8 Gründe, die jetzt für europäische Aktien sprechen

Nach Jahren schwacher Performance könnte nun der lange prognostizierte breite Aufschwung europäischer Aktien stattfinden. Karsten Stroh, Investmentspezialist der renommierten US-Investmentgesellschaft JP Morgan nennt acht triftige Gründe dafür und nennt seine Aktienfavoriten.

8 Gründe, die jetzt für europäische Aktien sprechen

Europas hat mit seinen vielen zyklischen Aktien gute Voraussetzungen um vom Aufschwung zu partizipieren.

Europäische Aktien, darunter auch deutsche und österreichische Aktien, haben sich zuletzt besser entwickelt als US-Indizes. Endlich, werden viele Anleger denken. Schließlich wird seit Jahren von Analysten eine sogenannte Outperformance, also ein besseres Abschneiden europäischer Indizes gegenüber jenen aus Übersee erwartet.

Der US-Aktienindex S&P 500 (ISIN: US78378X1072) notiert derzeit bei rund 4.100 Punkten. In zehn Jahren stieg der Kurs damit um über 200 Prozent. Der EuroStoxx50 (ISIN: EU0009658145), der Index der größten börsennotierten Gesellschaften in der EU, legte in derselben Zeit gerade einmal um 36 Prozent zu. Der Dax (ISIN: DE0008469008) zog in dieser Zeit immerhin um 100 Prozent an, beim ATX sind sich nur 20 Prozent ausgegangen.

Vor kräftigem Aufschwung in Europa

Kommt mit dem Post-Corona-Aufschwung nun endlich auch der europäische Aktienmarkt längerfristig stärker in Gang? Oder verliert die Region vollends den Anschluss an die USA und Asien, die mit vielen ihren Flaggschiffunternehmen die Welt beherrschen zu scheinen? Gerät Europa durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und dem langsamen Durchimpfen der Bevölkerung wirtschaftlich weiter ins Hintertreffen?

trend.at nahm zum Thema „Die Zukunft Europas“ an einem Webvortrag des Aktienspezialisten Karsten Stroh von JP Morgan Asset Management teil, nach dessen Ansicht einiges dafür spricht, dass die Wirtschaft und Börsen in Europa vor einem kräftigen Aufschwung stehen.


Aktienmärkte: 8 Gründe für Europa

1. EU schnürt das größte Konjunkturpaket aller Zeiten

Die EU tut alles, um der Wirtschaft nach mehr als einem Jahr Corona einen kräftigen Boost zu versetzen. So stellt die Europäische Union 4,5 Billionen Euro bereit, um die Wirtschaft nachhaltig anzukurbeln. So wurde unter anderem ein Rekord-Finanzrahmen von über einer Billion Euro für den EU-Haushalt verabschiedet. Es ist damit das größte Konjunkturpaket in Europa aller Zeiten. Ausgaben, die einem Viertel des jährlichen Bruttoinlandsprodukts der EU entsprechen.

2. Erste Eurobonds zum Schuldenabbau

„Um diese hohen Ausgaben tätigen zu können, hat die EU einige Tabus gebrochen“, bemerkt JPMorgan-Experte Stroh. So werden das erste Mal in der EU die lange von vielen Regierungen abgelehnten EU-Bonds aufgelegt und damit den Weg frei für eine Vergemeinschaftung der Schulden innerhalb der Union gegeben, aber auch das leichtere Abzahlen dieser hohen Schulden, da hoch verschuldete Staaten - mit der EU im Hintergrund - niedrigere Zinsen zahlen müssen.

3. Europäische Firmen sind konjunktursensibler

Einer der Gründe, warum in den vergangenen Jahren speziell im Vorjahr Aktienkurse von US-Unternehmen jenen Europas davongezogen sind, liegt an der im Schnitt eher defensiveren Charakter von US-Firmen. So haben viele sogenannte Stay-at-Home-Aktien wie Netflix (ISIN: US64110L1061) und Apple (ISIN: US0378331005) profitiert und nicht Aktien konjunktursensibler Unternehmen wie Industriebetriebe oder Banken, wie sie stärker in Europa vertreten sind. Solche zyklischen Papiere, wie sie auch im Dax und im ATX häufig zu finden sind, partizipieren in einem Aufschwung als erstes.

Beispiel VW: Einer der größten Unterbewertungen

Einer der Aktien denen JPMorgan viel Potential zutraut ist VW (ISIN: DE0007664039). „Das Unternehmen weist einer größten Unterbewertungen auf und ist trotz deutlichem Gewinnanstieg weiter attraktiv“, urteilt der JPMorgan-Aktienspezialist. China, einem der Hauptabsatzländer des Autoherstellers boomt, die Nachfrage nach Elektroautos zieht an. Die Aktie ist zwar im letzten Jahr um 60 Prozent gestiegen, aber Experten heben das Kursziel immer weiter an. Der Kurs könnte demnach auf bis zu 350 Euro steigen. Das wäre ein Kursanstieg von über 60 Prozent und deutlich über dem Höchststand von 2015.

4. Europa profitiert vom Trend zur Nachhaltigkeit

Wenn europäische Unternehmen wo die Nase vorne haben, dann beim Thema Nachhaltigkeit. Werden Umweltschutz, Soziales und Wohlverhalten von Unternehmen seit Jahren forciert. „Wir sehen massive Mittelzuflüsse in Fonds, die sich bei der Auswahl der Wertpapiere auf ESG-Kriterien spezialisiert haben“, bemerkt Stroh.

