"Geldgeschäfte werden immer Vertrauenssache bleiben"

Johannes Haid, Vorstandsmitglied Hypo Tirol Bank

Hypo Tirol Bank Vorstandsmitglied Johannes Haid

Johannes Haid, Vorstandsmitglied der Hypo Tirol Bank, über den Umbruch der Bankenwelt. Über die Herausforderungen durch die Digitalisierung, Fintechs, Regulatorien und Niedrigzinsen. Und die Parallelen zwischen Sport und der Aufgabe, eine Bank zu managen

trend: Herr Haid, Sie sind seit 2006 in der Hypo Tirol Bank und seit 2015 Vorstandsmitglied. Wie hat sich das Bankgeschäft in dieser Zeit verändert?
Johannes Haid: Das Geschäft ist heute wesentlich dynamischer und um vieles vergleichbarer. Vor allem wegen der Digitalisierung. Kunden sind besser informiert und in vielen Dingen autark – Stichwort Internetbanking und digitale Services. Das bedeutet für traditionelle Banken wie uns, dass alltägliche Geldgeschäfte nicht mehr durch Mitarbeiter serviciert werden müssen. In diesen Bereichen ist der Wettbewerb mit sogenannten Direktbanken intensiver geworden. Wenn es aber um große, wichtige finanzielle Entscheidungen geht, wünschen sich Menschen unserer Erfahrung nach immer noch einen Berater aus Fleisch und Blut. Und vor allem vor Ort.

Was bedeutet das für die Arbeit in der Bank?
Dass sich die Bankenwelt in einem generellen Umbruch befindet. Nicht nur produkt- und serviceseitig. Auch was die Kommunikation betrifft. Heute entscheidet der Kunde, wann, wo und wie er mit seiner Bank in Kontakt treten möchte. Das hat zur Folge, dass der Aufwand hinter den Kulissen ironischerweise trotz Digitalisierung und Automatisierung entgegen der landläufigen Meinung – naja sagen wir es vorsichtig – nicht gerade weniger wird. Schließlich geht der digitale Wandel mit derartiger Geschwindigkeit voran, dass man oft den Eindruck hat, mit dem Entwickeln und Programmieren nicht hinterher zu kommen. Gleichzeitig beobachten wir das Phänomen, dass die erweiterten Möglichkeiten auf Konsumentenseite eine Schwemme an Regulatorien und Sicherheitsvorkehrungen auf Unternehmensseite nach sich zieht – Stichwort Datenschutzgrundverordnung, MiFiD und vieles mehr.

Rund um das alles kreist das Thema der Digitalisierung. Im Bankengeschäft werden viele Dienstleistungen automatisiert.
Ja sicher, weil es dem Zeitgeist und den Erwartungen der Kundinnen und Kunden entspricht. Dem kann sich kein Finanzdienstleister wirklich entziehen. Das ist auf der einen Seite eine Kostenfrage und auf der anderen Seite müssen wir darauf achten, mit all den Möglichkeiten sorgsam und verantwortungsvoll umzugehen. Denn Fakt ist: Der Mensch wird immer gläserner. Wir hinterlassen ständig und überall digitale Fußabdrücke und heutzutage ist es ein leichtes, diese Einzelinformationen zu clustern und daraus Profile zu konstruieren. Gerade in einem so sensiblen Bereich wie dem Geldleben darf es nicht passieren, dass Algorithmen z. B. über Kreditkonditionen oder gar Vergaben entscheiden.


Geldgeschäfte sind Vertrauenssache. Waren es immer und werden es immer sein.

Werden Bank-Mitarbeiter, Berater und Kundenbetreuer durch die digitalen Prozesse abgelöst?
Abgelöst ist meiner Einschätzung nach zu negativ gedacht. Und zu einseitig. Es werden sich manche Berufsbilder ändern und neue dazukommen. Insofern dürfen wir uns nicht hinreißen lassen, die technologische Entwicklung als Damoklesschwert zu sehen. Wir sollten es auch als Chance begreifen. Ich kann nur jeden ermutigen: Bleiben wir neugierig und flexibel in unserer Entwicklung. Es ist doch nichts Schlechtes, nicht 40 Jahre den gleichen Job in der immer gleichen Art und Weise zu machen. Aber im Kern glaube ich an eines ganz fest: Geldgeschäfte sind Vertrauenssache. Waren es immer und werden es immer sein. Deshalb wird auch der Mensch immer eine zentrale Rolle spielen. An beiden Enden des Tisches bzw. der Leitung.

