Fünf Jahre „Whatever it takes“ – Was hat die EZB erreicht?

Fünf Jahre „Whatever it takes“ – Was hat die EZB erreicht?

EZB-Boss Mario Draghi: Hat nach Ansicht von Experten die Krise vor fünf Jahren gut bewältigt.

Vor genau fünf Jahren, am 26. Juli 2012, hat EZB-Boss Mario Draghi nur mit Worten die Finanzmärkte beruhigt. Die Währungsunion stand damals auf der Kippe. Welche weitreichenden Folgen Draghis Ausspruch und nachfolgende Zinspolitik noch hatte.

Am 26. Juli 2012 hielt die Finanzwelt den Atmen an. EZB-Boss Mario Draghi hatte in einer Rede in London, den folgenschweren Satz zur Rettung der Eurozone geäußert: „Whatever it takes“. Die Folgen waren weitreichend. Schon gleich darauf: Die Angst der Anleger, dass die Eurozone zerfallen könnte, war mit einem Schlag wie weggewischt. Doch die Auswirkungen dieser radikalen Geldpolitik der EZB sind bis heute spürbar.

Draghi schafft mit seinem Ausspruch die Trendwende

Bis zu diesem legendären Spruch waren Anleger und Ökonomen äußerst skeptisch, was das Weiterbestehen der Eurozone betrifft. Zur finanziellen Krise in Griechenland, Spanien und Portugals kam damals noch die Sorge über Italien hinzu. Dessen große finanzielle Schwierigkeiten hatten das Potential die EU zu sprengen. Nach der Überzeugung vieler sollten sich die Peripherieländer entweder aus der gemeinsamen Währung verabschieden oder sich ein Kerneuropa mit den wirtschaftlich starken Staaten herauslösen. Das hat EZB jedoch verhindert. Die für die Märkte entscheidende Wendung brachte damals der berühmte Ausspruch Draghis, der so viel bedeutet, wie "Was immer nötig ist, um die europäische Währungsunion als gesamtes Zusammenzuhalten, werde er unternehmen." Diese starken Worte haben damals die Trendwende an den Märkten eingeleitet und sorgte für ein Ende der Eskalation der . Heute sind deutlich weniger Menschen über die Entwicklung der EU besorgt, als damals. "Das ist sicher einer der größten Verdienste Draghis", analysiert Stefan Isaacs, Anleihen-Fondsmanager bei der britischen Fondsgesellschaft M&G Investments. Und es zeige auch welche große Glaubwürdigkeit die Institution EZB und ihr Chef in der Finanzszene haben. Dennoch wirft diese Politik, die alle Zinshebel in Bewegung setzt, auch zahlreiche Probleme auf.

Chancen auf Genesung der Peripheriestaaten haben sich verbessert, auch die Risikoaufschläge

Doch zurück zur Ausgangslage: Aufgrund der Krise in den Euro-Peripheriestaaten hatten die Refinanzierungskosten in diesen Ländern schwindelerregende Höhen erreicht. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen aus Spanien lag bei 7,5 Prozent, die italienischer Titel bei 7 Prozent. Portugal musste, damit ihnen Anleger ihre Staatsanleihen abkauften, elf Prozent Rendite zahlen, Griechenland sogar 27 Prozent. Das spiegelte zumindest teilweise das Risiko einer Rückkehr zu den alten nationalen Währungen wider. M&G-Experte Isaacs: "Als letzte Instanz und „lender of last resort“ ist es der EZB gelungen den Anleihenmarkt für Länder wie Spanien und Italien wieder zu öffnen und deren Refinanzierungskosten zu senken. "Allmählich haben, zumindest mehrere von ihnen, Strukturreformen begonnen. Geldpolitische Anreize und auch dadurch befeuertes neues Wirtschaftswachstum haben so die Chancen auf Genesung vielen dieser der Peripherieländer erheblich verbessert", so Isaacs. Die aktuelle Rückkehr Griechenlands an den Anleihemarkt in diesen Tagen zeige diesen Wandel deutlich.

Starkes Wachstum in der EU ist zurück - dafür steigen Risiken und Verluste von Sparern

Die ultralockere Geldpolitik der EZB bestraft Sparer, verringert die Kreditkosten und motiviert Anleger, Risiken einzugehen und treibt so manche Banken, deren Geschäftsmodell - verdienen an der Zinsspanne - an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten. Die Verbraucher macht das billige Geld und dessen Folge - die anziehende Wirtschaft - wieder optimistischer, der Konsum angeregt. Gerade hat die Eurozone weltweit mit ihren überdurchschnittlich guten Wachstumsdaten überrascht, und das gestern veröffentlichte neue Rekordhoch des Ifo-Geschäftsklimaindex könnte bedeuten, dass das Wachstum in der EU auf rund drei Prozent in der zweiten Jahreshälfte steigt. Derweilen flüchten Anleger, die nicht mehr wissen, wo sie ihr Geld konservativ veranlagen können, in Immobilien und gehen an der Börse höhere Risiken ein, um zumindest die Hoffnung zu haben, eine Verzinsung über der Inflation zu erzielen. Die Folge: Die Börsenkurse steigen weiter.

Inflation bleibt ein Problem

Trotz Stabilisierung der Eurozone, gesunkener Kreditkosten und einem positiven Konjunkturausblick verfehlt die EZB aber weiterhin ihr Inflationsziel von nahe, aber unter zwei Prozent. Zwar scheint die Inflationsrate sich wieder in Richtung Preisstabilität zu bewegen – doch das geschieht nur äußerst langsam. "Jegliche Straffung der EZB-Geldpolitik wird vermutlich ein langwieriger Prozess werden", so Zinsexperte Isaacs.

Die Inflation ist nach wie vor viel zu niedrig und deutlich unter der 2-Prozent-Marke.