5. Gewinnprognosen nach oben revidiert

In den vergangenen Jahren hat sich tendenziell immer wieder dasselbe traurige Schauspiel zugetragen: Die Analysten haben für die Unternehmen, die sie „covern“ Gewinnprognosen abgegeben, die hinterher regelmäßig nach unten revidiert werden mussten. Jetzt ist es erstmals seit Jahren genau umgekehrt. JPMorgan-Experte Stroh: „Selbst, obwohl alle angenommen haben, dass die Konjunktur kräftig anzieht, waren die Analysten zu vorsichtig in ihren Vorhersagen und müssen nun die Prognosen nach oben revidieren, weil die Gewinne so stark steigen. Die Gewinnentwicklung ist einer der wichtigsten Indikatoren, ob die Kurse von Aktien stiegen oder fallen.


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6. Europäische Unternehmen mit höchstem Free-Cashflow

Weder in Asien noch in den USA sitzen die Unternehmen auf so viel Cash wie in Europa. „Europäische Unternehmen verfügen über den höchsten Free-Cashflow“, argumentiert Stroh. Wer über reichlich Cash verfügt, kann gerade in einen Aufschwung hinein investieren und so ordentlich Kasse machen.

7. Britische Aktien so billig wie vor 45 Jahren

Die Bewertungsunterschiede zwischen Anleihen und europäischen Aktien waren selten größer, was ebenfalls für ein Engagement in europäische Titel spricht. Besonders die britischen Aktien sind derzeit zu Spottpreisen zu haben. „Die Folgen des Brexits sind längst und über die Maßen eingepreist“, befindet der Investmentspezialist für international Aktien bei JP Morgan. Zahlreiche weltweit agierende Champions finden sich im britischen Aktienindex FTSE (ISIN: GB0001383545) .

AKTIENTIPPS: Brit-Aktien mit Kurschancen

8. Europäische Technologieaktien stark unterbewertet

Zu den Sektoren, die derzeit am niedrigsten bewertet sind, zählt nach Einschätzung von JPMorgan auch der europäische Techsektor. Im Gegensatz zur US-Techbranche verfügt Europa zwar nicht über große Unternehmen im B2C-Bereich, entfaltet dafür aber seine Stärke bei B2B.

Die häufig geäußerten Bedenken, europäische Techunternehmen würden gegen jene aus den USA und Asien an Boden verlieren, relativiert JPMorgan. „In den USA dominieren zwar große Techkonzerne die Branche, aber in Europa gibt es zweieinhalb Mal so viele Unternehmen in diesem Sektor“, erläutert Stroh. Viele Aktien davon sind aufgrund ihrer geringeren Marktkapitalisierung für Analysten jedoch uninteressant. Dadurch entstünden am Aktienmarkt Ineffizienzen, die Anleger Kurschancen bieten würden.

AKTIENTIPPS: European Tech

  • Infineon. Die EU zählt etwa bei der Produktion von Halbleitern zu den führenden Regionen. Darunter die deutsche Infineon (ISIN: DE0006231004), einer der großen Ausrüster für die Halbleiterindustrie, bei dessen Unternehmen sich der Megatrend Elektromobilität mehr und mehr als Impulsgeber erweist.
  • ASML. Eine der Parade-Tech-Firmen ist auch die holländische ASML (ISIN: NL0010273215). Die Aktie des weltweit größten Anbieters von Lithographie-Systemen für die Halbleiterindustrie wird von renommierten Banken wie Goldman Sachs, Credit Suisse, JP Morgan und der Bank of America zum Kauf empfohlen. Der Aktie wird ein Kurspotential bis zu 40 Prozent zugetraut. Kursziel: 720 Euro. Stroh attestiert europäischen Techunternehmen auch bessere Fähigkeiten mit den steigenden Anforderungen von Regulatoren zurechtzukommen, da diese schon bisher deutlich mehr Regeln auferlegt wurde als US-Konzerne.
  • Hello Fresh. Die dominante Marktstellung von US-Playern wie Amazon ist nicht unumstößlich, gerade in einzelnen Segmenten, wie das Beispiel des Onlinehändlers zeigt. „Das Unternehmen hat in den letzten zwölf Monaten Marktanteile verloren. Firmen wie dem deutschen Essensboxen-Zusteller Hello Fresh (ISIN: DE000A161408)gelingt es in Teilbereichen Amazon etwas vom Kuchen wegzunehmen“, argumentiert Stroh. Die Aktie von Hello Fresh sprang in den letzten zwölf Jahren um 95 Prozent in die Höhe. Die Credit Suisse belässt das Papier dennoch auf Outperformance. Aktueller Kurs 72 Euro. Kursziel: 95 Euro. Die Begründung: Die Märkte für Essboxen-Anbieter böten noch viel Potenzial. Innerhalb der letzten drei Monate hat das Unternehmen zwei Millionen neue Kunden gewonnen.
  • FONDSTIPP: Europäischer Techfonds bietet breite Streuung
    In diesem Zusammenhang wirbt JP Morgan für seinen JPM Europe Technology Fonds (ISIN: LU0104030142). Der vor 20 Jahren aufgelegte Fonds hat in 19 Jahren seine Benchmark geschlagen und erzielte in den letzten zehn Jahren im Schnitt eine Performance von fast 16 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es rund 46 Prozent. Die größten Positionen im Fonds sind ASML, Infineon und SAP (ISIN: DE0007164600).
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