"In den nächsten fünf Jahren wird mit Aktien nichts zu verdienen sein"

"In den nächsten fünf Jahren wird mit Aktien nichts zu verdienen sein"

Marko Musulin managt mit seinem Unternehmen, Dale Investment, von Wien aus das Geld von vermögendenen Familien und Privatstiftungen.

Trend.at sprach mit dem Marko Musulin, Verwalter großer Familienvermögen in Österreich, wie er in dieser Spätphase des Bullenmarktes das Geld seiner betuchten Kunden anlegt, worauf er achtet, um keine Rezessionssignale und Auslöser eines Bärenmarktes zu übersehen. Und warum es mit dem Teufel zugehen sollte, wenn in nächsten fünf Jahren nicht eine deutliche Wendung vollzieht.

Im Februar sind die Märkte abgestürzt, um sich nun wieder kräftig zu erholen. War die Entwicklung vorhersehbar?
Der Trendbruch im Februar war vorherzusehen, wenn dieser auch heftiger ausgefallen ist als erwartet. Seither wurden die Tiefstände erfolgreich getestet , die Börsen haben sich stabilisiert, es sieht sogar so aus, dass wir auf neue Höchststände zusteuern könnten.
Das Wirtschaftswachstum in den USA ist weiterhin robust. Europa und Japan hinken dieser Entwicklung stärker hinterher. Zu Jahresbeginn haben die Prognosen für die Eurozone noch ganz anders geklungen. Für Euroland wurden das höchste Wachstum und die höchsten Kurszuwächse vorhergesagt. Gekommen ist es anders.
Beim Optimismus für die wirtschaftliche Entwicklung Europas ist man über das Ziel hinausgeschossen. Aber das ist im Grunde besser so. Wir sind nur moderates Wachstum gewohnt. Wenn das Wachstum zu stark ausfällt, besteht die Gefahr,dass die Inflation anzieht, das Zinsniveau zu stark ansteigt, Unternehmen dies nicht verkraften können und die Konjunktur kippt.


Es gibt keine Anzeichen einer Rezession

Werden die Börsen in nächster Zeit weiter steigen?
Die Firmengewinne entwickeln sich weiterhin gut. Steigerungen sind weiterhin möglich. Wir sehen auch in unserem selbst entwickelten Dale-Frühindikator, in den global laufend etwa 120 Daten einfließen, keinerlei Anzeichen für eine Rezession innerhalb der kommenden zwölf bis achtzehn Monate. Mit diesem Indikator konnten wir in der Vergangenheit fast alle Bärenmärkte, die mit Rezessionen verbunden waren, mit einem Vorlauf von durchschnittlich etwa sechs Monaten vorhersagen. Außerdem fehlen Zeichen der Euphorie, die davor meist eintreten. Besonders wichtig: In den USA scheint das Wirtschaftswachstum sogar zuzunehmen. In der Geschichte gab es bisher nur zwei Mal weltweit einen Bärenmarkt, dem keine Rezession in den USA vorausgegangen ist. Eine Abkühlungsphase ,wie wir sie derzeit in Europa und Japan, aber auch in den Schwellenländern sehen ist, nicht bedenklich. Als Europa 2011 in die Rezession schlitterte, war das global nicht spürbar.

Was sind typische Auslöser einer Rezession?
In der Vergangenheit waren es vor allem zwei Faktoren, die für eine Rezession verantwortlich waren. Eine US- Zinspolitik, die zuerst zu lange der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung hinterher hinkt und die Zinsen dann zu weitgehend anhoben hat und eine Verdoppelung des Ölpreises. Ersterer könnte gegen Ende 2019 zum Auslöser werden, wenn die US- Zentralbank das aktuelle Leitzinsniveau um mehr als 50 Prozent anhebt. Letzteres ist schon eingetreten. Der Ölpreis hat sich seit 2016 mehr als verdoppelt, allerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus. Eine weitere Steigerung um 20 Prozent oder mehr könnte allerdings problematisch werden.


