Höhere Löhne statt Ausschüttungen für Aktionäre?

Ist Corona der Gamechanger in der Aktionärspolitik von Unternehmen? Die Wiener Privatbank ist der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen staatliche Unterstützung in der Pandemie und der Wunsch nach mehr Liquidität im Unternehmen haben.

Höhere Löhne statt Ausschüttungen für Aktionäre?

Der Preis für die staatlichen Corona-Hilfen könnte Unternehmen dazu veranlassen ihre Dividendenpolitik zu ändern.

Die RBI veröffentlichte vergangene Woche, man werde der Empfehlung der EZB folgen und im laufenden Kalenderjahr keine Dividende ausschütten. Wenn aufgeschoben auch nicht aufgehoben sein muss. Der Vorstand beabsichtigt, Anfang 2021 neuerlich zu evaluieren, ob eine nachträgliche Ausschüttung für 2019 vorgeschlagen werden soll.

Die Meldung stellte insgesamt keine besonders große Überraschung mehr dar. Mit Erste, Bawag und Addiko sehen sich, weitere Geschäftsbanken an der Börse sind mit der selben Problematik konfrontiert. „Wir gehen deshalb davon aus, dass hier dieses Jahr keine Ausschüttungen mehr erfolgen werden“, so Nicolas Kneip von der Wiener Privatbank in einer Analyse. Die auf Ende Oktober und Anfang November verschobenen Jahreshauptversammlungen werden weitere Aufschlüsse über deren Dividendenstrategie liefern.

Ein Viertel aller ATX-Unternehmen zahlen derzeit keine Dividende
Ende Juni untersuchte die WU Wien in einer Studie die kurzfristigen Auswirkungen der COVID-19 Krise auf die beschlossenen und geplanten Gewinnausschüttungen der am Vienna Prime Market gelisteten Unternehmen. Demnach reagierten die meisten Unternehmen auf die Coronakrise indem sie die Dividende kürzten oder sogar gänzlich strichen. Zum Zeitpunkt der Studie waren es rund ein Viertel aller Unternehmen, die keine Dividende ausschütteten, während 10 von 29 Unternehmen ihre Dividende erhöhten, nach 17 im Vorjahr. Insgesamt verringerte sich die durchschnittliche Dividende im Jahresvergleich von €1,10/Aktie auf €0,89/Aktie, während die Ausschüttungsquote von 40% auf 30% zurückging. Noch nicht inkludiert in diesen Ergebnissen sind Unternehmen wie Immofinanz, Kapsch, oder Polytec, die erst zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgaben ihre Dividende zu streichen. Zudem hängt ein Fragezeichen über den Dividenden der Banken. „Alles in allem deutliche Auswirkungen von Covid“, resümiert Kneip von der Wiener Privatbank.

Fordern Regierungen künftig Verzicht auf Dividendenauszahlung?
Doch nicht nur die heimischen Unternehmen schalten zusehends auf Sparflamme, auch international müssen sich dividendenorientierte Investoren auf harte Zeiten einstellen. Angesichts der Covid-19-Krise sahen sich Unternehmen in aller Welt dazu gezwungen, ihre Dividendenzahlungen zu kürzen oder auszusetzen, um ihre Liquidität zu schonen. „Nicht nur der Wunsch nach einer gut gefüllten Brieftasche treibt die Unternehmen um, auch sozialpolitisch bietet die Auszahlungsbereitschaft potentiellen Sprengstoff.

Preis für Firmen-Hilfe: Höhere Steuern, bessere Löhne?
Sich erst über großzügig verteilte Staatshilfen zu stabilisieren, nur um dann ebenso großzügig die Anleger zu beschenken, wirft zumindest ein eher fragwürdiges Licht auf entsprechende Unternehmen“, so Dividendenexperte Kneip. Einige Analysten glauben gar, die Ära der Aktionärsfreundlichkeit gar zu einem abrupten Ende bringen könnte, sollten Regierungen einen Preis für ihre Unterstützung in Form von höheren Steuern und Ermutigung zu großzügigeren Löhnen bis hin zum direkten Auszahlungsverzicht fordern.

Fragile Bilanzen wegen billiger Kredite
Die Frage, warum so viele Firmen der aktuellen Krise mit teils fragilen Bilanzen begegnen, lässt sich dabei relativ leicht beantworten: billige Schulden. Aufgrund der vielerorts bestehenden Steuervorteile zapfen nicht wenige Unternehmen immer intensiver Fremdkapitalquellen an, was schlussendlich zu einem ungesunden bilanziellen Gleichgewicht zwischen Schulden und deutlich teurerem Eigenkapital führen kann.

Im S&P kaum noch Firmen mit Top-Rating
Die Daten unterstreichen die seismische Verschiebung. 1980 vergab S&P beispielswiese noch an 65 Unternehmen weltweit ein Triple-A-Rating, mehr als die Hälfte befand sich im A-Bereich. Heute erreichen nur noch fünf Unternehmen den Spitzenplatz von insgesamt fast 5.000 Unternehmen. Weniger als 14 Prozent liegen im A-Bereich. Dass dies kein neues Phänomen ist, dürfte vielen Marktteilnehmern freilich klar sein, die regulatorischen Lehren aus der Finanzkrise 2008 trafen allerdings lediglich den Bankensektor. Gleichzeitig senkten die Zentralbanken die Zinssätze auf ein Rekordtief und ermutigten die Unternehmen, sich weiter zu verschulden.


Ein Fünftel weniger Dividenden für Pensionsfonds und Stiftungen
Auf globaler Ebene fielen die Dividenden – die ebenfalls eine wichtige Einkommensquelle für Pensionsfonds, Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen darstellen - im zweiten Quartal 2020 in der Folge nun um mehr als ein Fünftel auf 382 Milliarden Dollar. Der Rückkauf von Unternehmensaktien ist sogar noch stärker zurückgegangen - im gleichen Zeitraum hat er sich in den USA fast halbiert. Dabei beschränken sich die Einschnitte keinesfalls auf einzelne Sektoren oder Märkte. So sah sich beispielsweise BP (zum ersten Mal seit 2010) ebenso zu einer Kürzung genötigt wie Wells Fargo, BAE Systems, Reckit Benckiser, ENI, Kroger, die BHP Group, Deutz, Volvo oder Adidas.

Das Zurückfahren oder Streichen von Dividenden zugunsten höherer Steuern, besserer Löhne oder höherer Liquidität im Unternehmen, ist eine Entwicklung, die auch über Corona hinausgehen könnte, wie Experten nicht ausschließen, vor allem jedoch, wenn die staatlichen Hilfen noch lange andauern und die Staaten als direkte Financiers der Unternehmen mehr Druck auf die Ausschüttungs- und Lohnpolitik der betreffenden Firmen nehmen können.

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