Geldanlage: "An Aktien führt kein Weg vorbei"

Wikifolio Trader Christian Jagd (li) und Thomas Schreyer: In ihren Portfolios ist rund ein Million Euro investiert.

Wikifolio Trader Christian Jagd (li) und Thomas Schreyer: In ihren Portfolios ist rund ein Million Euro investiert.

Mit Gewinnen bis zu 300 Prozent gehören Christian Jagd und Thomas Schreyer zu den Top-Tradern der Social-Tradig-Plattform wikifolio. Im trend-Gespräch erklären sie ihre Anlagestrategien und in welche Werte es sich ihrer Einschätzung nach jetzt zu investieren lohnt.

Vor gut zehn Jahren ist die Social-Trading-Plattform als kleines österreichisches Start-up angetreten. Die Vision von Gründer und CEO Andreas Kern war, den Anlagemarkt zu demokratisieren. Die Grundidee, dass Trader eigene Portfolios - sogenannte wikifolios - anlegen, in die ihre Follower investieren können. Wenn die Performance der Portfolios positiv ist, erhalten sowohl die Follower als auch die Trader und wikifolio Anteile am Gewinn.

Das ist für alle Beteiligten lukrativ. Mittlerweile hat die Plattform über 10.000 aktive Trader und 150.000 registrierte Follower, die darüber mit Aktien-Zertifikaten handeln und wikifolio ist drauf und dran, zu einem "Unicorn" - einem Start-up mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar - zu werden. Der trend sprach mit den wikifolio-Tradern Christian Jagd und Thomas Schreyer über ihre Erfahrungen und Strategien.

Auf wikifolio sind ihre Portfolios unter den Trader-Namen Portfoliomatrix (Christian Jagd) bzw. tomtomstocks (Thomas Schreyer) zu finden.


trend: Erklären Sie bitte kurz Ihren beruflichen Hintergrund.
Christian Jagd: Ich komme aus dem Handel, habe Betriebswirtschaft studiert, bin dann zu einer Handelsgesellschaft in Düsseldorf gegangen und habe dort vier Jahre im Eigenhandel gearbeitet und über Xetra und Eurex die Geschäfte abgewickelt, bin daher auch zertifizierter Händler. Nachdem ich das vier, fünf Jahre lang gemacht hatte habe ich dann meine eigenen Geschäfte forciert und wikifolio auch als zweites Standbein gesehen.
Thomas Schreyer: Ich habe Recht, Finanzmanagment und Steuern studiert und ich bin seit rund eineinhalb Jahren bei einer der ältesten Privatbanken Deutschlands aktiv.

trend: Seit wann sind Sie bei wikifolio, was hat Sie dazu gebracht, dort zu traden?
Christian Jagd: Irgendwann habe ich das einmal entdeckt, einen Tipp bekommen, mir das anzusehen. Dann habe ich auch die Möglichkeiten gesehen, dort ein Portfolio aufzubauen, meine Handelsstrategie umzusetzen und das alles auch noch kostenfrei – ohne Transaktionskosten, was auch interessant ist. Außerdem kann man einen Track Record aufbauen, die langfristige Performance-Entwicklung beobachten – das hat es schon interessant gemacht.
Thomas Schreyer: Ich bin vor acht Jahren zur Börse gekommen. Ich habe mir damals Apple-Aktien gekauft, war fasziniert vom Kapitalmarkt und bin dann Step-by-Step immer tiefer eingetaucht. Nachdem ich dabei einen recht guten Erfolg hatte hat mich auch mein direktes Umfeld darauf angesprochen und mich gefragt, wie ich das gemacht habe. Da fing es an, dass ich meine Handelsidee mit Dritten geteilt habe. Nachdem das rechtlich sehr schwierig ist musste ich irgendein Konstrukt wählen, um das auch sauber und legal machen zu können. Im Familien- und Freundeskreis funktioniert es, wenn man mündliche Empfehlungen abgibt, aber darüber hinaus wird es eben sehr schwierig. Mitte 2013 bin ich dann auf die Plattform gestoßen, habe Mitte 2014 mein erstes investierbares wikifolio eröffnet.