Unter den digitalen Angeboten gibt es auch viele Nischenlösungen, praktisch für alles ein Angebot.
Ja, wie gesagt: Die Entwicklung ist rasant und vielseitig. Wir werden sehen, was sich auf Dauer durchsetzen wird. Im Grunde geht es den meisten darum, alltägliche Geldgeschäfte mit dem Smartphone abwickeln zu können.

Johannes Haid, Vorstandsmitglied Hypo Tirol Bank

Johannes Haid: "Fintechs sind für Banken unserer Größe interessant."

Sie glauben also nicht, dass die Fintechs die Welt erobern werden?
Die Fintechs sind innovativ, was Technologien betrifft. Das verschlingt meist hohe Investitionssummen und wirft in der Regel erst nach einiger Zeit Gewinne ab. Ich denke, dass es ohne strategische Partner für viele schwierig ist, sich zu etablieren. Das können natürlich auch Banken sein. Wir arbeiten bereits mit einigen Fintechs zusammen, die uns in ganz speziellen Bereichen wie Videolegitimation oder Online-Kontoeröffnungen perfekt unterstützen. Aus dieser Sicht sind Fintechs vor allem für Banken in unserer Größe sehr interessant, weil wir nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, alle Innovationen aus eigener Kraft zu stemmen.


Das Entwickeln und Warten von digitalen Angeboten kostet. Jede Leistung hat einen Preis.

Bei den digitalen Angeboten wird oft auch mit geringen Kosten argumentiert.
Man muss schon mal in aller Deutlichkeit festhalten: Das Entwickeln und Warten von digitalen Angeboten kostet. Diese Kosten müssen natürlich gedeckt werden. Oft werden digitale Angebote als kostengünstige bzw. kostenlose Türöffner nach vorne geschoben, weil es die Menschen gewohnt sind, dass SB gleich gratis ist und hier natürlich der Preisdruck seitens der Online-Banken dominiert. Ganz generell bin ich der Meinung, dass jede Leistung einen Preis hat und auch haben darf. Wichtig ist immer eines: Transparenz und Ehrlichkeit.

Bleiben wir noch ein wenig bei der persönlichen Beratung, der Bank als Partner für Geldgeschäfte – sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmer. Sie haben in einem Interview erklärt, dass Sie den Begriff „Overbanked“ nicht mögen.
Ganz generell vertrete ich die Einstellung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Und wenn das Prinzip Angebot und Nachfrage funktioniert, bereinigt sich der Markt ohnehin von selbst. Abgesehen davon, ist es doch schön, wenn der Kunde eine große Auswahl hat. Am Ende des Tages entscheidet der Kunde, ob er mit Menschen sprechen will oder ob er sich mit dem Internet zufrieden gibt.

Gehört für Sie eine Bank in einem typisch-österreichischen Ort zum Teil einer wichtigen Infrastruktur wie ein Greißler, eine Post oder ein Gasthaus – ein Ort, an den Menschen hinkommen können?
Ich denke jedenfalls, dass eine Bank den Ort bereichert. Wir bekennen uns ganz klar zu unseren Standorten. Der direkte Kontakt mit unseren Kundinnen und Kunden ist uns wichtig und Teil unserer Philosophie. Auf der anderen Seite hört und liest man heutzutage ja zunehmend von Filialschließungen. Und wenn man ganz genau hinhört, bedauern das die Menschen. Eben weil es dann vielleicht auch nicht mehr lange dauert, bis das Gasthaus oder der Nahversorger zumacht. Und wenn Unternehmen aus einem Ort abwandern bzw. schließen trägt das ganz bestimmt nicht zum Aufschwung bei.


Beim Thema Geld wollen die Menschen von Profis und nicht von einem Online-Tool begleitet werden.

Der Breitband-Ausbau schreitet voran und die Jugend wächst mit der Technik auf.
Ja natürlich. Und das ist auch völlig okay. Ich bin ein Befürworter des technischen Fortschritts. Es gibt wirklich viele Bereiche, in denen Technik und Technologie unser Leben besser machen. Wichtig ist immer, wie wir Menschen damit umgehen. Für welche Zwecke wir sie einsetzen. Wie weit wir zulassen, dass sie unser Leben bestimmt und wie bewusst wir uns auch über potenzielle Risiken sind. Kritisch wird es aus meiner Sicht immer dann, wenn sich nicht mehr der Mensch der Technik bedient, sondern die Technik des Menschen. Also immer dann, wenn Technologien dazu verwendet werden, Menschen zu beeinflussen oder zu bewerten.

