Frankreich wählt: Anleger zittern vor Le Pen

Frankreich wählt: Anleger zittern vor Le Pen

Am Wochenende wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und die Welt wartet gespannt auf das Votum der Franzosen. Ein Sieg der rechtsextremen Politikerin Marine Le Pen hätte wohl dramatische Auswirkungen auf die EU, den Euro und die Finanzmärkte.

Die Nervosität bei Anlegern wegen der Präsidentschafts-Wahlen in Frankreich am Wochenende steigt. Sie fürchten sich vor einem Sieg der rechtsextremen Politikerin Marine Le Pen, die das Land aus der Euro-Zone herauslösen will. Sollte die 48-Jährige die neue Herrin im Elysee-Palast werden, dürfte das die Europäische Union ins Chaos stürzen und mit ihr die Börsen. Experten erwarten, dass Aktienkurse einbrechen, der Euro massiv abwertet und Anleger in sichere Häfen wie Gold, Bundesanleihen und den Schweizer Franken fliehen - mit allen negativen Konsequenzen. Ein Sieg von Le Pen würde die Finanzmärkte erschüttern.

Bislang kann sich zwar kaum ein Börsianer so richtig vorstellen, dass es tatsächlich zu einem EU-Austritt Frankreichs, also einem "Frexit", kommt. Weil aber noch viele Wähler unschlüssig sind, für wen sie im ersten Wahlgang am Sonntag stimmen, werden auch Le Pen Siegeschancen eingeräumt. Als Favorit wird der unabhängige Präsidentschafts-Kandidat Emmanuel Macron gehandelt. Doch Umfrageinstitute können auch irren, wie ihre Prognosen vor den Wahlen in den USA und dem Brexit-Referendum in Großbritannien zeigen.

Dass Le Pen Präsidentin in Frankreich wird, ist wohl nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich. Hinzu kommt, dass der Linksaußenpolitiker Jean-Luc Melenchon, der den Euro ebenfalls ablehnt, in Umfragen zuletzt aufholte. Die vier Kandidaten liegen inzwischen so eng beieinander, dass es kaum noch prognostizierbar ist, wer letztlich in die Stichwahl einziehen wird. Die Stichwahl in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone ist für den 7. Mai angesetzt.

Banken könnten in Krise stürzen

An den Anleihemärkten war die Nervosität vor den Wahlen: Verstärkt verkauften Anleger französische Papiere, was deren Renditen in die Höhe trieb. Die Risikoaufschläge, die Anleger für zehnjährige französische Bonds im Vergleich zu ebenso lang laufenden Bundesanleihen bezahlen müssen, haben sich ausgeweitet. Im Falle eines Le-Pen-Siegs könnten sie sich mehr als verdreifachen, rechnen die Analysten des Vermögensverwalters Natixis vor. Auch die Staatsanleihen aus anderen europäischen Ländern wie Spanien, Italien und Portugal könnten in der Folge von einem Ausverkauf betroffen sein. Chefvolkswirt Leon Cornelissen von der Fondsgesellschaft Robeco warnt vor einem großflächigen Rückzug ausländischer Investoren aus Frankreich. Anleger würden ihre Sparkonten räumen, Banken kämen ins Schlingern. "Das wird eine Finanzkrise auslösen."


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Pariser Banker in Alarmbereitschaft

Für den Wahlsonntag in Frankreich haben Banken und Handelshäuser Mitarbeiter in Alarmbereitschaft versetzt: Statt Familienausflug ist Bereitschaftsdienst angesagt. Sobald die Prognosen über den Ausgang der ersten Runde der Präsidentschaftswahl über die Bildschirme flimmern, wird es für die Banker ernst. Nicht nur wegen Le Pen: In Umfragen ist zuletzt der Alt-Linke und EU-Kritiker Jean-Luc Melenchon zum Schrecken vieler Investoren dicht ans Favoritenfeld herangerückt.

Für Vermögensverwalter lautet die Devise daher: schnell handeln. Denn Zeit ist bekanntlich Geld. Niemand will auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn die Finanzmärkte nach dem Wahlausgang drehen sollten. Keine Bank kann es sich leisten, diese Entwicklung zu verschlafen. Entsprechend akribisch bereiten sich die Institute auf den Abend vor - so auch bei der Großbank Societe Generale. Dort werden die Volkswirte und Marktstrategen zu einer Telefonkonferenz zusammengetrommelt.

Beim Vermögensverwalter La Francaise wurde eine Einsatzgruppe gebildet, die bei Bedarf am Sonntagabend zusammenkommt. In jedem Fall wird sie am Montag noch vor dem Morgengrauen konferieren. Einige Investment- und Beratungshäuser haben bereits Sicherungsgeschäfte für Investments abgeschlossen, die bei einem guten Abschneiden Melenchons oder Le Pens am ehestens unter die Räder kommen könnten. Melenchon wirbt zum Beispiel für eine Verstaatlichung von Flughäfen und Autobahnen. Investoren könnten die entsprechenden Papiere der Betreiber vermehrt aus ihren Portfolios werfen.

Schwer treffen würde ein Sieg von Le Pen auf jeden Fall auch den Euro, da sind sich die Experten einig. Der Fondsverwalter La Francaise Asset Management rechnet etwa mit einer Abwertung zum Dollar von zehn Prozent. Ähnlich hohe Verluste sagt auch die US-Investmentbank Morgan Stanley voraus. Wie oft in Krisenzeiten könnte diese Gemengelage zu einem Run auf den Schweizer Franken (--> aktueller Wechselkurs Euro/Schweizer Franken) führen, was einen weiteren Höhenflug der ohnehin schon starken Währung auslösen würde. Volkswirte halten eine Zinssenkung der Schweizerischen Nationalbank SNB in einem solchen Fall für sehr wahrscheinlich.

Schreckgespenst Frexit

Le Pen wiederum will als Präsidentin ein Referendum über den Austritt aus dem Euro ansetzen, was den Kapitalmarkt nicht kalt lassen kann: "Es besteht ein statistisch messbarer Zusammenhang zwischen dem Renditevorsprung französischer Staatsanleihen und der Entwicklung der von Meinungsforschern taxierten Siegchancen Marine Le Pens", erläutert Ökonom Jördis Hengelbrock von der Privatbank Sal. Oppenheim.

Auch wenn Le Pen die Wahlen gewinnt halten es viele dennoch kaum für möglich, dass sie dann als Präsidentin über eine Volksbefragung Frankreich aus der Euro-Zone herauslösen kann. Zumal ein solcher Austritt ohne eine mehrheitsfähige Regierung, die Le Pen unterstützt, nur sehr schwer zu realisieren ist. Sie bräuchte eine Mehrheit in der Nationalversammlung, deren Wahlen im Juni anstehen. Aufgrund des besonderen Wahlrechts in Frankreich ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ihre Front National dabei die Sitzmehrheit bekommt und im Anschluss eine mehrheitsfähige Regierungskoalition bilden kann.

Fest steht jedoch: Im Falle eines Frexit wäre die EU und somit auch die Währungsunion kaum noch zu retten.

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