900.000 Euro Investment, 300 Prozent Rendite.

trend: Wie viele Investoren haben Sie denn mittlerweile in Ihren wikifolios?
Christian Jagd: So genau weiß man das nicht. Die Zahl an sich wissen wir nicht. Man sieht allerdings immer, wenn sich jemand etwas vormerkt und wenn dann investiert wird. Da kommt dann irgendwann ein gewisser Betrag zusammen. Bei mir sind aktuell rund 900.000 Euro investiert.
Thomas Schreyer: Bei mir sind es ungefähr 100.000 Euro.

trend: Und wie haben sich Ihre Portfolios im Lauf der Zeit entwickelt?
Christian Jagd: Ich habe seit Auflage im März 2014 knapp 300 Prozent gemacht.
Thomas Schreyer: Bei mir waren es von Mai 2014 bis jetzt 160 Prozent.

trend: Was macht Sie zu einem Top-Trader? Warum sollte man Ihnen vertrauen, in Ihre Portfolios investieren?
Christian Jagd: Gute Frage. Ich mache das jetzt schon seit 25 Jahren, habe mit 14 meine erste Aktie gekauft und man verbessert sich natürlich immer wieder durch die Ausbildung, den Handel, beruflich, mit der Zeit nähert man sich dem Thema immer professioneller. wikifolio bietet dann auch die Möglichkeit, alles umzusetzen, mit sämtlichen Freiheiten. Man kann zum Beispiel auch auf gewisse Dinge „short“ gehen, man kann Cash-Quoten erhöhen – all diese Dinge, die im Finanzmarkt möglich sind kann man dort abbilden.
Thomas Schreyer: Bei mir ist es eigentlich der Blick zur Börse, wie ich Unternehmen analysiere. Ich sehe mir globale Trends wie die Digitalisierung an, versuche dann mit Hilfe von Fundamentalanalysen und technischen Analysen, mir Unternehmen herauszupicken, die ich für kaufenswert halte. Darüber steht der Leitgedanke, dass man sich an seinem eigenen Konsumverhalten beziehungsweise dem Konsumverhalten anderer beteiligt. Bestes Beispiel: Ich habe eine Apple-Watch und andere Apple-Produkte Facebook, Amazon, also kaufe ich mir dann auch die Aktien. Ich will den Leuten die Angst vor der Aktie nehmen. Wenn man sie als langfristige Unternehmensbeteiligung sieht, kann sie auch sehr langfristig, sogar über Generationen hinweg, ein sehr vernünftiges Investment sein, mit dem man auch Vermögen aufbauen kann.


In unsicheren Zeiten defensiv aufstellen.

trend: Worauf kommt es Ihnen bei einem Investment an?
Christian Jagd: Ich versuche die Schwankungen möglichst zu reduzieren, dass die Portfolio-Performance eine schöne Linie darstellt, die von links unten nach rechts oben geht. Dazu muss man sich auch immer wieder entsprechend positionieren, wie bei den momentanen Abschwüngen an der Börse. Ich habe mich jetzt defensiver positioniert. Davor hatte ich auch viel in Hightech investiert, jetzt bin ich wieder einen Schritt zurückgegangen, habe McDonald’s, Coca-Cola und solche Papiere gekauft, um das Depot defensiver aufzustellen und Geschäftsmodelle im Depot zu haben, die auch dann noch Cashflows liefern, wenn die Rezession vor der Tür steht. Man weiß ja nicht was kommt und gerade in Börsenphasen wie wir sie jetzt haben fließt eben wieder mehr Geld in diese Bereiche, was dort die Kurse steigen lässt.
Thomas Schreyer: Bei den Werten in die ich investiere sehe mir das Management genau an, und wie das Unternehmen geführt wird. Ich lege auch sehr großen Wert auf fundamentale Daten und folge übergeordneten Trends wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Big Data. Ich habe sehr wenig Umschichtungen im Depot, weil ich die Aktie als Unternehmensbeteiligung ansehe, nicht kurzfristig zu traden, im Hoch auszusteigen und im Tief wieder einzusteigen. Das mache ich eher nicht. Wenn der Gesamtmarkt konsolidiert oder es einen Handelsstreit der USA mit dem Rest der Welt gibt und deshalb die Aktien runtergehen, dann schaue ich, ob es nicht den einen oder anderen Wert gibt, den ich mir dann Schritt für Schritt ins Depot lege.
Christian Jagd: Es gibt eben verschiedenste Ansätze wie man zum Erfolg kommen kann, aber wenn das Ergebnis stimmt, dann spricht das für sich. Unsere Taktiken sind schon recht unterschiedlich. Er ist mehr derjenige, der Aktien auch langfristig treu bleibt und auch einen Ausverkauf oder eine Korrektur aussitzt - darauf vertraut, dass sich das wieder regeln wird. Ich versuche dagegen, dann auch Short zu gehen, Verluste auch auszugleichen und wieder Cash reinzugeben. Beide Modelle haben ihre Berechtigung und auch ihre Unterstützer.