Die US-Konsumenten sind am Ende. Mehr als 1,5 Prozent US-Wirtschaftswachstum ist auf längere Sicht nicht mehr drinngen.

Wie groß erachten Sie die Gefahr einer steigenden Inflation?
Ich sehe derzeit keine Gefahr, vor allem nicht in den USA. Die US-Konsumenten sind am Ende. Im Grunde treiben nur 20 Prozent der US-Bevölkerung die Konsumausgaben an. Die restlichen 80 Prozent können gar nichts sparen und leben auf Pump. Konsumkredite verzeichnen neue Rekorde, ebenso ihre Ausfälle, vor allem im Bereich der Autofinanzierungen. Ein weiteres Indiz dafür, dass keine Inflation droht: Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist auf den tiefsten Stand seit 1949 abgesackt, das Geldmengenwachstum ist seit Mitte 2017 stark rückläufig. Die US-Wirtschaft ist daher nicht mehr in der Lage, auf längere Sicht über das natürliche Potential hinaus zu wachsen. Mehr als 1,0 bis 1,5 Prozent reales Wirtschaftswachstum pro Jahr sind in den USA nicht drinnen

Das Gleichgewicht zwischen Wirtschaftswachstum und Zinsentwicklung ist sehr fragil. Wann droht es aus dem Ruder zu laufen?
Wenn die US-Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen gegen vier Prozent steigen, kann es kritisch werden. Auch die Entwicklung der 2-jährigen Staatsanleihen sollte man im Auge behalten.Der Zinsabstand zu den zehnjährigen ist immer weiter zurückgegangen, er beträgt inzwischen weniger als ein halbes Prozent .Sollte die Zinskurve invertieren, wäre dies ein klares Rezessionssignal. Die US-Notenbank hat 2014 ihr Quantitative-Easing-Programm eingestellt. Seither sind die Zinsen dort fast um 1,5 Prozent gestiegen. In der Eurozone ist die Konjunktur zwar auch angesprungen, die Zinsen sind dagegen um mehr als ein Prozent gesunken. Das zeigt, wie die Eurozinsen durch die Europäische Zentralbank künstlich niedrig gehalten werden. Ein Zinsniveau gegen zwei Prozent in der Eurozone würde der wirtschaftlichen Realität entsprechen. Wenn die EZB gegen Jahresende ihr QE-Programm einstellen sollte, wächst das Risiko einer Zinsanpassung nach oben, und damit von erheblichen Kursverlusten bei Euro-Rentenpapieren.

Sie verwalten vor allem große Vermögen, etwa für Familien und Stiftungen, und achten darauf, dass Kapital nicht nur zu mehren, sondern es auch zu erhalten. Welche Konsequenzen haben Sie für Ihre Kunden aus den jüngsten Entwicklungen seit Jahresanfang gezogen?
Wir haben die Cashquote massiv erhöht , vor allem durch eine Reduktion der Anleihenquote, wo wir vor allem die Quote in Schwellenländeranleihen vollkommen eliminiert haben. Wir sind vor allem noch in Unternehmensanleihen erster Bonität und in europäische Staatsanleihen investiert.


Mit Aktien ist in den nächsten fünf Jahren nichts zu verdienen

Wie ist Ihre Einschätzung der Aktienmärkte für die nächsten fünf Jahre?
Mit Aktien wird in den nächsten fünf Jahren nichts zu verdienen sein. Vor allem mit einer „buy and hold“ Strategie wird man sich schwer tun mit Aktien Geld zu verdienen. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn wir in dieser Zeit in den USA keine Rezession bekommen. Ich rechne mit Kursrückgängen von mindestens 20 bis 30 Prozent. Die Rezession wird nicht dramatischer als andere ausfallen, aber wohl länger als viele davor. Denn die Notenbanken haben, wenn es zu Verwerfungen kommt, kein trockenes Pulver mehr.

