„Nachhaltigkeit bringt Performance“

Erste-Vorstand Thomas Schaufler und der neue Private-Banking-Chef Maximilian Clary über die Zukunft des Private Bankings, vorsichtige Österreicher und Sparbuch-Alternativen.

„Nachhaltigkeit bringt Performance“

Maximilian Clary: „ESG- Investments sind die Zukunft.“

trend: Österreich zählt zu den Ländern mit besonders großen Vorbehalten gegenüber Anlageformen, die auch nur mit ein wenig Risiko behaftet sind, zum Beispiel Aktien. Welchen Stellenwert hat denn da das Private Banking in einer großen Bankengruppe?
Thomas Schaufler: Private Banking hat einen sehr hohen Stellenwert. Das ist ein extrem wichtiges Kundensegment für uns, das wir mit spezieller Beratung und Produktangeboten hochqualitativ servicieren. Aus diesen spezialisierten Dienstleistungen entwickeln wir auch Anlagekonzepte, von denen wir dann manche in standardisierter Form im Retailgeschäft allen Kunden zur Verfügung stellen.

Gibt es dafür Beispiele?
Schaufler: Ja, etwa unser Fonds­angebot youinvest, das praktisch einen Schritt in Richtung Demokratisierung der Vermögensverwaltung ermöglichte. Damit haben wir im Private Banking begonnen und es dann im Retailgeschäft übernommen. Aber zurück zur Bedeutung des Private Bankings: Unsere besondere Stärke ist, dass wir die individuelle Beratung einer Privatbank mit dem kompletten Produktangebot und den effizienten Prozessen einer Universalbank vereinen. Wir sind für unsere Kunden sowohl im Private Banking als auch auf Corporate-Seite ein qualifizierter Ansprechpartner und können ebenso große Finanzierungen und Emissionen darstellen oder Speziallösungen durch die eigene Erste Asset Management anbieten. Unser Ziel ist eine gesamtheitliche Beratung, um die private und die unternehmerische Sphäre unter einen Hut zu bringen.

Die Felle in diesem Marktsegment sind seit vielen Jahren verteilt. Mit welcher Strategie wollen Sie wachsen?
Schaufler: Wir haben drei Bereiche, mit denen wir punkten können. Der erste ist ESG – also Nachhaltigkeit. Da sind wir mit der Erste Asset Management führend, da können wir auf Kundenanfragen indi­viduell eingehen und mit eigenen Fonds und eigener Vermögensverwaltung Lösungen anbieten. Der zweite Bereich ist das Thema ­Digitalisierung in einer sich stark verändernden Interaktion und Kommunikation. Die Private-Banking-Kunden wollen über ihr Depot schnell, meist durch „Remote“-Beratung informiert werden. Und drittens geht es um die Erweiterung des Portfolios. Es werden individuelle vom Kunden nachgefragte Services wie zum Beispiel Direktinvestments in Unternehmen oder Private Equity in Form von Fonds oder Einzelengagements integriert.
Maximilian Clary: Ich bin überzeugt, dass nachhaltiges Investieren in Zukunft zum Standard des Investierens wird. Und wir wollen hier Vorreiter sein. Dies macht aus zwei Gründen Sinn. Erstens, weil es grundsätzlich das Richtige ist, bei Investments auf Nachhaltigkeit zu achten. Und zweitens ist dies ein ganz besonderer Faktor, weil es Performance bringen wird. Global zu beobachten ist eine tektonische Verschiebung in der Kapitalallokation hin zu ESG-Investments. Es gibt inzwischen 127 Länder, die Klimaneutralität als ein Ziel formuliert haben. Das lässt sich nur durch massive Investitionen ­sowohl von staatlicher als auch von privater Seite erreichen. Die dafür erforderliche Investitionssumme wird für die nächsten 20 Jahre auf zirka 30 Billionen Euro geschätzt. Weiters fokussieren praktisch alle großen institutionellen Vermögensmanager auf nachhaltiges Investieren. Es gibt also zwei Gründe für unsere Kunden, hier mitzumachen: einerseits die Performance und andererseits, das Richtige zu tun.

Zwei große Schweizer Privatbanken haben sich gerade aus dem österreichischen Private-Banking-Markt zurückgezogen, halten ihn also offenbar für uninteressant. Woher nehmen Sie da Ihren Optimismus?
Schaufler: Ich sehe den österreichischen Markt einschließlich unserer Nachbarländer als extrem interessant. Was die Schweizer bewogen hat, den Markt zu verlassen, müssen Sie die Schweizer selber fragen.
Clary: Wir sind als Marke Erste Bank in Österreich hervorragend positioniert, und für uns hat Private Banking eine sehr wichtige Rolle. Daher können sich unsere Kundinnen und Kunden darauf verlassen, dass wir uns nie zurückziehen werden. Wir haben einen Riesenvorteil gegenüber den Schweizer Banken. Wir können alle Leistungen einer Universalbank in hervorragender Qualität anbieten. Und das nützen und schätzen unsere Kunden auch.