Jeder Trade ist für die Anleger nachvollziehbar.

trend: Erklären Sie Ihre Strategien auch? Was sie tun und warum?
Thomas Schreyer: wikifolio bietet die Möglichkeit, selbst Kommentare hinzuzufügen. Da versucht man schon zu kommentieren, wobei es immer eine Gratwanderung ist zwischen rechtlicher Anlageberatung und einfach zu kommentieren, was man macht. Es geht darum, die Anleger mitzunehmen, sodass sie die Philosophie des Portfolios, des Traders verstehen. Mir gefällt es, dass es für jeden nachvollziehbar ist, wenn ein Trader etwas auf wikifolio veröffentlicht. Auch jeder Trade, jedes wieder geschlossene wikifolio ist für die Anleger ersichtlich.
Christian Jagd: Mir ist es auch wichtig, dass ich die Dinge kommentiere, meine aktuelle Einschätzung erkläre. Die Anleger können sich so schon ein recht gutes Bild davon machen, weil sie auch den kompletten Trade-Verlauf sehen. Dass umgeschichtet wird, bestimmte Titel rausgeschmissen wurden. Sie können an Tortendiagrammen erkennen, wie das Portfolio aufgestellt ist und können auch verkaufen, wenn ihnen das nicht mehr passt. Das ist schon sehr transparent. Wenn ich dagegen einen Fonds kaufe – was sehe ich denn da? Da bekommt man vielleicht ein- oder zweimal im Jahr einen Brief zugeschickt, der dann oft auch im Müll landet, und das war es dann auch schon.


Trump twittert und die Kurse gehen rauf oder runter.

trend: In der jüngsten Zeit gab es an den Börsen massive Korrekturen. Wie schätzen Sie denn die weitere Entwicklung ein?
Christian Jagd: Das ist eine der schwersten Fragen überhaupt. Bei den Börsen ist mein Fokus immer auf Sicht. Es kann sich so schnell alles ändern: Trump kann an einem Tag mit dem chinesischen Ministerpräsidenten dastehen und die größte Einigung aller Zeiten verkünden, dann geht der Dax am nächsten Tag um fünf Prozent rauf und es sieht dann auch für die Jahresend-Rallye sehr gut aus. Es kann aber auch genauso in die Gegenrichtung gehen. Im Moment ist es sehr schwer zu sagen, ob jetzt schon alles ausgestanden ist oder ob noch etwas kommt. Im Moment sind sehr viele dunkle Wolken am Börsenhimmel.



trend: Und wie reagieren Sie darauf? Welche Taktik verfolgen Sie?
Christian Jagd: Ich bleibe defensiv, beobachte und warte auf positive Signale. Dann würde ich auch wieder aggressiver vorgehen. Die Leute warten jetzt einmal ab, was noch passiert, ehe sie wieder investieren. Saisonal gesehen ist jetzt im Grunde genommen auch eine gute Börsenzeit. Der November und der Dezember sind traditionell starke Monate, dann kommt das neue Jahr und wieder Geld in die Märkte. Wenn es eine normale Korrektur war, dann haben wir die jetzt wohl hinter uns. Selten ist der Dax um mehr als 20 Prozent gefallen, ohne dass danach wirklich eine handfeste Rezession kam. Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt der Boden da ist schätze ich mit 70, 80 Prozent ein. Man weiß es aber nicht genau.
Thomas Schreyer: Ich schaue weiter ganz konsequent auf die Titel in meinem Portfolio. Kurzfristige Kursrücksetzer in einem intakten Aufwärtstrend sind eher Gelegenheiten, um Positionen weiter aufzubauen, wenn man noch entsprechend Cash hat. Dementsprechend bin ich sehr optimistisch, weil die Unternehmen in meinem Portfolio einen ganz klaren USP für die Kunden haben. Sie haben Mehrwert, beeinflussen Millionen, Milliarden von Menschen, verdienen extrem gutes Geld. Wenn Donald Trump einmal Twittert, gehen die Kurse rauf oder runter, aber die globalen Trends wie Digitalisierung hält auch ein Donald Trump nicht auf. Außerdem liegen die Risiken alle auf dem Tisch: Der Handelsstreit zwischen den USA und China, der Brexit, Italien - die Themen sind alle bekannt. Ich glaube daher, dass sich die Teilnehmer schon zu früh vom Markt verabschiedet haben.