Keine guten Aussichten. Sollte man aus Aktien aussteigen?
Taktisch sollte man weiterhin in Aktien investiert bleiben, ich rechne in den kommenden Monaten durchaus mit neuen Höchstständen. Ab Mitte 2019 wird es wohl angebracht sein, das Aktienengagement nach und nach zurückzufahren. Wer allerdings solide Dividendentitel im Depot hat und über einen Anlagehorizont von annähernd zehn Jahren verfügt, sollte investiert bleiben, soweit dies mit seiner Risikotoleranz in Einklang zu bringen ist.


Der Bullenmarkt ist derzeit noch sehr fest

Welche Aktien-Investments bevorzugen Sie derzeit?
Wir sind in den MSCI Global Euro Hedge Index investiert. Dieser währungsgesicherte globale Weltaktien-Index weist neben dem US-Börsenindex S&P die geringsten Kursschwankungen auf. Wir haben die Quote kürzlich zwar leicht aufgestockt, liegen aber nicht mehr auf dem Niveau von Jänner.

Experten prophezeien, dass es nach der langen Hausse bei einem Crash und einem nachfolgenden Bärenmarkt vor allem Indexfonds die höchsten Kursverluste hinnehmen müssen und aktive Manager besser abschneiden würden? Fürchten Sie eine solche Entwicklung nicht? Vor allem ganz große Konzerne wie Amazon oder Facebook haben extreme Kurszuwächse hinter sich. Besteht nicht die Gefahr, dass es diese in einer Krise am härtesten trifft?
Diese Befürchtung teile ich nicht. Passive Index-Produkte sind extrem breit gestreut und sehr liquide. Das erste was bei einem Crash passiert, ist, dass die Liquidität zurückgeht. Auch dass Highflyer an der Börse wie Amazon oder Facebook, in einer Krise automatisch höhere Verluste einfahren, ist nicht gesagt. Heuer sind die Kurse von Amazon wieder gestiegen, die Aktie ist in zehn Jahren um rund 1.700 Prozent gestiegen und hat auch im ersten Quartal 2018 trotzdem wieder hohe Kurszuwächse erzielt. In der Endphase eines Bullenmarktes fallen vielmehr Aktien kleinerer Unternehmen. Doch dieses typische Vorzeichen hat sich bisher noch nicht eingestellt. Der US-Small-Cap-Index Russell 2000 ist steigt weiterhin. Ein Zeichen dafür dass der Bullenmarkt derzeit noch sehr fest ist.


Investments in Rohstoffe sollten in der Spätphase der Hausse profitieren

Welche Branchen und Märkte entwickeln sich in einer Spätphase einer Hausse besonders gut?
In einer solchen Phase ziehen die Rohstoffpreise für gewöhnlich an. Investments in Rohstoffe, etwa auch Gold sollten profitieren.

Welche Entwicklungen an den Börsen kündigen einen bevorstehenden Bärenmarkt an?
In der Endphase eines Bullenmarktes haben in der Vergangenheit im Schnitt nur noch zwei bis sechs Prozent der Aktienwerte neue Höchststände erreicht.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von einem drohenden Handelskrieg?
Das ist schwer vorauszusagen. Das lässt sich auch an der Entwicklung der Währungsmärkte ablesen. Diese haben bisher nicht darauf reagiert. Schlicht weil sich durch die stark verwobenen Handelsbeziehungen, noch nicht abschätzen lässt, wer im Endeffekt leiden würde. Die Eurozone dürfte aber weniger stark betroffen sein. Immerhin werden rund 70 Prozent der Exporte innerhalb des Binnenmarktes exportiert.

Nach welchen Kriterien steuern Sie ihr Portfolio?
Nach rein quantitativen Kriterien. Wir haben einen eigenen Confidence-Index entwickelt, der verschiedene Kriterien wie Volatilität, TED-Spread, der die Wahrscheinlichkeit von Bankeninsolvenzen misst. Zeigt der Veränderungen an, adaptieren wird unsere Investments entsprechend.

Kommentar
Ariel Bezalel, Jupiter Asset Management

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