Wiener Börse-Chef Boschan: "Investieren statt spekulieren"

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse AG, über Gewinnchancen mit österreichischen Aktien und notwendige Steuererleichterungen für langfristig orientierte Anleger.

Wiener Börse-Chef Boschan: "Investieren statt spekulieren"

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse AG

trend: Welches Geschenk würden Sie sich von der Regierung zu 250 Jahren Wiener Börse wünschen?
Christoph Boschan: Ich würde mir eine klare, mit einem Ziel versehene Kapitalmarktstrategie erhoffen. Denn wir werden jetzt besonders nach der Krise sehen, dass Volkswirtschaften mit entwickelten Kapitalmärkten sich schneller und nachhaltiger erholen. Sie werden das deutlich größere Wachstum aufweisen. Ein entwickelter Kapitalmarkt ist für alle eine Win-Win-Win-Situation.

Und eventuell Änderungen bei der Kapitalertragsteuer?
Natürlich. Wir wünschen uns ja gar nichts Neues, sondern nur, dass die Eckpfeiler aus dem Regierungsprogramm umgesetzt werden. Und darin wird festgehalten, dass Wertpapiere nach einer noch festzulegenden Behaltedauer von der Kapitalertragsteuer befreit werden. Und auch, dass es eine landesweite Strategie für mehr Finanzbildung geben wird. Wir wünschen uns also nur die Umsetzung des Versprochenen. Und das möglichst zügig.

Welchen Beitrag hat der Kapitalmarkt zur Bewältigung der Krise geleistet?
Einen ganz entscheidenden. Denn der Kapitalmarkt repräsentiert ja die österreichische Wirtschaft. Jeder zehnte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt von börsennotierten Unternehmen ab. Jedes in Wien börsennotierte Unternehmen schafft Wertschöpfung in Österreich. Und nicht zuletzt ist der Staat ja selbst ein großer Aktionär. Über die Dividenden fließen daher Hunderte Millionen direkt in den Staatshaushalt.


Es sollen mehr Menschen zum Investieren und nicht zum Spekulieren gebracht werden.

Wie könnten mehr Österreicher am Aufschwung der Wirtschaft teilhaben?
Die meisten am Wiener Markt notierten Unternehmen profitieren vom internationalen Aufschwung. Und das ist auch Grund, warum die Kursentwicklung derzeit so erfreulich ist. Wir würden uns wünschen, dass nicht nur der Staat, sondern dass auch mehr Bürger mit Aktien von dieser Entwicklung profitieren. Dazu müsste es mehr Finanzbildung geben und eine steuerliche Förderung. Denn der österreichische Anleger investiert aus einem bereits versteuerten Arbeitseinkommen und möchte für eine Altersvorsorge am Kapitalmarkt keine Doppelbesteuerung hinnehmen müssen.

In der Krise haben besonders junge Menschen den Kapitalmarkt entdeckt - Stichwort GameStop. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Sie hat für mich zwei Aspekte. Zunächst einen eher abschreckenden. Denn wenn man sieht, mit welcher Leichtfertigkeit dabei mit Geld umgegangen wird und welche großen Kursschwankungen gerade bei diesen Investments auftreten, dann fürchte ich, dass das für die breite Bevölkerung keine Vorbildwirkung hat. Denn es sollen ja mehr Menschen zum Investieren und nicht zum Spekulieren gebracht werden. Der positive Aspekt ist aber, dass durch die technisch erleichterten Zugangsmöglichkeiten zur Börse die Demokratisierung der Kapitalmärkte vorangetrieben wird. Anleger können nun viel leichter investieren. Also bleibt von dieser Welle, wenn sie sich in Richtung Investieren bewegt, auch eine positive Entwicklung über.

In Österreich wird Aktienbesitz aber immer noch hauptsächlich mit Spekulation gleichgesetzt. Wie kann man das ändern?
Indem man nicht die kurzfristige, sondern die langfristige Entwicklung, beispielsweise der Wiener Börse, betrachtet. Der ATX brachte inklusive Dividenden ein Plus von 600 Prozent seit Bestehen. Das entspricht einer Durchschnittsrendite von 6,5 Prozent. Aber diese hohe Durchschnittsrendite erzielt man nicht durch Spekulation, sondern nur durch langfristiges Investieren.


Eine hohe Durchschnittsrendite erzielt man nur durch langfristiges Investieren.

Einer der größten Investoren an der Wiener Börse, der von dieser langfristigen Entwicklung profitiert, ist der norwegische Staatsfonds. Sollte es nicht auch einen österreichischen Staatsfonds geben?
Absolut. Das wäre ein enorm wichtiger Beitrag zu einer weiteren Entwicklung des heimischen Kapitalmarkts. Der müsste aber nicht auf ein doch kleineres Universum wie den österreichischen Markt fokussiert bleiben, sondern könnte dann natürlich auch international investieren. Der größte ist mittlerweile der Government Pension Fund of Japan, der Vorsorge einer immer älter werdenden Bevölkerung absichern soll. Und diese demografische Entwicklung gibt es ja in Deutschland und Österreich ebenfalls. Mit einem Staatsfonds könnte der gegenwärtige Wohlstand zu künftigen Generationen weitertransportiert werden.

Welche Renditen erzielen Staatsfonds?
Das hängt vom Zeitpunkt der Gründung ab. Der Norwegian State Fund, einer der ältesten Staatsfonds, hat ein Wachstum von zwölf bis 14 Prozent. Die aus der zweiten Gründungswelle erzielen noch um die zehn Prozent. Und die aus der dritten nur mehr rund sechs Prozent. Wer eine Staatsfondsidee für richtig hält, der muss jetzt handeln.


Zur Person

Christoph Boschan ist seit 1. September 2016 Vorstandsvorsitzender der Börsengruppe Wien und Prag. Zuvor war er unter anderem Joint-CEO bei der Börse Stuttgart sowie Vorstand der Euwax.


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