"Steuerliche Gleichstellung von Fremd- und Eigenkapital nötig"

Ex-IHS-Chef Christian Keuschnigg hat zahlreiche Ideen, um den Finanzplatz Österreich zu beleben.

Ex-IHS-Chef Christian Keuschnigg lässt mit Vorschlägen zur Belebung des Finanzplatzes Österreich aufhorchen.

Ökonom Christian Keuschnigg sieht die Ursache für den unterentwickelten österreichischen Finanzplatz vor allem im Versagen der Politik und liefert Vorschläge, um die Börse zu beleben.

In Österreich sind die Banken die großen Financiers von Unternehmen, der Kapitalmarkt führt als Finanzierer dagegen ein kümmerliches Dasein. Nur 5,6 Prozent des BIP sind an der Wiener Börse veranlagt, in den USA sind es 140 Prozent, in der Schweiz 120 des BIP. In der Eurozone ist der Wert dreimal so hoch wie in Österreich. „Der Finanzplatz Österreich steht zu sehr auf einem Bein“, moniert Christian Keuschnigg vom Wirtschaftspolitischen Zentrum der Universität St. Gallen. Sowohl die Börse als auch Finanzdienstleister und Versicherungen würden einen zu geringen Beitrag zur Finanzierung der Wirtschaft leisten. „Das drückt auf die Stabilität und das Wachstum“, folgert Keuschnigg. Gerade die reichsten und innovativsten Länder würden ein hoch entwickeltes Finanzsystem brauchen. Um ein breites Menü an Finanzierungsalternativen zu bieten sind nach Einschätzung Keuschniggs leistungsfähige Banken und ein liquider Kapitalmarkt nötig.

Zu wenig Inländer investieren an der Austro-Börse

Zwei Drittel des an der österreichischen Börse veranlagten Geldes stammt aus dem Ausland. Die Folge: „Ausländische Investoren treffen auch schnellere und schärfere Entscheidungen“, so Keuschnigg. Das bedeutet, das veranlagte Kapital ist auch schnell wieder abgezogen. In Österreich würde die Börse außerdem zu stark vom staatlichen Sektor abhängen, ergänzt Keuschnigg.

Studie Finanzplatz Österreich

Solide Eigenkapitalbasis das Um und Auf

Solides Wachstum ist jedoch nur mit einer starken Eigenkapitalbasis der Wirtschaft möglich. Um diese zu stärken sind laut dem St. Gallener Uniprofessor sowohl solide mit Eigenmitteln ausgestattete Banken als auch andere Unternehmen Voraussetzung. Dazu soll auch ein starker Kapitalmarkt beitragen. In einer Krise können Banken mit genügend Eigenkapitalanteil leichter Firmen finanzieren und Unternehmen, die über eine gute Kapitalbasis verfügen, Schwierigkeiten ebenfalls leichter durchtauchen.

Mangel an Risikokapital problematisch

Für ein gravierendes Problem hält Keuschnigg in Österreich auch den Mangel an Risikokapital. Innovative Unternehmen und Start-ups weisen ein höheres Risiko als andere auf und brauchen deshalb auch mehr Eigenkapital. Das wiederum aufgrund der höheren Risikokomponente vielfach vom Kapitalmarkt bereitgestellt wird. „In innovativen Ländern spielt daher der Kapitalmarkt eine stärkere Rolle“, erläutert der Ökonom.


Der Staat soll mit der Kapitalertragssteuer nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste gleich behandeln

Warum dieser Markt für Wagniskapital in Österreich nicht in Schwung kommt, hat nach Einschätzung Keuschniggs eine wesentliche Ursache: „Es kann nicht sein, dass nur Gewinne am Kapitalmarkt besteuert werden, Verluste Investoren aber zur Gänze selbst tragen müssen. Die Bereitschaft der Anleger Risiken zu übernehmen, muss gefördert werden. Der Staat soll daher mit Hilfe der Kapitalertragssteuer nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste gleich behandeln." Nur so würde die Forderung der Politik Österreich zu einem Innovationsführer zu machen, auch tatsächlich realisierbar ein. Letztlich würde der Staat durch die Möglichkeit des Verlustausgleichs sogar höhere Steuern einheben, da Wagniskapital nicht nur höhere Risiken, sondern im Schnitt auch höhere Erträge generiere.