Perspektivisch sind asiatische Technologiewerte interessant.

trend: Sie raten also, weiterhin in Aktien zu investieren?
Thomas Schreyer: Wo will denn das ganz große Geld der Welt hin? Es muss investiert werden, und dafür sucht man sich am besten die großen Ankerunternehmen aus. Deshalb konzentriere ich mich auch auf die ganz großen Unternehmen die die Zukunft gestalten und nicht auf den Im Small- und Midcap-Bereich. Unternehmen, die neue Technologien wie die Blockchain aufgreifen wie Alphabet, Amazon Facebook, Visa, Mastercard – die sind so nahe am Markt, dass ich auch ein Szenario wie bei Nokia ausschließe, wo ein Trend wie Smartphone völlig verschlafen wurde.
Christian Jagd: Ganz klar. In Amerika reden wir außerdem immer noch von einer ganz normalen Korrektur. Da ist noch gar nichts anderes passiert. Ich sehe in Amerika investiertes Geld gerade auch wegen der Trump-Politik als sicher investiertes Geld.

trend: Haben Sie spezielle Anlagetipps?
Thomas Schreyer: Perspektivisch auf Asien, speziell die asiatischen Technologiewerte, die für mich etwas unerklärlich massiv runtergegangen sind. Der Handelskonflikt USA-China trifft die asiatischen Technologieunternehmen eigentlich nicht so, weil die ihre Umsätze im Inland machen. Da kann man, wenn sich die Märkte wieder beruhigt haben, sicher das eine oder andere Schnäppchen finden.
Christian Jagd: Ich würde auch sagen, dass es in China noch interessante Unternehmen gibt, zum Beispiel Momo, das hier eher unbekannt ist, aber ein ganz interessantes Geschäftsmodell im Social Media Bereich hat und ganz solide Zahlen vorweisen kann. Oder man setzt auf Alibaba, womit man dann auf der sicheren Seite ist. Die Aktien wurden durch den Handelskonflikt extrem heruntergeprügelt, was natürlich real nie so schlimm ist. Der Kapitalmarkt und das reale Geschäft haben nicht immer zwingend miteinander zu tun.


Aktien sind langfristig eine der Rendite-trächtigsten Asset-Klassen.

trend: Worauf sollte man jetzt bis Jahresende noch setzen?
Thomas Schreyer: Bis Jahresende würde ich jetzt aber keine bestimmten Werte empfehlen. Doch die Leute sollten investieren, sich Gedanken machen, welcher Typ sie sind: Sind sie eher kurzfristig, mittelfristig oder langfristig orientiert? Dann sollten sie sich eine geeignete Handelsstrategie suchen, die zu ihnen passt und dann anfangen. Langfristig sind Aktien als Asset-Klasse eine der Rendite-trächtigsten Investment-Möglichkeiten. Wenn man sich selber nicht mit den Märkten beschäftigen kann, dann sollte man sich jemand suchen, dem man vertraut.
Christian Jagd: Und dann auch einmal über den Tellerrand schauen. Nicht nur immer in die Aktien investieren, die man aus Deutschland oder Österreich kennt. Sondern eben einmal auch nach Amerika oder Asien zu schauen. Und immer gestückelt investieren, denn dann ist es auch psychologisch einfacher. Den Tiefstkurs findet man sowieso nie, aber wenn die Kurse zurückgehen, kann man vielleicht noch einmal zu etwas günstigeren Preisen nachkaufen und wenn die Kurse steigen, kann man sich freuen, dass man schon Gewinne macht. An der Aktie kommt man aber – Trump hin, Trump her – als Langfrist-Investor nicht vorbei.

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