Nachwuchstrader: Hilfe, meine Tochter investiert in Aktien!

So viele junge Menschen wie noch nie investieren am Kapitalmarkt. Onlinebroker und Trading-Apps mit geringen Transaktionskosten eignen sich für die langfristige Anlage, verleiten aber auch zum Zocken.

Nachwuchstrader: Alexander Breitenberger (23), Lucas Unterweger (21), Tetyana Polovenko (25), Viktoria Izdebska (19)

Nachwuchstrader: Alexander Breitenberger (23), Lucas Unterweger (21), Tetyana Polovenko (25), Viktoria Izdebska (19)

Wenn Alexander Breitenberger vom Schichtbetrieb als Mechatroniker nach Hause kommt, streift er den Arbeiter­Overall ab, schaltet den PC ein und beginnt seinen Zweitjob: Daytrader an der Börse. „Am liebsten arbeite ich bei meinem regulären Job in der Frühschicht, weil ich dann am Nachmittag an der US-Börse handeln kann“, erzählt er. Stundenlang analysiert er Charts, kauft und verkauft Derivate. „Ich halte kein Asset länger als einen Tag. Manchmal bin ich nur wenige Minuten am Markt.“

Breitenberger handelt vor allem mit Futures und spekuliert auf die kurzfristigen Entwicklungen von Wechselkursen, Gold oder Erdöl. „Ich befasse mich mit den Chartbildern und weniger mit Unternehmenszahlen oder Nachrichten“, erklärt er. Von seinen Börsengeschäften könne er schon leben. In zwei Jahren will er so viel gespart haben, dass er seine Stelle als Mechatroniker aufgeben kann. Sein Ansatz: „Warum sollte ich 40 Stunden die Woche arbeiten, wenn ich nur zwei Tage brauche, um 2.000 Euro zu verdienen? Ich möchte mein Leben genießen.“


Alexander Breitenberger, 23
Mechatroniker

Über den Hochfrequenzhandel spekuliert Breitenberger auf kurzfristige Kursentwicklungen. In zwei Jahren will er seinen Job als Mechatroniker aufgeben und rein vom Daytrading leben.


Der 23-Jährige steht stellvertretend für eine neue Generation von Anlegern, die derzeit auf den Kapitalmarkt strömt. Allein in Deutschland wagten sich im vergangenen Jahr rund 600.000 unter 30-Jährige das erste Mal aufs Börsenparkett. Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 67 Prozent, heißt es in einer Studie des Deutschen Aktieninstituts.

Auch in Österreich überlegt sich jeder Vierte, Wertpapiere zu kaufen, ergibt eine Umfrage des Aktienforums. Für den Anlageexperten Nikolaus Jilch von der Agenda Austria hat das mit der Geldpolitik der letzten zehn Jahre zu tun: „Solange die Notenbanken wie verrückt Geld drucken, werfen Anleihen und Sparbücher keine Zinsen ab. Seit der Finanzkrise gilt für Aktien das Akronym TINA – ‚there is no alternative‘.“

Nur wenige Junganleger kaufen Aktien traditionell über ihre Hausbank. Beliebter sind unbürokratische und kostengünstige Depots bei Direktbanken wie Flatex oder Dadat. Über Trading-Apps wie eToro und Robinhood handeln Digital Natives direkt übers Handy. Für Matthias Reiter, Mitgründer der Bildungsplattform finanzenverstehen.at , setzt das viel Eigenverantwortung voraus: „Bei der Bank hast du einen Berater, der einen Check macht, ob das Produkt zu dir passt. Beim Onlinebroker bist du auf dich allein gestellt. Man kann auch mit risikoreicheren Produkten handeln, die nicht zu einem passen.“

ETF-Boom.  Die meisten Junganleger setzen aber auf risikoarme Produkte und investieren langfristig. Einer von ihnen ist Lucas Unterweger. Der 21-Jährige studiert VWL und Mathematik an der WU und der Universität Wien. „Mein Ziel ist es, mir einen finanziellen Sicherheitssockel anzusparen. Eine Vorsorge für Lebensphasen, die man nicht vorhersehen kann“, sagt er. Unter­weger setzt bei der Geldanlage vorwiegend auf ETFs. Diese Exchange Traded Funds bilden verschiedene Indizes wie etwa den MSCI World ab und bündeln auf diese Weise Hunderte bis Tausende Einzelaktien. Das Risiko wird so gestreut und das Depot wächst langsam, aber kontinuierlich, erklärt Unterweger: „Es geht darum, den Wert des Vermögens zu erhalten, ­damit es die Inflation nicht wegfrisst.“

Die Inflation und die geringen Zinsen auf traditionelle Sparprodukte sind für Anlageexperte Jilch Mitgründe für den derzeitigen ETF-Boom: „Klassische Wege zur Geldanlage wie Sparbuch, Bau­sparvertrag oder Lebensversicherungen kannst du derzeit vergessen.“ Immobilien seien grundsätzlich nach wie vor ein gutes Investment, aber für junge Menschen nicht leistbar. In einen ETF hingegen könne man durch die geringen Transaktionsgebühren schon mit 100 Euro einsteigen. Auf lange Sicht könne man sich so ein ­ kleines Vermögen aufbauen, sagt Jilch: „Je früher du anfängst, desto besser sind deine Chancen, dass du die richtigen Gewohnheiten aufbaust. Die meisten scheitern nicht daran, dass sie die richtigen Aktien kaufen, sondern dass sie das Geld zur Seite legen und nicht konsumieren.“


Viktoria Izdebska, 19
Gründerin

Als die Aktienkurse im April 2020 am Boden waren, stieg Izdebska an der Börse ein. Sie ist fasziniert vom Unternehmertum und sieht sich selbst als (noch) kleine Business Angelina.