Seit Jahren leben wir in einer Welt fast ohne Zinsen. Kredite sind dadurch so günstig wie nie, aber Kapital gewinnbringend anzulegen ist eine Herausforderung.
Definitiv. Und genau da wiederhole ich meine Überzeugung: Wenn es um so wichtige Themen wie das eigene, hart verdiente Geld geht, möchten Menschen bei ihrer Entscheidung begleitet werden. Von Profis. Nicht von einem Online Tool. Natürlich erfolgt die Recherche oft im Netz – auch wir bieten das an – aber die Erfahrung zeigt: Die Kaufentscheidung trifft der Kunde in der Regel erst nach einem persönlichen Gespräch mit dem Anlageexperten. Erst wenn er oder sie sich rundum gut informiert fühlt und Chancen sowie Risiken einschätzen und abwiegen kann.

Johannes Haid, Vorstandsmitglied Hypo Tirol Bank

Johannes Haid: "Kritisch wird es, wenn sich die Technik des Menschen bedient."

Warum das Risiko eingehen?
Ganz einfach. Weil ihr Geld sonst laufend weniger wird. Weil die Inflation höher ist, als die Zinsen am Sparbuch. Und Risiko ist auch immer relativ. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten. Wir sprechen ja nicht davon, dass jeder gleich in Aktien switchen soll. Ein passendes Fondspaket ist als Ergänzung zum Sparbuch schon mal ein guter Schritt.


Die kleinen Sparer und die Bankenbranche werden weiter an dem Niedrigzinsniveau zu knabbern haben.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Zinsen ein?
Die EZB wird die Niedrigzinsspirale weiterdrehen. Auch angesichts der sich eintrübenden Wirtschaftsdaten, die uns aus den unterschiedlichen Ländern Europas erreichen. Um dem entgegenzuwirken, werden die Geldschleusen wahrscheinlich weiter offen bleiben. Und auch wenn es gelingt, die Wirtschaft zu stabilisieren, könnte eine Zinswende nur sehr behutsam von statten gehen. Also werden die kleinen Sparer und die Bankenbranche weiter an dem Niedrigzinsniveau zu knabbern haben.

Inwiefern ist es Ihnen angesichts der Regulatorien, in denen sich Banken bewegen müssen noch möglich, als eine Art Finanz-Coach tätig zu sein?
Prinzipiell ist es wichtig, dass es Vorgaben gibt, an die sich alle halten müssen. Das steht außer Frage. Die größere Frage ist aber, wann es zu viel wird und wann Regulatorien in die Gesetze der freien Marktwirtschaft, des freien Kapitalverkehrs, in Angebot und Nachfrage so weit eingreifen, dass Banken ein gutes Geschäft nicht mehr machen dürfen, weil sie diese Vorgaben erfüllen müssen.

Coach, Spielräume und Spielregeln – hier tut sich die Brücke zum Basketball auf. In Ihrer Jugend waren Sie in dem Sport sehr aktiv und erfolgreich, hätten beinahe den Sprung in die NBA geschafft. Welche Strategien können Sie daraus für die Arbeit als Banken-Manager ableiten?
Egal ob im Sportleben oder im wirtschaftlichen Leben: Man hat immer Spielräume. Und es ist wichtig, dass jeder Einzelne das gleiche Ziel verfolgt. Ein gutes Team ist spielentscheidend. Im Sport habe ich gelernt, mir Ziele zu setzen und mich den Herausforderungen zu stellen. Ehrgeiz zu haben. Niederlagen wegzustecken und wieder aufzustehen. Damals aus körperlicher Sicht, heute vor allem mit mentaler Stärke und Ausdauer. Mein Ziel ist es, die Hypo Tirol Bank zu stärken. Weil ich der Überzeugung bin, dass ein regionaler Finanzpartner ein echter Mehrwert für die Menschen, die Wirtschaft und das Land ist.


Ehrgeiz, Zielorientiertheit, Gruppen- und Mannschaftsdenken funktionieren sowohl beim Sport als auch in der Wirtschaft sehr, sehr gut.

