Finanzen und Konjunkur: Was der Brexit für das Q3/2016 bedeutet

Finanzen und Konjunkur: Was der Brexit für das Q3/2016 bedeutet

Der Brexit hat Politiker und Investoren kalt erwischt, und zwei Wochen später dominiert das Votum der Briten noch immer das Geschehen. Raiffeisen Research, eine Organisationseinheit der Raiffeisen Bank International (RBI), hat die mittelfristigen Auswirkungen auf Währungen, Aktien, Anleihen und Konjunktur analysiert.

Raiffeisen Research senkt die BIP-Erwartungen für Großbritannien für die Jahre 2017 und 2018 von jeweils 1,7 Prozent auf 1,0 Prozent, beziehungsweise 0,9 Prozent. Im Gegensatz dazu wurden die Aussichten für die Eurozone für die beiden Jahre lediglich um jeweils 0,2 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent, beziehungsweise 1,7 Prozent gesenkt.

„Da die Auswirkungen und der Ablauf des Brexit noch schwer abzuschätzen sind, wird auf den Finanzmärkten eine Risikoaversion bestehen bleiben. Das bedeutet, dass Zinsen und Renditen von Staatsanleihen noch für eine längere Zeit auf ihren historisch niedrigen Ständen bleiben werden", heißt es von Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research: "Die Aktienmärkte sind einer stärkeren Volatilität ausgesetzt, obwohl wir keine weiteren Kursstürze erwarten."

Währungen

Nach dem Brexit ist eine mittelfristige Abwertung des britischen Pfund über 0,90 gegenüber dem Euro zu erwarten. Auf der anderen Seite werden der Schweizer Franken und der japanische Yen gegenüber dem Euro profitieren, da sie als „sichere Häfen“ zum Einsatz kommen. Die stabilen Zinsen in den USA und noch stärker negative Renditen in Deutschland werden dafür sorgen, dass sich EUR/USD unverändert zwischen 1,10 (September) und 1,05 (Dezember) bewegen werden.

In CEE sind der polnische Zloty und das ungarische Forint am meisten vom Brexit betroffenen, da diese beiden Währungen als die am stärksten politisch beeinflussten Währungen der Region gelten. Der russische Rubel hat wahrscheinlich sein Potenzial angesichts der neuerlichen Aufwertung des US-Dollar ausgeschöpft und sollte sich bis Jahresende konsolidieren.

Anleihen- und Aktienmärkte

Die weitgehend abgeschlossene Korrektur auf den Anleihenmärkten in CE/SEE mit deutlich höherem Renditvorsprung gegenüber deutschen Euro-Anleihen bietet ausreichend Risikopuffer für das zweite Halbjahr 2016. Langfristig gilt das auch für russische Staatsanleihen. Die meisten Staatsanleihen der Eurozone werden wohl auch weiterhin weitgehend negative Renditen aufweisen. Die Renditenaufschläge für Euro-Staatsanleihen unterscheiden sich zwischen Kernländern und jenen der Peripherie.

Der Brexit wirkt sich auch auf die Aktienmärkte in CE/SEE aus, wo Raiffeisen Rsearch von einer volatilen Seitwärtsbewegung im dritten Quartal ausgeht. Die unvorteilhaften politischen Entwicklungen in Polen spiegeln sich lsut Analysten in einer Verkaufsempfehlung wider.

ATX

Aktuell stehen an den Aktienmärkten die Auswirkungen der Brexit-Entscheidung im Mittelpunkt. Zuletzt zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Risikoaversion, merkliche Kursverluste waren die Folge. Betroffen sind vor allem Aktien von Unternehmen, die einen hohen Umsatzanteil in Großbritannien erzielen sowie Unternehmen, die von einer möglichen Reduktion der EU-Struktur- und Investitionsfonds betroffen wären. Ebenso sind Auswirkungen auf Währungsrelationen (EUR/USD, EUR/CHF) für viele Unternehmen in Österreich und CEE von Relevanz. Das niedrigere Renditeniveau zeigt vor allem Auswirkungen auf Aktien von Finanztiteln. Nach den jüngsten Kursrückgängen ist der Wiener Leitindex ATX mit einem KGV von 11.5 für das heurige Jahr bewertet. Bis Jahresende erwarten die Analysten einen leichten Anstieg auf 2.100 Punkte.

Konjunktur in Österreich

So wie für jedes andere Land in der Eurozone auch, wird der Brexit auch für Österreich herausfordernd sein, meinen die Experten. Dennoch wird nicht erwartet, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten signifikant verschlechtern werden, abgesehen von der Tatsache, dass Exporte nach Großbritannien spürbar leiden werden. Österreichs Außenwirtschaft ist weniger mit Großbritannien verwoben, da dieses nur der achtgrößte Handelspartner ist und nur knapp 3,2 Prozent der gesamten Exporte ausmacht. Trotzdem kommt der Brexit zu einem Zeitpunkt, an dem österreichische Exporte nach Großbritannien überdurchschnittlich gewachsen waren (2015 wuchsen die Exporte nach Großbritannien im Jahresvergleich um 6,0 Prozent; die gesamten Exporte um 2,7 Prozent).

Abgesehen von den direkten Auswirkungen könnte Österreich auch von zurückgehender Investitionstätigkeit in der Eurozone aufgrund der anhaltenden und sich verschärfenden politischen Unsicherheiten betroffen sein. „Wir sehen keinen Grund dafür, den Ausblick für das reale BIP wegen des Brexits anzupassen und bleiben bei 1,4 Prozent für 2016", sagt Brezinschek: "Für 2017 haben wir uns nur für eine kleine Korrektur von 0,1 Prozentpunkten auf 1,3 Prozent reales Wachstum entschieden, da unsere ursprüngliche Prognose schon sehr vorsichtig war. Der private Konsum liefert weiterhin den stärksten Wachstumsbeitrag in Österreich“.

