„Eine der größten Geldverschiebungen, die es je gab“

Die Zahl der Unternehmen, die die Nachhaltigkeitsziele der UN erreichen wollen wächst und auch die Fondsindustrie setzt auf das Thema. Die aktuellen Trends und Top-Fonds.

„Eine der größten Geldverschiebungen, die es je gab“

Kaum ein anderer Investmentzweig ist je so schnell gewachsen wie der Bereich der Nachhaltigkeit. Noch Ende 2019 waren erst 15 Prozent des Fondsvermögens in Europa in solchen ESG-Fonds investiert. 2025 könnte der Anteil laut einer Umfrage des Unternehmensberaters PwC auf 40 oder sogar 57 Prozent steigen, so die Einschätzung von 1.300 institutionellen und privaten Investoren.


Die Definition von ESG

ESG beinhaltet die Bewertung der Praktiken eines Unternehmens im Hinblick auf Umwelt (= Environmental), Soziales (= Social) und verantwortungsvolle Unternehmensführung (= Governance), indem diese anhand einer Reihe von definierten Kriterien geprüft werden. Mit anderen Worten: Unternehmen müssen Anforderungen erfüllen, die mit bestimmten Standards übereinstimmen.

Environmental. Umweltaspekte können zum Beispiel den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens, den Energieverbrauch und das Abfall-Management umfassen. Sie können aber auch die Einhaltung von Umweltvorschriften durch das Unternehmen berücksichtigen.

Social. Die soziale Komponente konzentriert sich auf Fragen, die mit der Unternehmenskultur und der Beziehung des Unternehmens zu seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden zusammenhängen. Die Liste der Kriterien kann unter anderem Diversität, Arbeitsplatzstandards und Datenschutz umfassen.

Governance. Governance-Faktoren beziehen sich auf das Managementteam des Unternehmens und die Art und Weise, wie es das Geschäft führt. Aktionärsrechte, Vergütung von Führungskräften und Mitarbeitern, aber auch Bestechung und Korruption sind nur einige der Punkte, die in dieser Hinsicht auf der Tagesordnung verantwortungsbewusster Investoren stehen.

Anforderungen an Unternehmen steigen

Ein weiterer Aspekt, der die Nachhaltigkeit befeuert: Durch den zunehmenden Druck der Investoren sind Unternehmen immer mehr gezwungen, ihr Geschäftsmodell in Fragen der Umwelt, Ethik und Soziales lupenrein aufzustellen, da diese sonst aus dem Investmentuniversum herausfliegen. Sogenanntes Greenwashing, wenn Unternehmen nur vorgeben, umwelt- und verantwortsbewusst zu agieren, um gut dazustehen, kommen immer schwerer damit durch, da die Anforderungen steigen

UN-Nachhaltigkeitsziele als Maßstab

Als Maßstab, wie nachhaltiges Agieren von Unternehmen bewertet werden kann, kristallisieren sich immer mehr die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen heraus. Diese wurden zur weltweiten Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene entwickelt. „Um diese Ziele zu erreichen, sind pro Jahr 6,3 Billionen Dollar nötig. Das führt zu einer der größten Geldverschiebungen bei Investment-Allokationen, die es je gegeben hat“, resümiert Paul Buchwitz, Fondsmanager des DWS Invest SDG Global Equities, im Rahmen einer Online-Präsentation.

Gigantische Zuwachsraten erwartet

Die verwalteten ESG-Aktienfonds sollen laut PwC-Prognosen von 866,3 Milliarden Euro Ende 2009 auf 2,6 bis 3,6 Billionen Euro im Jahr 2025 anwachsen.

Ein Beispiel für den rasanten Anstieg des Fondsvolumens ist der DWS Invest SDG Global Equities (ISIN: LU1891311430). Der Nachhaltigkeitsfonds, erst Ende 2018 aufgelegt, verfügt bereits über ein Fondsvolumen von 1,3 Milliarden Euro. Auch die Renditen der Fonds sind eindrucksvoll. Der DWS Invest SDG Global Equity erzielte innerhalb der letzten zwölf Monate eine Wertentwicklung von 40,4 Prozent. Der Fonds agiert nicht nur nach den üblichen Ausschlusskriterien, das etwa Aktien von Rüstungs- oder Tabakkonzernen. Die Unternehmen, in die der DWS-Fonds investiert, sollen mit ihren Produkten dazu beitragen, den UN-Zielen näher zu kommen.

Umweltfonds der Erste Bank steigt um 110 Prozent in einem Jahr

Ebenso beeindruckend ist die Entwicklung des Fondsvolumens des Erste WWF Stock Environment (ISIN: AT0000A20DU5). Der Fonds des österreichischen Institutes der im Vergleich zur DWS – Deutschlands größte Fondsgesellschaft - auch nicht über dessen Vertriebsarm verfügt, hat seit seinem Start Mitte Juli sein Volumen auf 910 Millionen Euro erhöhen können. Nicht nur, dass der Fonds mit Anlegergeld überschüttet wird, auch die Kurse ziehen steil gegen Norden. Im vergangenen Jahr legte der Ökofonds um 110 Prozent zu. Wie der DWS-Fonds setzt auch der Erste-Fonds stark auf Zukunftstechnologien. Zu den Toppositionen zählenKurita Water Industries, Sunnova Energy, Evoqua Water und Daqo New Energy.