Wären Sie beim Basketball geblieben hätten Sie heute auch schon längst das Alter eines Coaches erreicht. Was ist Ihre wichtigste Coaching-Strategie für die Hypo Tirol Bank?
Auf das Spielfeld bezogen würde ich sagen: Nicht immer gewinnt die Mannschaft mit den besseren Spielern, sondern die, die sich als Einheit findet und das bessere Team bildet. Genau das gleiche gilt für unsere Bank. Ehrgeiz, Zielorientiertheit, Gruppen- und Mannschaftsdenken funktionieren sowohl beim Sport als auch in der Wirtschaft sehr, sehr gut. Ich sehe die Coaching-Rolle also vielfach: Die optimale Mannschaft aufstellen, Spielräume schaffen und zulassen und als Coach darauf achten, dass alle die gleiche Strategie verfolgen.

Was ist denn beim Thema Geldanlage für Sie am wichtigsten? Zukunftsvorsorge, Absicherung oder die Rendite?
Ganz grundlegend geht es um die Frage der persönlichen Zielsetzung. Was möchte ich erreichen? Einen Vermögensaufbau, Werterhalt – also Absicherung gegen inflationsbedingten Kaufkraftverlust, oder Vermögenszuwachs. Diese Entscheidung wiederum hängt von der jeweiligen Lebens- und Vermögenssituation ab. Für alle drei Zielsetzungen gibt es unterschiedliche Angebote, die sich in der Zusammensetzung der unterschiedlichen Asset-Klassen – also Wertpapierbestandteile, Laufzeiten und Liquiditätsfaktoren unterscheiden. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, sich rechtzeitig und langfristig Gedanken über die finanzielle Zukunft zu machen. Mit einem Ansparplan bzw. einer passenden Anlagestrategie. Nicht nur hinsichtlich Pension, sondern auch für andere Lebensziele wie Ausbildung, Eigenheim, Familienplanung, Freizeit oder berufliche Auszeiten.

Was war das beste Investment, das Sie in Ihrem Leben gemacht haben?
IBM-Aktien. Die habe ich 1989 gekauft und ich habe sie immer noch. Aber leider hatte ich damals sehr wenig Geld und konnte nur sehr wenig kaufen. Mein damaliger Professor an der Universität von Honolulu hat uns immer den Aktienmarkt erklärt. Er hat mir dann geraten, zwei oder drei Aktien zu kaufen. Dann würde ich schon sehen, wie sie sich entwickeln. Das habe ich damals gemacht und aus Nostalgiegründen bis heute behalten. Es war ein toller Lernprozess, an diesem einen Papier den Markt zu beobachten und auch zu erleben, welche Schwankungen es gibt. In beide Richtungen.

Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten fünf Jahre gesteckt? Wo würden Sie die Hypo Tirol Bank gerne hinbringen?
Die Marke Hypo Tirol nachhaltig stärken und für die Herausforderungen der Zukunft fit machen. Mit rationalen, emotionalen und sozialen Mehrwerten aufladen. Denn was wir in einer informationsüberfluteten Gesellschaft beobachten ist, dass sich Menschen nicht mehr von Produkten, sondern von Marken begeistern lassen. Und diese auch nicht mehr rein nach individuellen Vorteilen, sondern eben auch anhand von sozialen, ökologischen und emotionalen Faktoren beurteilen.


Zur Person

Johannes Haid, 55, stammt aus einer Tiroler Unternehmerfamilie. In seiner Jugend galt der 2,08 m große Betriebswirt als eines der größten Basketball-Talente Österreichs. Er absolvierte über 100 Länderspiele für die österreichische Nationalmannschaft und hätte beinahe den Sprung in die NBA geschafft. Haid studierte Marketing und Informatik an der Universität Honolulu, in deren Basketball-Teamgeschichte er bis heute zu den Allergrößten zählt.

Nach dem Studium kehrte er nach Österreich zurück und arbeitete zunächst im Familienbetrieb, ehe er in die Bankenwelt wechselte. 2006 trat er in die Hypo Tirol Bank ein, seit 2015 ist er Mitglied des Vorstands der Tiroler Regionalbank. Haid ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Dieser ist ganz in die großen Fußstapfen seines Vaters getreten und hat als Basketballer den Sprung in die US-College-Basketball-Liga NCCA geschafft.

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