Erste Firmen begeben Anleihen mit Negativzinsen

Erste Firmen begeben Anleihen mit Negativzinsen
Erste Firmen begeben Anleihen mit Negativzinsen

Henkel begab kürzlich eine Anleihe für die sie negative Zinsen zahlt - das Geld der Anleger also Jahr für Jahr weniger wert wird, sofern der Kurs der Anleihe aufgrund starker Nachfrage nicht steigen.

Es sind historische Tage: Unternehmen gelingt es erstmals Anleihen zu begeben, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Im Gegenteil: Anleger zahlen sogar dafür, um ihnen Geld leihen zu dürfen. Wie diese absurde Situation möglich wurde und ob das in Zukunft die neue Realität sein wird.

Verkehrte Welt: Wer Geld borgt, musste bisher für diese Leistung Zinsen zahlen. Doch seit wenigen Tagen ist alles anders. Anleger sind bereit Unternehmen, die als solide Schuldner gelten, sogar noch etwas zu zahlen. Sprich Negativzinsen zu akzeptieren. So ist es dem deutschen Waschmittel- und Konsumgüterkonzern Henkel (DE0006048432) gelungen, als erstes Privatunternehmen Europas eine Anleihe erfolgreich am Kapitalmarkt zu platzieren, die eine negative Rendite abwirft.

Die Henkel-Anleihe mit einem Volumen von über 500 Millionen Euro und einer Laufzeit von zwei Jahren, bietet einen Zinskupon von 0 Prozent jährlich und eine negativen Rendite von -0,05 Prozent. Der selbe Coup gelang am gleichen Tag dem französischen Pharmakonzern Sanofi (FR0000120578), der sich zu denselben Konditionen eine Milliarde Euro über drei Jahre leihen dürfte.

Staatspapiere bringen noch weniger

Henkel-Finanzvorstand Carsten Knobel scheint zu wissen, warum die Anleger das hinnehmen: "Die erfolgreiche Platzierung der Anleihen bestätigt Henkels hohe Kreditwürdigkeit und unseren hervorragenden Zugang zu den Kapitalmärkten“. Der wohl gewichtigere Gründe liegen im devastiertem Zinsumfeld. So werfen Staatspapiere mit ähnlicher Laufzeit noch erheblich weniger ab. Zweijährige deutsche Staatspapiere werfen derzeit jährlich minus 0,69 Prozent Zinsen ab. Bankeinlagen sind etwa in Deutschland für Großinvestoren sogar teils mit Strafzinsen belegt, da die Banken selbst überschüssige Einlagen bei der EZB nur zu einer Rendite von minus 0,4 Prozent parken können.

Nullzinspolitik der EZB als Wegbereiter

Das Ziel der Währungshüter: Durch den Kauf von Wertpapieren im Wert von 1,7 Billionen Euro soll die Investitionstätigkeit angekurbelt werden und die Inflation steigen. Die Notenbanker begründen diesen massiven Eingriff in den Markt auch damit, dass ansonsten die Preise immer weiter fallen würden und eine Rezession blühen würde. Die EZB startete im März des Vorjahres das Kaufprogramm für Euro-Staatsanleihen. Seit Juni zählen auch Unternehmensanleihen dazu. Die Folge der Geldflut an den Anleihenmärkten: Die jährlichen Zinsen neu begebener Anleihen sinken dramatisch.

Noch Ende 2015 brachten europäische High-Yield- und Investment-Grade-Anleihen Zinsen im Schnitt bis zu rund sechs Prozent Rendite. Diese Zeiten sind vorbei.

"Das bedeutet, die EZB-Zinspolitik funktioniert. Das Zinsniveau wird erfolgreich nach unten gedrückt und Unternehmen können sich mit billigem Geld versorgen", erläutert Markus Götsch, Manager des Kepler High Grade Corporate Rentenfonds (ISIN: AT0000653688).

Unternehmen begeben mehr Anleihen als je zuvor

Unternehmen scheinen die Gratis-Schulden jedenfalls zu inspirieren. In diesem Jahr haben europäische Unternehmen bereits Anleihen um rund 190 Milliarden Euro emittiert, mehr als je zuvor. Die Inflationsrate der Eurozone liegt derzeit bei 0,2 Prozent, noch im April und Mai waren sie sogar negativ.

Unternehmen mit guter Bonität, die Anleihen mit kurzer Laufzeit begeben, können sich am billigsten refinanzieren

Doch müssen sich Anleger in Unternehmensanleihen in Zukunft mit negativen Zinsen abfinden? Kepler-Portfolio-Manger Götsch macht wenig Hoffnung, dass sich das in nächster Zeit ändern wird. "Die Unternehmen orientieren sich am Basiszins und das sind Staatsanleihen." Selbst 10-jährige deutsche Staatsanleihen bringen derzeit eine Rendite von nur null Prozent. Götsch: "Ob das Zinsniveau bei Unternehmensanleihen in nächster Zeit so bleiben wird, hängt auch davon ab, wie sich jenes von Staatsanleihen entwickelt." Vor allem Unternehmen mit guter Bonität (Investment Grade) , die Anleihen mit kurzer Laufzeit begeben und dadurch ein geringes Ausfallsrisiko aufweisen, werden seiner Einschätzung nach, weiterhin einen geringen Risikoaufschlag zahlen müssen und daher Anleihen mit Negativzinsen begeben.

Die Kurse riskanterer High-Yield-Anleihen sind aufgrund ihrer attraktiven Verzinsung in Folge der EZB-Politik seit Jahresanfang bereits deutlich gestiegen. Für Anleger eine vertrackte Situation.

"Noch haben wir mehrere europäische Hochzinsanleihen im Depot davon, aber das kann sich rasch ändern", so Götsch. Übergewichtet hat der Kepler-Manager in seinem High Grade Corporate Rentenfond derzeit Anleihen von Nahrungsmittelherstellern, Rohstoffunternehmen und Banken. Die Risiken, die manche Banken bergen, federt er - sofern sie als Investment in Frage kommen - mit unterschiedlichen Papieren ab. "Wir kaufen, je nach Risikoeinschätzung, Bankanleihen, die mit einem Deckungsstock hinterlegt sind, bei weniger risikoreiche Anleihen greifen wir beispielsweise zu Anleihen, die nachrangig behandelt werden, dafür aber höhere Renditen abwerfen."

Anleihen zu kaufen, die eine negative Rendite bieten, schließt er nicht aus. "Aus Sicherheitsgesichtspunkten mag das in einem Portfolio dennoch sinnvoll sein. Sehr solide Anleihen sind wie eine Art Versicherung für den Fall, dass der Markt dreht. Dann könnten High-Yield-Anleihen, die gerade noch eine attraktive Renditen brachten, zum Verlustgeschäft werden, Papiere mit Negativzinsen aufgrund der steigenden Nachfrage dann im Kurs vergleichsweise stark steigen.

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