Treibstoff und Rendite für zündende Ideen - Investieren in Start-ups

Start-ups zu finanzieren, ist in. Im Erfolgsfall locken hohe Gewinne – für deren Realisierung aber Geduld und starke Nerven nötig sind. Das Wiener Nachhilfe-Start-up GoStudent hat 205 Mio. Euro bei Investoren wie Softbank oder Tencent eingesammelt und ist mit einer Bewertung von mehr als 1,4 Mrd. Euro nun Österreichs wertvollstes Start-up.

Treibstoff und Rendite für zündende Ideen - Investieren in Start-ups

77 Prozent der österreichischen Angel-Investoren haben 2020 mindestens ein Start-up finanziert.

Zu schwache Nerven für Kryptospekulationen? Die nächste Vorsorgewohnung zu kaufen, reizt nicht? Dann ein Investment in Start-ups! Immer mehr Anleger investieren jedenfalls ihr Geld in junge Unternehmen mit vielversprechenden Geschäftsmodellen.

Der prototypische Investor in diesem Bereich ist männlich, zwischen 45 und 54 Jahre alt und hält eine bis fünf Beteiligungen, in die er jeweils 50.000 bis 100.000 Euro gesteckt hat. Allerdings: Dieses von der Austrian Angel Investors Association (AAIA), einer Vereinigung heimischer Investoren und sogenannter Business Angels, skizzierte Profil ändert sich.

Laura Egg, AAIA Geschäftsführerin. Die heimische Interessenvertretung veranstaltet Workshops (17./18. Juni 2021), bietet Netzwerke und versucht, mit einem Positionspapier den gesetzlichen Rahmen zu verbessern: aaia.at

Corona führt auch hier zu einem Wandel, wie AAIA-Geschäftsführerin Laura Egg erläutert: „Seit Beginn der Pandemie sind wir sehr stark gewachsen, zählen 15 Prozent mehr Mitglieder, und viele junge Personen sind zu uns gestoßen.“ Über die Motive kann sie nur spekulieren: „Hier kommt eine Generation von Jungunternehmern, die erfolgreich war und etwas zurückgeben will.“

Markus Kainz, Geschäftsführer des Investorennetzwerks primeCROWD beobachtet ebenfalls Veränderungen: „Bei uns stieg der Frauenanteil zuletzt merklich, sowohl auf Gründerinnnen als auch auf Investorinnen-Seite.“ Etwas zurückgeben zu wollen, war dereinst auch die Motivation von Oliver Holle, der nach einem erfolgreichen Exit Mitte der Nullerjahre seine Erfahrungen weitergeben wollte und begann, Investoren für einen österreichischen Risikokapitalfonds zu suchen. Nach zäher Aufbauarbeit ist Speedinvest heute die erste Adresse für private Start-up-Investoren in Österreich.

Start-up-Fonds

450 Millionen Euro stecken mittlerweile in acht Fonds, die unterschiedliche Ausrichtungen haben. Für zwei werden gerade Mittel eingeworben: einen neuen Fintech-Fonds und einen Fonds für Start-ups mit vielversprechenden Marktplatzstrategien. Und neue Fondsideen sind bereits in Vorbereitung. „Marktplätze sind eigentlich ein etabliertes Thema, haben durch die Pandemie aber eine Sonderkonjunktur erlebt“, sagt Daniel Keiper-Knorr, der für Fundraising, IR und Portfoliobetreuung zuständige Speed­invest-Mitgründer.

