Börsen: "Gefahr einer Korrektur drastisch gestiegen"

Die Börsen in Europa haben sich infiziert. Die Ausbreitung des Coronavirus schlägt sich auf die Kurse an den europäischen Börsen nieder. Experten schätzen die Lage an den Märkten als brandgefährlich ein.

Börsen: "Gefahr einer Korrektur drastisch gestiegen"

Den Börsen droht der nächste Corona-Crash. Asset-Manager gehen aus dem Risiko.

Covid-19 ist mit voller Wucht zurück. In Frankreich und Deutschland zeichnen sich Lockdowns oder Teil-Lockdowns ab und Geschäftsaussichten und Wirtschaftsindikatoren werden besonders in Europa nach unten revidiert. Nicht nur Menschen, auch die Wirtschaft und die Börse, haben sich infiziert.

Die Reaktion der Anleger ist eindeutig. Der DAX brach in den vergangenen fünf Tagen um 5,3 Prozent ein und fiel mit 11.637 Punkten auf den tiefsten Stand seit Mitte Juni. Auch das österreichische Börsenbarometer, ATX, hat es mit einem Rückgang von 4,6 Prozent in den vergangenen Tagen ordentlich erwischt. Der wichtigen US-Aktienindex S&P hat zwar in den letzten fünf Tagen nur um 1,5 Prozent nachgegeben, aber auch hier zeigt der Trend nach unten.

Es braut sich was zusammen

Profis fürchten, dass sich am Börsenhimmel noch gröberes zusammenbrauen könnte. "Die Gefahr einer raschen und deutlichen Aktienmarktkorrektur ist drastisch gestiegen", warnt Raiffeisen-Analyst Valentin Hofstätter. Die bisherige Übergewichtung der Aktienquote fährt das Aktienteam in seiner Multi Asset Strategie deshalb völlig zurück.

Der Grund ist einmal mehr Covid-19: Seit Oktober steigen die Infektionszahlen in Europa markant und von Woche zu Woche schneller. Der Grenzwert der positiven Covid-19-Tests, bei dem die WHO warnt, wurde im Oktober in Italien, Frankreich, Deutschland und nun auch in Österreich überschritten. In England war das bereits im August der Fall.

"Höhere Testkapazitäten dienen oft als Begründung für die starke Zunahme der Neuinfektionen", bemerkt Hofstätter (siehe Grafik). Er sieht die Entwicklung aber mit Sorge. Zudem häufen sich die Meldungen von nicht vorhandenen Testkapazitäten und die Wartezeiten verlängern sich, was wiederum das Contact-Tracing erschwert.

Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerte bei Neuinfektionen sind in vielen Ländern Europas bereits überschritten.


Wirtschaftliche Instrumente sind weitgehend ausgereizt

Der Anstiege der Neuinfektionszahlen quer durch Europa war zwar absehbar, das Tempo der Ansteckung ist aber dennoch zunehmend besorgniserregend. "Für die globalen Finanzmärkte bedeutet das vor allem eines: Volatilität", so Hofstätter.

Das bedeutet auch, die Liquidität an den Börsen ist niedrig. Damit werden Kursschwankungen angefacht. Ökonomen äußern ihre Besorgnis über mögliche Lockdowns. "Die wirtschaftlichen Instrumente sind weitgehend ausgereizt", warnt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (DIW). Die Sorge ist auch unter den Ökonomen deutlich gestiegen, seit in Deutschland die Zahl der Neuinfizierten über 10.000 kletterte. "Ohne die Kontrolle über die Pandemie, keine wirtschaftliche Erholung", stellt auch Ifo-Präsident Clemens Fürst klar.

Einen flächendeckenden und kompletten Lockdown wie im Frühjahr halten Ökonomen dennoch aus gesellschaftlichen als auch aus wirtschaftlichen Gründen für unwahrscheinlich. Obwohl die Kanzlerin Merkel Deutschland gerade darauf zusteuert. (siehe Artikel "Deutschland steht vor dem November-Lockdown")

Langanhaltende Infektionswelle als größtes Risiko

Ein kräftiges Indiz dafür, dass die Erholung dahin ist, lieferte jüngst der deutsche ifo-Geschäftsklimaindex. Er zeigt, dass der verarbeitende Sektor an Dynamik verliert und signalisiert einen neuerlichen Abschwung.

Das größte Risiko für die Wirtschaft sieht Marcel Fratscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, in einer langanhaltenden Infektionswelle und nicht durch gezielte Beschränkungen des täglichen Lebens. Wenn sich viele anstecken, würden schließlich auch viele in den Betrieben fehlen. Insgesamt würden so Konsumausgaben und Investitionen deutlich sinken, ein wirtschaftlicher Abschwung einsetzen.

Das wiederum könnte zu einem weiteren Problem führen, wenn faulen Kredite in Billionenhöhe entstehen. Die europäische Notenbank EZB hat vor einem solchen Szenario vor kurzem gewarnt. Die Ergebnisse der Brexit-Verhandlungen und der US-Präsidentschaftswahl beeinflussen zwar ebenfalls die Börsen in Europa."Maßgeblich für den unternehmerischen Erfolg, und damit auch für den Aktienmarkt, bleibt aber die Entwicklung der Corona-Pandemie", hält die DZ Bank in einer Analyse fest.

Die Ansteckungen der 27 EU-Staaten (links) sind wesentlich höher als in den USA.

USA: Gute Quartalszahlen lassen Anleger unbeeindruckt

Selbst die überwiegend guten Bilanzzahlen der US-Konzerme spielen derzeit bei den Anlegern keine große Rolle. Selbst der bislang so starke US-Techsektor wird nicht mehr als der Hafen der Sicherheit gesehen, der er in der Krise bisher war. Obwohl die Quartalsergebnisse von US-Techs meist sehr gut waren. Das liegt auch an den hohen Bewertungen. Zu groß sind die Belastungen durch Corona auch in den USA. Und niemand kann die weitere Entwicklung abschätzen.

Noch ist auch die Auslastung bei Intensivstationen in den USA bei moderaten 70 Prozent und ist damit ähnlich hoch wie im Schnitt in den 18 Monaten. Die Zahl der US-Neuinfektionen ist auch deutlich niedriger ist als in Europa (siehe Grafik). "Aber sobald der Eindruck entsteht, dass die Lage außer Kontrolle gerät, auch wenn sie es noch nicht ist, kommt Angst auf, auch unter den Anlegern. Die Lage am US-Arbeitsmarkt bleibt angespannt. Bei Boeing werden etwa bis Ende 2021 insgesamt 30.000 der rund 160.000 Jobs wegfallen. Das sind fast ein Fünftel aller Stellen.

Die Krise könnte aber auch einen positiven Effekt haben. "Die Firmen fahren ihre Kosten drastisch herunter, wodurch nach dem Ende der Pandemie die Unternehmensgewinne überproportional steigen werden", prognostiziert die DZ Bank. Ein neuer Aktienmarktzyklus werde dann das Fundament für steigende Kurse bilden. Dieser Hebel könnte im zweite Jahreshälfte 2021 wirksam werden.

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