Fast 11.000 Punkte trotz Brexit: Der wacklige Erfolg des Dax

Fast 11.000 Punkte trotz Brexit: Der wacklige Erfolg des Dax

Den deutschein Leitindex Dax kann man wahrlich als "Stehaufmännchen" bezeichnen, denn er erholte sich Anfang des Jahres vom China-Crash ebenso wie vom Beben durch das Brexit-Votum. Experten sind dennoch beunruhigt, denn der Höhenflug der Börsen steht auf keinem soliden Fundament.

Stehaufmännchen sind faszinierende Spielzeuge: Drückt man sie nach unten, schnellen sie wie von Geisterhand geführt wieder nach oben. Ähnliche Qualitäten besaß heuer auch der DAX: Im Frühjahr riss ihn das Börsenbeben in China in die Tiefe - er erholte sich. Im Juni sorgte das Brexit-Votum für einen Kursrutsch - und er verbesserte sich abermals.

Jetzt steht der deutsche Leitindex wieder knapp unter der runden Marke von 11.000 Punkten, nachdem er zwischenzeitlich nicht mal mehr 8.700 Punkte erreicht hatte. Doch mittlerweile kommen Zweifel auf, dass der DAX auch in Zukunft ähnliche Steherqualitäten an den Tag legt. Erste Anleger steigen aus, manche Experten wie der prominente US-Investor George Soros wetten gar auf einen Absturz. Doch warum klettern die Börsen überhaupt seit Jahren, obwohl die Welt voller politischer und wirtschaftlicher Krisen ist, von Terror und Krieg ganz zu schweigen?

Billiges Geld

Das billige Geld der Notenbanken ist der Treibstoff, der die Aktiennotierungen antreibt. Minizinsen auf der einen Seite und billionenschwere Kaufprogramme auf der anderen Seite fluten die Finanzmärkte mit Liquidität - und weil festverzinsliche Anlageprodukte kaum noch etwas abwerfen, greifen viele Investoren notgedrungen zu Aktien.

Diese lockere Geldpolitik, die eigentlich die Realwirtschaft ankurbeln soll, ist gleichzeitig die Achillesferse der Börsen. "Die Anleger sind in Sachen Geldpolitik auf der Hut, weil die jüngsten Kursgewinne bei Aktien vor allem von der Hoffnung auf niedrige Zinsen für längere Zeit getragen wurden", sagt Marktanalyst Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets. Das Problem: Zum einen haben sich die Finanzmärkte an das Billiggeld gewöhnt und damit hat die Wirkung nachgelassen. Zum anderen nähert sich die Zeit des billigen Geldes in den USA dem Ende.

Börsen als Wackelkandidaten

Sollte die US-Notenbank Fed den Leitzins tatsächlich schon im September erhöhen, weil der Arbeitsmarkt im Land gut läuft, dürften Aktien wieder gegenüber festverzinslichen Wertpapieren wie Anleihen an Attraktivität verlieren. Laut Marktstrategen Robert Halver von der Baader Bank würde zudem eine straffere Geldpolitik "auf die internationalen Konjunkturpflänzchen wie ein Rasenmäher wirken". So droht zum Beispiel ein massiver Rückfluss von Kapital aus den Schwellenländern in die USA, wenn dort wieder höhere Zinsen winken. Dieser Rückfluss hätte unabsehbare Folgen für die Weltwirtschaft.

Bei diesen Aussichten bekommen selbst Profis kalte Füße und zeigen Aktien die kalte Schulter: Laut der US-Investmentbank Merrill Lynch horten Fondsmanager aktuell überdurchschnittlich viel Bargeld. Hierzulande reduzierte die DZ Bank sogar den Aktienanteil in ihrem Musterdepot auf null. "Anhaltende Unruhen weltweit, Terroranschläge in Europa und die unklaren Folgen des Brexit-Votums wirken bereits heute belastend sowohl auf die Konsumnachfrage als auch auf Neuinvestitionen", sagt DZ-Anlagestratege Christian Kahler. Dies werde sich auch in einigen Monaten in den Gewinnschätzungen der Unternehmen niederschlagen.

Negative Renditen bei Anleihen

In den vergangenen Wochen sind die Aktienkurse aber dennoch scheinbar unbeirrt gestiegen. Alleine die Europäische Zentralbank (EZB) kauft Monat für Monat für 80 Mrd. Euro Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen, um gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche zu kämpfen. Die Renditen mancher Anleihen liegen schon im Minusbereich. Experten sprechen mittlerweile von einem Anlagenotstand, der selbst private Sparer förmlich in Aktien treibe. "So haben die jüngsten politischen Unsicherheiten paradoxerweise das Umfeld für risikobehaftete Wertpapiere eher verbessert als verschlechtert", erklärt Christian Heger, Chefanleger beim Vermögensverwalter HSBC Global Asset Management in Deutschland.

Speziell der DAX hat nach der Einschätzung der Privatbank M.M. Warburg noch Luft nach oben, da deutsche Aktien immer noch vergleichsweise günstig zu haben seien. Denn während die Wall Street jüngst einen Rekord nach dem nächsten feierte, steht der DAX weiterhin deutlich unter seinem Höchststand von 12.390 Punkten, den er im April vergangenen Jahres erreicht hatte.

Die Party aber geht nur so lange weiter, wie die Anleger glauben, dass all das billige Geld letztlich tatsächlich in die Wirtschaft fließt und so am Ende die Unternehmensgewinne in die Höhe treibt. Doch es mehren sich die Zweifel an der Wirksamkeit der EZB-Geldpolitik. "Das bisherige Anleihekaufprogramm ist verpufft, bevor es realwirtschaftlich überhaupt "Peng" gemacht hat", sagt Baader-Marktstratege Halver. Wenn er recht behält, wird es eng für das Stehaufmännchen DAX.

Bahram Sadighian, BlackRock, und Christoph Boschan, CEO Wiener Börse, bei der Präsentation des neuen ETF-Segments der Wiener Börse.

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