Die neuen MIFID-Regeln sehen eine Entkoppelung zwischen Beratung und Verkauf vor und de facto erstmals so ­etwas wie eine „bankenunabhängige Beratung durch Banken“ – für die Kunden allerdings extra bezahlen müssen …

Clary: Stimmt, die Objektivität wird verlangt, deshalb haben wir auch eine offene Produktarchitektur. Im Private Banking ist es nicht gewünscht, nur die eigenen Produkte anzubieten, und das tun wir auch nicht. In den Vermögensverwaltungen sind die besten Fonds. Und wenn Fonds von anderen Anbietern besser bewertet sind als unsere hauseigenen, dann berücksichtigen wir dies natürlich. Trotzdem gibt es einen massiven Vorteil, ein eigenes Fondsmanagement wie die Erste Asset Management zu ­haben. Unsere vermögenden Kunden haben direkten Zugang zu den Fondsmanagern, mit denen dann auch individuelle Anlagestrategien diskutiert werden können.

Wer sind Ihre Kunden?
Clary: Wir betreuen das gesamte Spektrum an vermögenden Kunden und haben sehr viele Unternehmerkunden, bei denen viele Aspekte des persönlichen und des unternehmerischen Lebens wie zum Beispiel das Nachfolgethema eine Rolle spielen, wo wir unterstützen können. Wir haben viele Kunden, die Zeit ihres Lebens ein Vermögen aufgebaut haben und Private-Banking-Services in Anspruch nehmen, wir betreuen viele Stiftungen und institutionelle Kunden in der Veranlagung. Aber immer relevanter werden für uns auch junge Kunden.


Thomas Schaufler

Vorstandsmitglied Erste Bank und Group

Mit welchem Betrag kann ich bei Ihnen Kunde werden?
Clary: Ab 500.000 Euro Wertpapiervolumen.

Die Österreicher sind brave Sparer, ­obwohl sie damit derzeit ja Kaufkraft verlieren. Bei Aktieninvestments sind sie hingegen sehr zurückhaltend. Wie ­wollen Sie das ändern?
Schaufler: Das mit dem Sparen ist leider richtig. Das Ergebnis: Die Privatveranlagung von Herrn und Frau Österreicher hat über die vergangenen acht Jahre gerade einmal ein Prozent erwirtschaftet, die Finnen haben sieben Prozent Performance geschafft. Da muss unser Rat lauten, in die Veranlagung zu gehen. Es ist schon richtig, die Volatilität ist derzeit hoch, daher raten wir, das über Kapitalpläne zu machen und in Tranchen zu investieren, um nicht den Tag zu erwischen, an dem es gerade ­hinuntergegangen ist. Die Empfehlung der Beratung geht ins Wertpapier, und zwar, je nach Laufzeit in gemischte Portfolios oder reine Equity-Portfolios, und da breit zu streuen.

Gibt es den Euro in zehn Jahren noch?
Schaufler: Den Euro wird es weiter geben. Aber dennoch sehen wir derzeit vor allem bei größeren Portfolios, dass die Diversifikation nicht mehr nur nach Assetklassen, sondern auch nach Währungen erfolgt. Da ist immer auch der Dollar abgedeckt. Es macht durchaus Sinn, Geld in mehreren Währungen zu positionieren.
Clary: Über die üblichen Diversifikationsstrategien hinaus gibt es auch noch komplexe Strategien, die bewusst von manchen Kunden verwendet werden, etwa Immobilien- oder Landkäufe in anderen Kontinenten.

Wird es Negativzinsen geben?
Schaufler: Auf der Corporate-Seite gibt es ja schon Verwahrgebühren. Für den privaten Kunden wird es aber keine Negativzinsen geben.

Wenn Sie einen Wunsch an die Regierung hätten: Was würden Sie Sich
wünschen?

Schaufler: Kurzfristig würde ich eine Unterstützung von Investitionen durch steuerliche Anreize wünschen, langfristig würde ich mir Investitionen in die Finanzbildung an den Schulen wünschen, damit die Kinder nicht nur den Sparefroh, sondern auch den Investmentfonds kennenlernen, um in Zukunft mehr aus ihrem Geld machen zu können.
Clary: Und vielleicht noch eine Pensionsreform, um aus dem Umlagesystem herauszukommen und nachhaltige ­Investitionen in die zweite und dritte Säule zu fördern.


Zu den Personen

Thomas Schaufler ist Vorstandsmitglied der Erste Group und Erste Bank, und hier für den Bereich Group Retail verantwortlich. In der „Ersten“ ist Schaufler seit 1994 tätig.

Maximilian Clary und Aldringen ist ab 1. Juni als neuer Leiter Private Banking & Wealth Management Österreich und CEE der Erste Bank bestellt. Seine Ausbildung führte ihn unter anderem an die London Business School. Er wechselte 2013 von der RBI zur „Ersten“.



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