Trading-Apps.  Wer regelmäßig spart und zur richtigen Zeit auf die richtigen Aktien setzt, verdient doppelt. So auch Viktoria Izdebska. Die 19-jährige Start-up-­Gründerin hat während des Corona-Crashs im April 2020 ihre ersten Wertpapiere gekauft. „Ich hatte Glück. Als ich einstieg, waren alle Aktien unten und ich konnte sie billig einkaufen“, sagt Izdebska. Sie nutzt neben ihrem langfristigen Spardepot bei einer Direktbank auch Trading-Apps zum kurzfristigen Aktienhandel: „Das riskante Depot ist quasi mein Spielgeld. Hier spekuliere ich und schaue mir riskantere Finanzprodukte wie Optionen und Futures an.“

Bei Trading-Apps wie eToro oder Trade Republic dauert der Kauf und Verkauf von Wertpapieren nur wenige Sekunden. Die geringen Transaktionskosten, der einfache Aufbau und das spielerische Design können dabei schnell zum Zocken verleiten, warnt Bernd Lausecker, Finanzexperte beim Verein für Konsumenteninformation: „Die Gamification hält mich mit einem Belohnungssystem bei der Stange. Man verliert schnell das Gespür dafür, dass da echtes Geld dahintersteckt.“

Nikolaus Jilch beschäftigt sich für die Agenda Austria mit den Investments von Junganlegern: „Für Aktien gilt das Akronym TINA – ‚there is no alternative‘.“

Gleichzeitig tummeln sich am Markt für Trading-Apps auch zahlreiche unseriöse Anbieter, die ihre Nutzer abzocken. Lausecker rät deswegen: „Man sollte bei Onlineanbietern immer zuerst das Impressum lesen, bevor man investiert. Ist dort keine Adresse angegeben oder befindet sich der Firmensitz in einem Steuerparadies, heißt es: Finger weg!“

Kryptoecke.  Auch an Kryptowährungen haben sich schon viele junge Anleger die Finger verbrannt. Für die Finanzmathematikerin Tatyana Polovenko gilt deshalb das Credo: „Diversification is the only free lunch!“ Die 25-Jährige sichert ihr Portfolio durch Risikostreuung ab und setzt auf möglichst verschiedene Assets. Auch innerhalb von einzelnen Anlageklassen wie etwa Kryptowährungen nutzt Polovenko Diversifikation: „Bei Kryptowährungen muss man immer in mehrere unterschiedliche Coins investieren. Eine Kombination aus riskanten und weniger volatilen Währungen kann ein gut balanciertes Portfolio generieren.“


Lucas Unterweger, 21
Student

Bei der langfristigen Wertanlage setzt der VWL- und Mathematikstudent vor allem auf ETFs. Er möchte sich einen Sicherheitspolster für schlechte Zeiten aufbauen.


Bitcoin nimmt dabei eine besondere Rolle im Portfolio vieler Junganleger ein. „Wie Gold, das seinen Wert behält, aber in kürzeren Zeiträumen volatil sein kann, füllt Bitcoin die Rolle einer Sicherheitsdecke für Investoren aus“, erklärt Polovenko. Kryptoexperte Jilch von der Agenda Austria kann diesen Trend ebenfalls beobachten: „Die Kryptoecke ist wirklich crazy. Da entsteht ein neues Finanzsystem neben dem bestehenden Finanzsystem, und das wird bevölkert von jungen Leuten, die auf das normale Anlegen pfeifen.“

Wissen, wie.  Egal ob bei Kryptowährungen, bei Aktien oder ETFs – um Gewinne zu lukrieren, müssen sich Anleger mit den Finanzmärkten auseinandersetzen, rät Daytrader Breitenberger: „Ich hab am Anfang viel Geld verloren, weil ich der Meinung war, dass ich keine Hilfe brauche.“ Innerhalb weniger Wochen hat der 23-Jährige mehrere Zehntausend Euro an der Börse verspekuliert.

Damit andere Junganleger nicht denselben Fehler machen wie er, gibt er sein Wissen weiter. Er hat sich mit Start-up-Gründerin Izdebska, Finanzmathematikerin Polovenko und einigen weiteren Junganlegern zusammengetan und hält Workshops für Börseneinsteiger. Sein Leitgedanke: „Man kann am Finanzmarkt viel Geld verdienen. Aber man muss wissen, wie.“


Tatyana Polovenko, 25
Mathematikerin

Die Finanzmathematikerin setzt bei ihrem Portfolio auf Risikostreuung. Über Diversifikation möchte sie Verluste minimieren. Kryptowährungen sind für sie damit ebenso relevant wie ETFs.




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