im Plus und konnte bis 14:30 Uhr bei knapp über 13.008,88 Punkten ein leichtes Plus (0,12 Prozent) halten. Der Euro notiert mit 1,1777 Dollar mit 0,13 Prozent im Minus.

Auch an den internationalen Börsen der Abbruch der Jamaika-Sondierungen keine Spuren hinterlassen. Der Euro STOXX 50 notiert mit 3553,61 Punkten mit 0,17 Prozent im Plus. Der ATX tritt mit einem Plus von 0,02 Prozent bei 3.315,67 Punkten auf der Stelle. Leicht zulegen konnten auch der FTSE in London mit +0,10 Prozent und CAC-40 in Paris +0,11 Prozent.

Ungeachtet der Sorgen und massiven Kritik diverser Vertreter von Verbänden und Ökonomen. "Schlamassel", "Tiefpunkt", "Enttäuschung": Die deutsche Wirtschaft spart nach dem Aus der Jamaika-Sondierungen f nicht mit Kritik an den beteiligten Parteien. Sie befürchtet eine Verunsicherung, die Investitionen bremsen kann. Top-Ökonomen rechnen aber nicht mit einem abrupten Ende des Aufschwungs.

Das Machtwort

Die offiziell geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel hatte in der Nacht noch angekündigt, sich mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Montag zu beraten. Und selbst die Lage zu analysieren bevor die nächsten Schritte beraten werden. Die beteiligten Parteien rechnen alle mit Neuwahlen.

Dem stemmt sich der deutsche Bundespräsident Steinmeier entgegen. Am Montagnachmittag hat er die Parteien zu einer Regierungsbildung aufgefordert. Er hat die Parteien an ihre Verantwortung zur Regierungsbildung erinnert. Diese könne nicht einfach an die Wähler zurückgegeben werden.

Der Sprengmeister der Koalitionsverhandlungen, FDP-Chef Christian Lindner, der ehute Nacht die Sondierungsgespräche einseitig aufgekündigt hatte, verteidigte indes den Abbruch der Gespräche: "Wir haben viele Kompromisse gemacht. Es gibt aber auch einen Kern von Grundüberzeugungen." Man wisse um die schwierige Lage Deutschlands nun. Wenn es zu Neuwahlen komme, habe die SPD die Schuld, da sie sich Koalitionsgesprächen verweigere. Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz hatte am Montagnachmittag erneut klar gemacht, dass seine Partei für die Neuauflage der Großen Koalition nicht zur Verfügung stehe.

Die Sozialdemokraten hatten gleich nach dem Ausgang der Wahl vor einer "Großen Koalition" abgewunken, wodurch die Jamaika-Verhandlungen erst eingeleitet wurden. Spitzenkandidat Martin Schulz hatte dies bis zuletzt bekräftigt in Opposition zu gehen. "Der Wähler hat die große Koalition abgewählt", lautete sein Credo auf die verlorene Bundestagswahl 24. September 2017. Der Neuauflage einer großen Koalition von CDU, CSU und SPD haben am Montag auch der SPD-Parteivorstand einmal mehr und zwar mit einstimmigem Votum eine Absage erteilt.

Zuvor hatten etliche Wirtschaftsvertreter recht harsch auf die schlechte Performance der Parteien reagiert. "Das ist geradezu demokratieschädlich." Nach diesem "Tiefpunkt" sollten sich alle Beteiligten 14 Tage Zeit nehmen, um sich zu besinnen. "Es ist fatal und kein gutes Signal für Wirtschaft und Gesellschaft, dass die sondierenden Parteien nicht in der Lage waren, sich auf tragfähige Kompromisse zu verständigen, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen", sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Peter Wollseifer. "Damit haben die sondierenden Parteien Deutschland einen Bärendienst erwiesen."

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. Das Scheitern sei eine Enttäuschung, werde doch damit eine Chance verpasst, ideologische Grenzen zu überwinden und sachgerechte Lösungen zu finden. Es bestehe die Gefahr, dass jetzt die Arbeiten an wichtigen Zukunftsthemen lange verzögert werden. "Deutsche Unternehmen müssen sich nun auf eine möglicherweise längere Phase der Unsicherheit einstellen", warnte Schweitzer.

Uneinheitlich ist die Meinung der Experten zu den wirtschaftlichen Folgen des Scheiterns der Sondierungsgespräche. Nicht wenige Verbände befürchten einen monatelangen Stillstand, sollte es zu Neuwahlen kommen. Angesichts voller Auftragsbücher und Rekordbeschäftigung und der starken Nachfrage nach Waren "Made in Germany" rechnen andere mit wenig bis gar keinen Auswirkungen. "Der volkswirtschaftliche Schaden dürfte gering sein, denn die Fundamentaldaten sind stark und die Konjunktur hat viel Rückenwind", sagt deshalb der Europa-Chefvolkswirt der Nordea-Bank, Holger Sandte.

Indes hatte das Scheitern der Gespräche sogar einigen Aktienkursen kräftig Auftrieb gegeben. Die schwindende Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen auf Bundesebene hat RWE Auftrieb gegeben. Die Aktien von Unternehmen aus den sogenannten Erneuerbaren Energien hatten indes an Wert verloren.

RWE produziert in Deutschland rund 60 Prozent seines Stroms in Kohle-Kraftwerken. Am Montag setzten sich die Titel mit einem Plus von 4 Prozent an die Dax-Spitze. Der Windkraftanlagen-Bauer Nordex rutschte dagegen um 5 Prozent ab. Der Solarindustrie-Zulieferer SMA Solar büßte 3,5 Prozent ein.

Keine Panik

Deutsche Staatsanleihen haben am Montag anfängliche Kursgewinne wieder abgegeben. Zu Mittag notierte der für den Anleihemarkt richtungweisende Euro-Bund-Future unverändert bei 162,87 Punkte. Zu Handelsbeginn war der Future noch bis auf 163,16 Punkte gestiegen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe lag bei 0,36 Prozent.

"Die Finanzmärkte gehen jedoch offenbar nur von einer Unsicherheitsphase aus", erklärte Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, die verhaltenen Kursausschläge. Schließlich gebe es in Deutschland nicht die Gefahr, dass eine antieuropäische Partei an Einfluss gewinne. Zudem stehe die deutsche Wirtschaft gut da.

Am Nachmittag wird EZB-Präsident Mario Draghi vor dem EU-Parlament sprechen. In den USA stehen nur Zahlen zum Sammelindex der Frühindikatoren im Oktober auf dem Kalender. Die Daten sorgen normalerweise aber nicht für starke Kursausschläge.

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