Fusion Deutsche Börse und London Stock Exchange vor dem Aus

Die London Stock Exchange LSE

London Stock Exchange: Die Briten scheinen unter ihrem eigenen Schirm bleiben zu wollen und die Fusion mit der Deutschen Börse platzen zu lassen.

Die Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange sollte die größte europäische Börse schaffen. Nun scheint das Projekt zu scheitern. Hintergrund ist, dass die EU als Bedingung stellt, dass sich die Londoner Börse von ihrer italienischen Tochter trennt, was diese ablehnt.

Aus dem Jahrhundertprojekt, mit der Fusion der Londoner Börse und der Deutschen Börse, die größte europäische Börse zu schaffen, wird wohl nichts. Der Zusammenschluss wird aller Voraussicht nach auch im fünften Anlauf scheitern.

Hintergrund ist, dass die London Stock Exchange eine Forderung der EU-Kommission zur Freigabe der Fusion mit der Deutschen Börse nicht erfüllen will. Die Kommission hat es zur Bedingung gemacht, dass sich die London Stock Exchange (LSE) von ihrer italienischen Tochter MTS trennt. Über die MTS werden europäische Staatsanleihen und andere Bonds gehandelt. Auch die Mailänder Börse gehört der MTS. Die Londoner Börse hatte bereits als Zugeständnis angeboten, ihr Abwicklungshaus Clearnet SA für 510 Millionen Euro an die Pariser Euronext abzugeben.

Die europäischen Wettbewerbshüter werden den gut 25 Milliarden Euro schweren Deal deshalb ziemlich sicher untersagen. "Basierend auf der aktuellen Position der Kommission geht die LSE davon aus, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird", erklärte die Londoner Börse.

Die Aktien der Deutschen Börse (DE0005810055) brachen am Montag zeitweise um fünf Prozent ein, die Papiere der LSE (GB00B0SWJX34) verloren gut drei Prozent.

Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research sprach von einem klaren Signal, "dass die LSE die Fusion nicht mehr will". Diese Entscheidung passe zur Stimmung in Großbritannien. "Sie wollen sich von der EU nicht gängeln lassen." Die LSE will ihre Mehrheitsbeteiligung an der italienischen Handelsplattform MTS nicht wie von der EU gefordert verkaufen. Sonst drohten das Geschäft der LSE und ihr Verhältnis zu den italienischen Behörden beschädigt zu werden, hieß es zur Begründung.

Manager der Deutschen Börse halten das Finanzkreisen zufolge jedoch für einen Vorwand. Sie glauben, dass die LSE-Spitze keine Debatte führen wollte, ob der Holdingsitz der fusionierten Börse wegen des Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union von London nach Frankfurt verlagert werden muss. Das hatten deutsche Politiker und die Bonner Finanzaufsicht BaFin gefordert.

Übernahme der Kronjuwelen

In der vergangenen Woche hatten bei einer Parlamentsdebatte in London Abgeordnete Stimmung gegen den Deal gemacht. "Es geht um eine Übernahme unserer Kronjuwelen", sagte Bill Cash, ein EU-kritischer Abgeordneter der konservativen Partei von Premierministerin Theresa May. Thomas Schäfer, Finanzminister des deutschen Bundeslandes Hessen, hatte der LSE-Spitze in einem von der Agentur Reuters geführten Inverview vorgeworfen, "in nationaler Loyalität gefangen" zu sein. "Sie wollen nicht die ersten sein, von denen ein deutliches, sichtbares Zeichen ausgeht, dass der Brexit unaufhaltsame Nachteile für Großbritannien hat."

Laut einem Insider hat sich die LSE-Spitze bisher geweigert, mit der Deutschen Börse über eine Verlagerung des Holding-Sitzes zu reden. Deutschlands größter Börsenbetreiber habe seit September über das Thema im gemeinsamen sogenannten Referendum-Ausschusses, der über Brexit-Folgen für den Deal berät, sprechen wollen. Es sei auf Drängen Londons jedoch immer wieder von der Tagesordnung gestrichen worden.

Das Verhältnis zwischen den Fusionspartnern hat sich Finanzkreisen zufolge in den vergangenen Monaten eingetrübt. Über die Entscheidung, die Auflagen der EU-Kommission nicht zu erfüllen, habe die LSE die Deutsche Börse am Sonntagabend erst rund 30 Minuten vor dem Versand ihrer Mitteilung informiert, berichtete ein Insider.

Carsten Kengeter, CEO Deutsche Börse AG

Carsten Kengeter, CEO Deutsche Börse: "Die Fusion ist ein großes und wichtiges Projekt, aber wir könnten auch andere Projekte machen."

Beide Unternehmen hatten vor fast genau einem Jahr begonnen, erneut über eine deutsch-britische Börsenhochzeit zu verhandeln. Damit wollten sie einen europäischen Champion schaffen, der den großen US-Rivalen CME und ICE das Wasser reichen kann. Maßgeblich vorangetrieben wurde das Projekt von Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter, gegen den die Staatsanwaltschaft seit kurzem wegen des Verdachts auf Insiderhandel ermittelt.

Zuvor gab es bereits vier Fusionsversuche beider Konzerne. Zweimal waren Sondierungsgespräche allerdings bereits beendet worden, bevor die Öffentlichkeit davon Wind bekam.

Reichlich Phantasie

Viele Analysten hatten erwartet, dass die Fusion am Widerstand der hessischen Börsenaufsicht scheitert, die erst nach der EU-Kommission über den Deal entscheiden wollte. Dass nun vermutlich schon das Veto aus Brüssel den Ausschlag gibt, kommt für viele Experten überraschend. Die LSE hatte bereits vor einiger Zeit als Zugeständnis für den Zusammenschluss angeboten, ihr Abwicklungshaus Clearnet SA für 510 Millionen Euro an die in Paris beheimatete Mehrländerbörse Euronext zu verkaufen. Die EU teilte der LSE nach einer Befragung von Marktteilnehmern jedoch mit, dass dies nicht ausreiche, und forderte weitere Zugeständnisse. Zur jüngsten Mitteilung der LSE äußerte sich die Kommission zunächst nicht.

Auf der Plattform MTS werden europäische Staatsanleihen und andere Bonds gehandelt. Mit einem Verkauf wollte die EU sicherstellen, dass die Abwicklung dieser Papiere nicht von Clearnet SA zu einem der Clearinghäuser der fusionierten Börse abwandert. Die Sparte selbst sei zwar klein und kein wesentlicher Ertragsbringer für die LSE, erklärte die Londoner Börse. Das Italien-Geschäft sei insgesamt für den Konzern aber sehr wichtig. Zudem habe man große Zweifel, dass die Behörden in Italien einen MTS-Verkauf genehmigen würden. Deshalb werde die LSE die Frist zur Einreichung weiterer Zugeständnisse am Montag verstreichen lassen.

Wie es bei der Deutschen Börse weitergeht, ist offen. Ihr Chef Carsten Kengeter hatte bereits kurz nach Bekanntwerden der LSE-Fusion erklärt, dass er beim Scheitern des Deals notfalls andere Übernahmen in Angriff nehmen würde. "Für die Deutsche Börse ist es ein großes und wichtiges Projekt, aber wir könnten auch andere Projekte machen", sagte der langjährige Investmentbanker damals. "Da haben wir genügend Phantasie."

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