Keiper-Knorr: "In den Lockdowns haben sich die Geschäftsmodelle der Plattformökonomien als besonders robust erwiesen. Modelle, bei denen die Dienstleistung selbst auch direkt über die Plattform erbracht werden konnte, sind extrem gewachsen. Die Nachhilfeplattform GoStudent ist das österreichische Paradebeispiel dafür.“

Milliardenschwere Geschäftsidee

Aus der Hilfestellung bei Hausübungen ist eine milliardenschwere Geschäftsidee geworden: Das Wiener Nachhilfe-Start-up GoStudent hat 205 Millionen Euro bei Investoren wie Softbank oder Tencent eingesammelt und ist mit einer Bewertung von mehr als 1,4 Milliarden Euro nun Österreichs wertvollstes Start-up. Zum Vergleich: Runtastic war beim Verkauf an Adidas 220 Mio. Euro wert. Laut Reuters ist GoStudent in Europa das höchstbewertete Unternehmen bei digitalen Bildungsangeboten.

Mit dem Geld der Investoren soll die weitere Expansion, unter anderem nach Kanada und Mexiko, vorangetrieben werden. Das Start-up zählt mittlerweile mehr als 500 Mitarbeiter weltweit an zwölf Standorten. Bis Jahresende sollen es 1.000 Mitarbeiter sein. Monatlich werden mehr als 400.000 Nachhilfestunden über die Plattform gebucht. Begonnen haben die Gründer, die heute 26- und 27-jährigen Geschäftsführer Felix Ohswald und Gregor Müller, 2015 mit einem WhatsApp-Service für Hausübungen, im Keller einer Segelschule an der Alten Donau.

Renditen für Ideen

 Daniel Keiper-Knorr: „Der erste Fonds ist bereits mehr als einmal zurückgezahlt, die Investoren haben ihren Einsatz mit einer schönen Rendite zurückbekommen. Die älteren Fonds der Jahrgänge 2011 bis 2018 zeigen eine durchschnittliche Rendite von rund 24 Prozent pro Jahr und konnten das eingesetzte Kapital verdoppeln.“ Besonders gut entwickelt hat sich laut Keiper-Knorr bislang das Thema Fintech. Hier hat Speedinvest mit WeFox und ­Bitpanda gleich zwei Einhörner, also Unternehmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind, mitfinanziert.

Was können die Investoren erwarten?

„Über die zehn Jahre sollte sich der Einsatz verdreifachen. Man darf die Wertsteigerungen allerdings nicht in den ersten Jahren erwarten“, sagt Keiper-Knorr, „die Rückflüsse kommen im letzten Laufzeitdrittel bzw. -viertel. Bis zu einem Börsengang oder einem Exit vergehen im Schnitt acht bis neun Jahre. „Im Vergleich zu Aktienindizes wie einem S&P oder Dow­Jones war die Performance von Risikokapitalfonds in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich besser“, sagt Keiper-Knorr, für den eine Beimischung von VC im Portfolio daher „sehr viel Sinn“ macht.

Die Performance europäischer Fonds war seit 2015 sogar besser als die von US-amerikanischen und asiatischen, ergab eine Analyse beim Earlybird-Fonds: Bei Milliardenexits bekamen die Investoren in Europa im Schnitt das 11,9-Fache retour, in den USA „nur“ das 9,9-Fache. Das erklärt auch das erstarkte Interesse von US-Fonds an europäischen Start-ups.

In den Speedinvest-Fonds sind drei Anlegerklassen investiert: Privatinvestoren, die zwischen 100.000 und 500.000 Euro einbringen. Ab einer halben Million sind vermögende Investoren wie Family Offices und Stiftungen dabei, bei fünf Millionen beginnt die Liga der institutionellen Anleger wie Banken, Versicherungen, Pensionskassen oder Großunternehmen. „Bei Spezialfonds, die auf eine bestimmte Branche ausgerichtet sind, machen Investments für Unternehmen ab einer gewissen Größe Sinn, da die Investoren damit einen direkten Kontakt zu den Portfoliofirmen erhalten.“

Zahlenmäßig bilden Geldgeber mit den kleinsten Tickets die größte Gruppe: Freiberufler wie Ärzte, Anwälte, Steuerberater, Architekten, Selbstständige, hochrangige Manager, Unternehmer mit Branchenfokus steigen ein. Daniel Keiper-Knorr: „So gibt es etwa Immobilienunternehmer, die sich ausschließlich für Proptech-Projekte interessieren, weil sie sich da auskennen. Die gehen dann unter unserer Führung ein Co-Investment ein. Da gibt es ein paar sehr aktive Investoren.“

Innovation in grün. Mehr als 1.100 Start-ups rechnen sich mit intelligenten Energie- und Mobilitätskonzepten Chancen im Rahmen von Europas grüner Wirtschaft aus.