Sich als Unternehmen über Anleihen zu finanzieren, sei zwar ebenfalls eine Möglichkeit, sei aber nur für große Unternehmen eine echte Option.. „Klein- und Mittelbetriebe haben derzeit außer dem Bankkredit nur wenig Finanzierungsalternativen“, bemängelt Keuschnigg.

Kapitalgedecktes Pensionssystem erforderlich

Keuschnigg fordert zur Belebung des Finanzplatzes Österreich weiters neben dem bestehenden Pensionssystem, auch ein kapitalgedecktes Pensionssystem zu etablieren. Sein Argument: Wenn schon das derzeitige Pensionssystem auf Basis des Umlageverfahrens nicht gänzlich zukunftssicher ist, sollte man das Pensionssystem doch auf eine breite Basis stellen. Ein kapitalgedecktes Pensionssystem würde auch die Börse beflügeln. "Alleine diese Maßnahme würde den Kapitalmarkt kräftig beleben", glaubt auch Andreas Zakostelsky, Obmann des Verbands der Pensionskassen und Generaldirektor der VBV-Gruppe. Diese Maßnahme würde eine große Hebelwirkung am Kapitalmarkt erzeugen. Zudem plädiert der Pensionsexperte dafür wieder einen Kapitalmarktbeauftragten zu installieren, um Reformen für den Finanzplatzes voranzutreiben.

Um die Eigenkapitalbasis von Unternehmen zu stärken, müsste auch die steuerliche Diskriminierung von Fremd- und Eigenkapital beseitigt werden.

Dritte Markt zur Mittelstandsfinanzierung funktioniert nicht

Der Dritte Markt an der Wiener Börse ist laut Ludwig Nießen, Vorstand der Wiener Börse, zwar als Instrument der Mittelstandsfinanzierung vorgesehen, nur funktioniere derzeit dieser Marktplatz nicht. „Wir haben Infrastrukturprobleme“, gesteht das Vorstandsmitglied. Denn laut Gesetz dürfen am Dritten Markt nur Namensaktien notieren und keine klassischen Inhaberaktien. „Aber das verursacht erhebliche technische Hindernisse, aber wir arbeiten daran diese zu beseitigen“, ergänzt Nießen. In Deutschland besteht diese gesetzliche Hürde beispielsweise nicht.

Streichung der Stabilitätsabgabe als wichtiger Schritt, um Banken widerstandsfähiger zu machen

Und da Banken den Hauptteil der Finanzierungen in Österreich stemmen, müssen Banken von Mehrfachbelastungen befreit werden. Weshalb Keuschnigg die Streichung der Stabilitätsabgabe der Banken begrüßt. Diese hätten, da sie nicht am Gewinn oder Verlust einer Bank orientiert war, sondern nur am Bestandsvolumen, wären so die Institute langfristig bei Krisen weniger widerstandsfähig gewesen. Doch die Banken müssten weiter an ihren Hausaufgaben arbeiten und die Liquidität erhöhen.

Bahram Sadighian, BlackRock, und Christoph Boschan, CEO Wiener Börse, bei der Präsentation des neuen ETF-Segments der Wiener Börse.

Geld

Wiener Börse startet mit ETF-Trading

Geld

Schwarzer Montag: Kommt 30 Jahre danach der nächste Börsen-Crash?

Milliardär Soros überlässt Großteil seines Vermögens seiner Stiftung

Geld

Milliardär Soros überlässt Großteil seines Vermögens seiner Stiftung