EZB ist im Vergleich zu anderen Notenbanken das größte Risiko eingegangen

Zum "Whatever it takes" -Repertoire der EZB zählen neben niedrigen Zinsen, der milliardenschwere Ankauf von europäischen Anleihen. Die Notenbank, die dieses Kaufprgroamm im Januar 2015, gestartete, hat bereits rund 80 Prozent dieses sogenannten QE-Programms (Quantitative Lockerung) umgesetzt. Ende 2018 ist die vollständige Beendigung des Programms vorgesehen, da das Angebot an geeigneten Anleihen für das Kaufprogramm der EZB rasch dahinschwindet.
Das an sich schon riskante unterfangen, hat noch eine weitere Risikokomponente: "Die europäische Notenbank ist im Vergleich zu anderen Zentralbanken das höchsten Risiko eingegangen, da sie einen Großteil der Staatsanleihen von Mitgliedstaaten besitzt. Deshalb unterliegt die EZB-Bilanz auch einem Ausfallrisiko, falls die Europäische Union auseinanderbrechen sollte", so Mark Burgess, Threadneedle-Aktien-Chef.

EZB hat bereits Anleihen im Wert von 1,5 Billionen Euro in seiner Bilanz

Die EZB hat vor allem Anleihen von Deutschland (355 Milliarden Euro), Frankreich (282 Milliarden), Italien (245 Milliarden), Spanien (175 Milliarden) gekauft. Insgesamt beträgt die Summe 1,5 Billionen Euro. In österreichische Anleihen hat die EZB 39 Milliarden Euro investiert. Verabschiedet sich die EZB nach 2018 langsam aus den Anleihen, dürfte das an den Märkten Turbulenzen bzw. Kursrückgänge auslösen.

Isaac: "Ein Rückzug aus dieser Geldpolitik dürfte schmerzhaft werden, auch wenn er nach Draghis Willen nur langsam erfolgt. Selbst innerhalb der EZB sorgen sich Experten über mögliche negativen Auswirkungen für das Bankensystem und einer Abhängigkeit der Eurozone von billigen Krediten."

EZB hat ihre Bilanz mit einem Schuldenberg aufgebläht

Das Anleihekaufprogramm der EZB (quantitative Lockerung), eingeführt im Januar 2015, sollte 1,1 Billionen Euro in den Markt pumpen und damit die Gefahr einer Deflationsspirale eindämmen, nachdem sie den Anlagezins für Geschäftsbanken 2014 auf unter Null gesenkt hatte. Trotzdem sah sich die EZB schließlich gezwungen, das Kaufprogramm noch weiter auszudehnen und sitzt inzwischen auf einem Anleihevolumen von vier Billionen Euro. Die allgemeinen Marktauswirkungen der quantitativen Lockerung waren niedrigere Diskontsätze, eine schwächere Währung und ein günstiges Umfeld für Risikoanlagen. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme der US-Notenbank Fed bezifferte seine Bilanzsumme 2014 auf 4,5 Billionen US-Dollar und verharrt nach wie vor auf diesem Niveau, da die Schuldtitel refinanziert und sämtliche Kapitalrückzahlungen reinvestiert wurden.

Mark Burgess, Threadneedle-Aktien-Chef: "Die quantitative Lockerung hat sich für viele der größten Volkswirtschaften als Rettungsboot erwiesen und in dieser Hinsicht ihren Zweck erfüllt, wenn sie auch zu stark verschuldeten Industrieländern geführt hat. Nun müssen die Zentralbanken eine Wende einleiten, um sich wieder den normalen Niveaus der Vorkrisenzeit anzunähern und für die vorprogrammierte nächste Krise noch genügend Pulver trocken zu halten."

Drosselung der Anleihenkäufe erst 2021?

Doch die Anleihenkäufe könnten noch eine Zeitlang weitergehen. So hat Draghi genaue Inflations-Bedingungen im Einklang mit einem Preisstabilitätsziel formuliert, bevor er eine Drosselung der Anleihekäufe in Betracht zieht. Der Preisauftrieb muss nicht nur mittelfristig und nachhaltig sein, sondern sich auch als selbsttragend erweisen (ohne Unterstützung durch eine ungewöhnliche Geldpolitik) und sich auf die gesamte Eurozone erstrecken. Bis diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnte es noch eine Weile dauern, und selbst wenn die Zinsen Ende nächsten Jahres anziehen sollten, ist mit einer Verkleinerung der Bilanz erst ab 2020 oder 2021 zu rechnen. Assenagon Chefökonom Martin Hüfner erwartet, dass die geldpolitische Normalisierung, wie es jetzt aussieht, wenigstens bis zum Jahr 2024 dauern wird.

Könnte, nach einer ersten langsamen Phasen, mit den Zinserhöhungen schnell gehen

Die Wirtschaft wächst deutlich und von dieser Seite droht im Moment keine Gefahr, doch Anleger sollten sich auf holprige Zeiten einstellen. "Die Geldpolitik wird in Zukunft einen Zahn zulegen. Dann wird es früher oder später zu Irritationen an den Märkten kommen", warnt Hüfner. Bereits jetzt sind die Märkte, nach der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank in der vergangenen Woche, verunsichert. Sie wissen nicht, ob sie mit einer schnelleren oder mit einer langsameren Gangart der geldpolitischen Normalisierung rechnen müssen. Hüfner vermute, dass es zunächst noch langsam, dann aber danach mit den Zinserhöhungen eher schneller gehen wird. Die EZB braucht schließlich Munition, sollte es in Zukunft eine Rezession geben. Die hat sie derzeit nicht, da die EZB bereits jetzt die gesamte Bandbreite an Möglichkeiten ausgeschöpft hat.

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