Zinsen

Obwohl die US Notenbank Fed bis Ende 2016 Zinsanhebungen von 50 Basispunkten angekündigt hatte, ist es angesichts der Unsicherheiten durch den Brexit derzeit wahrscheinlicher, dass es bis Dezember nur eine Zinsanhebung im Ausmaß von 25 Basispunkten geben wird. Es scheint so, als ob die Fed das Fenster für eine reguläre Zinsnormalisierung verpasst hätteheißt es von den Analysten. Im Gegensatz zur Einschätzung des Federal Open Market Committee (FOMC), erwartet Raiffeisen Research, dass die Inflationsrate deutlich über der 2-Prozent-Marke bleibt und die Arbeitslosenrate weiter sinkt und bis Ende 2017 unter 4 Prozent fällt – ein Umfeld, das klar eine Zinsanhebung verlangen würde.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Lockerung der Geldpolitik im Laufe des Jahres fortsetzen. Beim Anleihekaufprogramm sind leichte Modifikationen, wie Aufhebung der Mindestverzinsung, Anhebung, Emittenten- und Emissionslimits, möglich. Von einer Ausdehnung auf Bankanleihen geht Raiffeisen Research nicht aus. Unter der Annahme, dass die Inflationsraten im zweiten Halbjahr ansteigen werden, erwarten die Analysten, dass es im April 2017 zu einer schrittweisen Reduktion des Anleihenankaufprogramms und einer Beendigung des Programms bis Jahresende kommen wird.

Konjunktur in Osteuropa

Die EU-Mitgliedsstaaten in Zentral- und Osteuropa (CEE) werden die Auswirkungen des Brexit zwar auch spüren - Brezinschek ist aber der Meinung, dass diese mehr politischer als wirtschaftlicher Natur sein werden.

Großbritannien dürfte wohl "ab 2016" als Netto-Zahler aus dem EU-Budget ausscheiden oder als Teil des Europäischen Wirtschaftsraums geringere Beiträge leisten. Mittelfristig wird sich das negativ auf Polen, Ungarn und Rumänien auswirken, da diese größere Nettoempfänger von Transferzahlungen sind. "Wir werden durch die unsichere Situation möglicherweise auch einen Rückgang bei Investitionstätigkeiten sehen. Auch wird eine EU-Erweiterung nicht mehr so leicht voranzutreiben sein und die Gespräche mit den EU-Kandidaten aus SEE werden wohl kaum bis 2020 abgeschlossen sein“, skizziert Brezinschek die politischen Konsequenzen des Brexit für die CEE-Region.

Insgesamt wird der wirtschaftliche Einfluss des Brexit auf CE/SEE den Analysten zufolge eher moderat bleiben, da die Fundamentalwerte solide und die makro-finanziellen Ungleichgewichte beschränkt sind. Während der Ausblick auf das BIP-Wachstum für 2016 für CE (3,0 Prozent) und SEE (3,2 Prozent) stabil bleibt, senkt Raiffeisen Research den BIP-Ausblick 2017 für Polen (3,8 Prozent), Tschechien (2,7 Prozent), Ungarn (2,7 Prozent) und die Slowakei (3,3 Prozent) schrittweise um 0,2 Prozentpunkte jährlich: "Grund dafür ist das langsamere Wirtschaftswachstum in Großbritannien und der Eurozone, sowie die anhaltende politische Unsicherheit in der EU, die 2017 zu unter den ursprünglichen Erwartungen bleibendem Export- und Investitionswachstum in den CE-Ländern führen könnte."

In CE/SEE wird der private Konsum auf breiter Basis durch die weiterhin sinkenden Preise in vielen Ländern sowie dem relativ hohen Lohnwachstum und der steigenden Beschäftigungsrate gestützt. Da die Verbraucherpreise voraussichtlich länger als erwartet auf niedrigen Niveaus bleiben werden, sollte die Kaufkraft der Haushalte in den kommenden Quartalen der entscheidende Faktor für die Konsumausgaben sein.

Konjunktur in Russland und der Ukraine

Seit Jahresanfang deuten in Russland und der Ukraine die Zeichen auf eine Bodenbildung der Rezession und eine Erholung im zweiten Halbjahr 2016 hin, sagen die Raiffeisen-Experten: "Der Anstieg der Rohstoffpreise und Nettoexporte hat zu dieser positiven Entwicklung beigetragen." Daher heben die Analysten von ihre Erwartungen für das russische BIP für 2016 von minus 2,0 Prozent auf minus 0,5 Prozent an und erwarten für die Ukraine weiterhin 1,5 Prozent. Das BIP-Wachstum für 2017 wird für Russland bei 1,0 Prozent und die Ukraine bei 2,0 Prozent erwartet. In beiden Ländern ist die derzeitige Inflationsrate mit knapp über 7 Prozent weit unter den hohen zweistelligen Raten von 2015, was beiden Zentralbanken Raum für weitere Leitzinssenkungen gibt.

Der Brexit-Prozess könnte auch die Einstellung der EU gegenüber Russland beeinflussen, heißt es von den Analysten. Denn mittelfristig dürfte es ohne Großbritannien einfacher sein, die Sanktionen zu lockern. Die EU-Länder haben Interesse daran, das Thema Sanktionen zu bereinigen, da die Verhandlungen über den Brexit in den kommenden Jahren eine massive politische Belastung darstellen werden.

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