Ken Fisher: Keine Angst vor Panikmache

Gastkommentar. Trotz sinkender Wirtschaftsdaten und Problemen bei der Corona-Bekämpfung in Europa blicken die Börsen bereits nach vorne.

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

ALLES BEKANNT. Haben Sie es schon gehört? Der träge Impfstart in Europa wird die Wirtschaft blockieren und die überhitzten Aktienmärkte zum Absturz bringen. Österreich und Dänemark schielen bereits Richtung Israel, um der schleppenden Impfstoffverteilung in der EU etwas entgegenzusetzen. Der IWF hat deswegen seine Wachstumsprognose für die Eurozone gesenkt. Ökonomen fürchten ein Doppeltief. Die Wahrheit?

Je mehr alle schwitzen, desto wahrscheinlicher haben die Märkte die Ängste bereits eingepreist. Diese leise, aber verlässliche Leistung der Märkte ist eine der wichtigsten Lektionen aus dem Jahr 2020. Je mehr Aufmerksamkeit ein Thema erhält, desto eher problematisieren es die Experten als "Risiko". Nur wenigen ist klar, dass Storys, die in allen Nachrichten zu hören sind, damit auch jedem bekannt sind. Wer aus diesem Anlass Aktien handeln wollte, hat dies bereits getan. So viel ist klar.

Zumeist wird vergessen: Märkte sind eine ständige Auktion - mit Milliarden Käufern, Verkäufern und Beobachtern. Aktiengebote entstehen aufgrund von Meinungen, die von Schlagzeilen, Prognosen und Ängsten geformt werden. Altbekanntes, von Experten in Dauerschleife wiederholt, hat die Stimmung bereits geprägt und beeinflusst daher kaum noch die Aktien.

Es sind die Überraschungen, die Märkte in Bewegung setzen. So wie Anfang 2020: Die meisten Anleger erwarteten Gewinne, die Volkswirtschaften schienen auf Wachstum eingestellt. Nachrichten über ein Virus in China wurden noch im Januar weitgehend ignoriert. Dann traf Covid-19 Europa. Die nationalen Lockdowns erschütterten den Kontinent. Den Rest kennen Sie - auch den rasanten Absturz, vom Allzeithoch in den Bärenmarkt. Fast über Nacht wich der Optimismus der Verzweiflung. Die meisten Experten erwarteten Schlimmes und zogen historische Vergleiche mit den 1930er-Jahren. Sie warnten vor dem, was eine zweite Infektionswelle Ende 2020 dem Gesundheitswesen, der Wirtschaft und den Märkten bescheren würde.

Keine Überraschung

Das mit dem Gesundheitswesen erleben Sie gerade. Aber die Sorge um den Aktienmarkt traf nicht zu. Von der Ankündigung des zweiten Lockdowns in Österreich am 30. Oktober bis zum Jahresende kletterten die Aktienmärkte hierzulande um 35,3 Prozent. In der Eurozone waren es 19,4 Prozent.

Warum? Die zweite Covid-19-Welle kam nicht mehr überraschend. Der vorherige Aktieneinbruch hatte bereits erhebliche Wirtschaftseinbrüche und die Angst vor noch Schlimmerem eingepreist. Dadurch blickten die Aktien bereits in Richtung Öffnung und Erholung. Sie stiegen schon vor den ersten Anzeichen für eine wachsende Wirtschaft oder sinkende Fallzahlen.

Alles bedacht

So läuft es immer wieder. Das Wiederaufflammen von Covid-19; neuerliche Lockdowns; Wahlchaos in den USA; Brexit. Vielfach kommentiert - und damit eingepreist. Nichts davon entwickelte ausreichend negative Wirkung, um die Aktien umzustimmen.


Verzögerungen beim Impfen schockieren die Märkte nicht.

Dies gilt auch für Impfverzögerungen. Die ersten Erfolgsmeldungen zur Impfung erschienen Mitte November. Als Impfstoff-"Gewinner" vorhergesagt wurden, stiegen die Aktien. Es gab eine Rallye der lange schwächelnden Substanzwerte - wirtschaftlich sensibler Firmen, auf die man sich eher beim Wiederanstieg verlässt. Sie drückten zwischen dem 6. und 24. November weltweit die Wachstumsaktien von 10,5 auf 0,2 Prozent. Die meisten Experten sagten eine mehrjährige Dominanz der Substanzwerte voraus. Aber ihr Vorsprung schwand schnell. Die Theorie, dass Impfstoffe die Schwäche der Substanzwerte heilen würden, war zu verbreitet - und bereits eingepreist.

Vielleicht wirken daher News über Verzögerungen beim Impfen auf manche Anleger bedrohlich. Aber die Fachleute haben alle Theorien über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Impfung bereits gründlichst durchdacht. Jeder weiß, dass Impfen in Europa eine Herkulesaufgabe ist. Verzögerungen schockieren daher die Märkte nicht - Aktien erwarten selten Perfektion. In der Eurozone stiegen sie im Februar trotz aller Sorgen um 3,6 Prozent. Vertrauen Sie ihnen.

Diese Logik funktioniert immer wieder: Sobald es etwas Positives oder Erschreckendes in die Schlagzeilen geschafft hat, verliert es an Überraschungskraft. Das ist die große, stille Leistung der Fachleute. Sie helfen effizienten Märkten, sich an Informationen anzupassen, und preisen die voraussichtliche Zukunft ein. Sie zeigen Ihnen, worauf Sie nicht hören sollten.



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