"Gewinnschätzungen werden in erschreckender Konstanz revidiert"

"Gewinnschätzungen werden in erschreckender Konstanz revidiert"

Die Gewinne von Unternehmen, die an der Wall Street notieren, sind zuletzt zurückgegangen. Die Kurse aber gestiegen.

Das Ende der Bilanzsaison markiert eine kräftige Börsenrallye. Doch rechtfertigt die Gewinnentwicklung der Wall-Street-Unternehmen den starken Kursanstieg im letzten Monat? Und mit welcher Gewinnentwicklung für 2020 zu rechnen ist.

Im vergangenen Monat blickten Anleger gespannt auf die Quartalszahlen der Unternehmen. Ob ein Unternehmen an der Börse gut oder schlecht abschneidet, hängt vielfach von der Gewinnentwicklung, der aktuellen und der erwarteten, ab. Man möchte meinen die Unternehmen in den USA haben im vergangenen Quartal hervorragende Ergebnisse und Ausblicke geliefert. So sind die Kurse in den zurückliegenden vier Wochen im breiten US-Aktienindex um knapp 4,5 Prozent gestiegen. Doch waren die Zahlen wirklich so gut, um die starken Kursentwicklungen der letzten Wochen zu rechtfertigen?

Geringe Erwartungen wurden übertroffen
Die Vermögensverwalter der DWS Group zweifeln in einer aktuellen Analyse daran. Nachdem bereits über 80 Prozent der Quartalsberichte des breiten US-Index S&P 500 (US78378X1072) veröffentlicht wurden, zieht die deutsche Fondsgesellschaft DWS nun eine ernüchternde Bilanz. Die Zweifel an einer guten fundierten Aktienrallye liegen vor allem an einem kleinen Trick, den die Analysten vor Veröffentlichung der Quartalszahlen immer wieder anwenden. Sie korrigieren die Schätzungen bei Bedarf zuvor, wie auch diesmal, deutlich nach unten. Vor dem Beginn einer Berichtssaison ist es jedoch nicht ungewöhnlich, dass die Experten ihre optimistischen Ergebnisschätzungen nach unten korrigieren. Um hinterher die Erwartungen zu übertreffen.

Gewinne von US-Firmen leicht rückläufig
Im Vergleich zum Vorjahr sind die Gewinne der US-Firmen im dritten Quartal sogar um 1,9 Prozent zurückgegangen. Die Erwartungen wurden zwar wieder meistens übertroffen - ganze 80 Prozent der Unternehmen im S&P 500 haben sich auch nun wieder selbst übertroffen. Doch angesichts der starken Gewinnrevisionen im Vorfeld, war das nicht allzu schwer. Für die Branchen Energie hatten Experten einen Gewinnrückgang von rund 30 Prozent prognostiziert, für Unternehmen aus dem Sektor Basismaterialien war ein um acht und für Informationstechnologie um zehn Prozent.

Globale Gewinnschätzungen sinken stark
Mittlerweile haben sich die globalen Gewinnschätzungen um über 13 Prozent gegenüber den Schätzungen von vor einem Jahr reduziert, für den S&P 500 immerhin um 8,6 Prozent.

Besonders starke Gewinnrevisionen für zyklische Märkte wie den Dax
Für zyklische, exportlastige Märkte wie dem deutschen Aktienindex Dax (DE0008469008) und die Schwellenländer, wurden die Gewinnschätzungen sogar im Schnitt noch stärker reduziert. Den Aktienkursen hat auch sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks keinerlei Abbruch getan. Das liegt zum einen unter anderem auch an den insgesamt weiterhin positiven Gewinnerwartungen der Experten für das kommende Jahr. So rechnen die Experten im Falle des S&P 500 für das Jahr 2020 immer noch mit einem satten Sprung von rund zehn Prozent, verglichen mit 2019. Die Experten der DWS rechnet jedoch mit nur mit vier Prozent.

Zum anderen hängt die Börsenentwicklung nicht nur von der Berichtssaison ab. Im Vergleich zum Jahresanfang sind die Zentralbanken deutlich expansiver, befinden sich viele Frühindikatoren nicht mehr im freien Fall, und scheint es im amerikanisch-chinesischen Zollstreit wieder etwas konzilianter zuzugehen. Auch europäische Autos könnten noch von US-Strafzöllen verschont bleiben. Doch diese positiven Umstände könnten nicht reichen, um die Börsenrallye weiter am Laufen zu halten. "Die Gewinnschätzungen werden seit über einem Jahr revidiert, in beinahe erschreckender Konstanz. Daran hat die Berichtssaison nichts geändert, die 2020er Schätzungen werden weiter reduziert. Das ist keine Basis für eine nachhaltige Börsenrallye", sagt DWS Aktienstratege Thomas Bucher.

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