Starten die Tickets bei Speed­invest bei 100.000 bis 200.000 Euro, können bei primeCROWD auch geringere Beträge investiert werden. „So kann ich mich auch mit kleineren Beträgen an Deals beteiligen, wo sonst nur Profis reinkommen“, so Kainz, der schätzt, für jedes vierte Unternehmen einen vernünftigen Exit hinzubekommen.

Megageld für Mega­Trends

Welche Geschäfte mit dem Geld hochgezogen werden, hat Corona entscheidend mitgeprägt. Wer Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu haben glaubt, zieht das Investoreninteresse besonders stark an. Hansi Hansmann, Österreichs bekanntester Start-up-Investor, empfiehlt: „Es ist immer gut, einem Mega­trend zu folgen“ (siehe Interview mit Hans Hansmann) . Zwei drängen sich in den Vordergrund: Corona-bedingt explodiert ist das Interesse an E-Health. 77 Prozent der in der AAIA versammelten Investoren haben im Corona-Jahr 2020 in mindestens ein Unternehmen eingezahlt und sich vor allem für E-Health- und Life Science-Konzepte interessiert.

Gesunde Renditen versprechen sich auch institutionelle Anleger wie Uniqa Ventures. „Dieses Jahrzehnt werden die Goldenen Zwanziger der Telemedizin“, ist Andreas Nemeth, CEO Uniqa Ventures, überzeugt. In diese Richtung investiert auch der Calm/Storm-Fonds, den Lucanus Polagnoli und Michael Ströck aufgelegt haben und für Investoren offen halten. PrimeCROWD-Geschäftsführer Markus Kainz bestätigt das: „Seit Corona sind Gesundheitsthemen extrem schnell ausfinanziert. Jetzt feiert Nachhaltigkeit wieder ein starkes Comeback.“

Dass der Green Deal Geschäft verspricht, ist Gründern und Risikokapitalgebern schon länger klar. Speedinvest und der schwedische Creandum Fonds haben die Datenbanken von Crunchbase, Dealroom sowie die eigenen durchgesehen und sind auf mehr als 1.100 einschlägige Unternehmen in Europa gestoßen, die sich im Climate-Tech-Bereich Chancen ausrechnen können – mehr als die Hälfte in Westeuropa, die meisten davon in Deutschland. Smarte Energie- und Mobilitätskonzepte sowie der Nahrungsmittelbereich sind die Hauptstoßrichtungen. Beide Fonds beobachten einen starken Anstieg dieser Start-ups. Das grüne Risikokapital ist laut PWC zwischen 2013 und 2019 um 3.750 Prozent gewachsen.

Investieren mit Vorsicht

 Bei aller Euphorie bleibt Investment in Start-ups aber eine Hochrisikoanlage. 40 Prozent der heimischen Investoren mussten eine Beteiligung schon komplett abschreiben. PrimeCROWD-Gründer Kainz: „Unerfahrene Investoren sollten genau hinsehen und sich beraten lassen. Leider machen die wenigsten eine Due Diligence.“

Oft sind Investoren zu schnell für eine Idee entflammt, ohne sie genauer zu hinterfragen. Kainz weiß: „Es gibt leider viel Bullshit.“ Zwei Zahlen unterstreichen das: Speedinvest scannt bis zu 10.000 Start-ups im Jahr – und finanziert am Ende gerade einmal 50.



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