Breit aufgestellter DWS-Nachhaltigkeitsfonds

Der DWS Invest SDG Global Equities ist da deutlich breiter und auch konservativer aufgestellt als der Erste-WWF-Stock-Fonds und hält auch Papiere wie Microsoft und Medtronics im Portfolio. Die aktuelle größte Position im Depot, Darling Ingredients, ist aber durchaus eine heiße Wette. Das Unternehmen sammelt organische Abfälle und verarbeitet diese zu Gelatine und Proteinen, die wiederum Eingang in Tiernahrung finden. Zudem produziert das Unternehmen erneuerbare Energie. Der Kurs der Aktie stieg binnen zwölf Monate um 316 Prozent. Die Marktkapitalisierung ist mit zehn Milliarden Dollar aber noch relativ gering. Die Aktie wurde erst vor zwei Wochen von Analysten zum Kauf empfohlen.

Der ÖkoWorldKlima (ISIN: LU1727504604), erst im Oktober 2020 aufgelegt und bereits eine halbe Milliarde Euro schwer, erzielte seither eine Rendite von 15 Prozent. Der Fonds investiert weltweit vor allem in Unternehmen, die Produkte, Technologien und Dienstleistungen anbieten, die zur Behebung der Ursachen des Treibhauseffekts beitragen. Anlageschwerpunkte sind Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Recycling, neue Werkstoffe, nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, Anpassung an den Klimawandel vor allem durch Erhalt der natürlichen Artenvielfalt, nachhaltige Wassernutzung sowie Verringerung der Schadstoffbelastung von Luft, Böden und Gewässern.

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Technologien für den effizienteren Umgang mit Wasser

Als einer der großen Wachstumsbranchen, um die Dekarbonisierung voranzutreiben, nennt DWS-Manager Buchwitz die effizientere Nutzung der Ressource Wasser. Investiert wird dazu in die dafür nötigen Technologien. So werden für zahlreiche Zukunftstechnologien große Mengen Wasser benötigt. Für den Bau eines Elektroautos müssen laut DWS-Experten Buchwitz 100.000 Liter Wasser aufgewendet werden, für die Produktion eines Halbleiterchips sind schon 100 Liter nötig.

Ein zentraler Baustein, auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft, ist die Abwasseraufbereitung. Bis zu 37 Prozent des Wassers in Entwicklungsländern versickert ungenützt. 80 Prozent des Abwassers weltweit gelangt laut DWS wieder unbehandelt in die Natur. Der Fokus auf Nachhaltigkeit und die immer strenger werdenden Regulierungen werden die Investitionen in diesem Bereich stark antreiben. Auch in die Erneuerung von Wasserleitungen wird noch viel Geld fließe, wie etwa in den USA. In New York sind etwa noch viele Wasserleitungen aus Holz. „Um das zu ändern, muss noch viel investiert werden“, so DWS Fondsmanager Buchwitz. Um den Wasserverlust in den Leitungen zu stoppen, sollen intelligente Wasserzähler die Lecks sofort erkennen. Um solche Investitionen zu stemmen, sind Konsolidierungen in der Branche absehbar. In den USA gibt es derzeit noch 15.000 Wasserversorger.

Fliegen mit grünem Kerosin

Hohe Investitionen sind auch nötig, um das Fliegen CO2-neutral zu machen. Airlines wie die skandinavische SAS wollen ihre Flugzeuge bis 2030 nur noch mit Biokraftstoffen betanken. Damit soll Kerosin vollständig ersetzt werden können. „Der dafür nötige erneuerbare Diesel muss aber noch erheblich verfeinert werden. Es müssen auch enorme Kapazitäten aufgebaut werden, um den Flugverkehr auf diese Weise zu dekarbonisieren “, meint Buchwitz. Künftig könnte Kerosin in großem Maßstab aus Wasserstoff und Kohlendioxid hergestellt werden. Britische Forscher machen Hoffnung, dass dieser synthetische Kraftstoff tatsächlich Kerosin ersetzen könnte. Die deutschen Luftverkehrswirtschaft hat vor wenigen Wochen einen Masterplan, wie man im Flugverkehr, der für rund drei Prozent der globalen Emissionen verantwortlich ist, Klimaneutralität erreichen könne. Dabei spielen neben Energieeinsparungen an Flughäfen, synthetisch hergestellte Treibstoffe eine zentrale Rolle.

Onlineunterricht für Millionen Studenten

Wachstumspotenzial ortet der Nachhaltigkeitsexperte auch bei Unternehmen, die vom Onlineunterricht profitieren. So sollen in China bereits in wenigen Jahren 50 Millionen neue Studenten die Unibank drücken. Dafür gibt es aber bei Weitem nicht so viele Unis. „Der Unterricht wird vielfach online stattfinden“, glaubt Buchwitz. Wachstumschancen ortet der Aktienspezialist auch bei asiatischen Unternehmen, die auf Nachhilfeunterricht spezialisiert sind. In Japan und Südkorea bekommen rund 80 Prozent der Schüler Nachhilfeunterricht, in China sind es nicht einmal 30 Prozent. Das könnte sich ändern.

Neue Kennzeichnungspflicht von ESG-Fonds: DWS-Fonds schafft höchstes Level

Der DWS Invest SDG Global Equities ist einer der wenigen Fonds, die laut den neuen EU-Richtlinien, den höchsten Nachhaltigkeitskriterien entsprechen und wird deshalb als dunkelgrüner Fonds ausgewiesen. Eine solche Bezeichnung dürfen nur ESG-Fonds führen, deren Nachhaltigkeitsstrategie auch einen messbaren Effekt haben. Gemessen wird dieser am Umsatz, der Produkte, die die UN-Nachhaltigkeitsziele vorantreiben.

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