EZB ringt sich durch: Inflation bringt Zinswende in Europa

Die stark anziehende Inflation hat die Europäische Zentralbank EZB dazu bewogen, ihre Geld- und Zinspolitik zu ändern. Das Quantitative Easing Programm der Anleihenkäufe wird im Juli beendet. Bei den folgenden Sitzungen sollen die Zinssätze schrittweise angehoben werden. Sparer können sich freuen, Kredite werden nun wieder teurer.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Die Europäische Zentralbank EZB leitet angesichts der Rekordinflation einen Kurswechsel ihrer Geld- und Zinspolitik ein. Das billionenschwere Anleihenkaufprogramm "Quantitative Easing" läuft mit 1. Juli 2022 aus. Bei der nächsten Sitzung am 21. Juli will die EZB dann die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben.

Die erste Zinserhöhung im Euroraum seit elf Jahren wird nicht die letzte bleiben. Ihr wird eine Reihe von Zinsschritten nach oben folgen. "Der EZB-Rat geht davon aus, dass er die EZB-Leitzinsen im September erneut anheben wird", teilte die Notenbank nach der auswärtigen Sitzung des Gremiums in Amsterdam mit. Dann sei auch "ein größerer Zinsschritt" möglich, sollten die mittelfristigen Inflationsaussichten unverändert bleiben oder sich verschlechtern, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde erläuterte. Die Normalisierung der seit Jahren ultralockeren Geldpolitik sei "nicht nur ein Schritt, es ist eine Reise", sagte die Französin.

Zunächst bleibt der Leitzins im Euroraum noch auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Banken müssen daher für Einlagen bei der EZB weiterhin 0,5 Prozent Zinsen zahlen. Viele Banken berechnen deswegen ihren Kunden ab bestimmten Summen auf dem Konto ein sogenanntes Verwahrentgelt.

Inflationsdruck bringt Zinswende

In den vergangenen Wochen hatte der Druck auf Europas Währungshüter zugenommen, mit Zinsanhebungen die Rekordinflation im Euroraum zu reagieren. Im Mai hatte die Inflationsrate 8,1 Prozent erreicht - der höchste Wert seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen.

Mittlerweile rechnet die EZB für das laufende Jahr mit 6,8 Prozent Inflation im Euroraum. Im März war die Notenbank noch davon ausgegangen, dass die Verbraucherpreise im Schnitt um 5,1 Prozent über dem Vorjahresniveau liegen würden. Die EZB strebt für den Währungsraum der 19 Länder mittelfristig stabile Preise bei einer jährlichen Teuerungsrate von 2 Prozent an. Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, das heißt sie können sich für einen Euro weniger leisten.

Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energiepreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen. Auch Probleme in den Lieferketten sorgen für steigende Preise.

Andere Notenbanken wie die Federal Reserve in den USA oder die Bank of England hatten aufgrund des Inflationsdrucks die Leitzinsen bereits mehrmals erhöht, während das EZB-Direktorium die steigende Inflation noch als von Sonderfaktoren getrieben und daher nur vorübergehend ansah.

Nun versucht die EZB eine Gratwanderung zwischen hoher Inflation und gestiegenen Risiken für die konjunkturelle Erholung aus dem Coronatief wegen des Ukraine-Krieges. Die Wirtschaft im Euroraum wird nach der neuesten EZB-Vorhersage heuer um 2,8 Prozent zulegen. Im März war die EZB noch von 3,7 Prozent Plus ausgegangen.

Reaktionen auf die Zinswende

Clemens Fuest, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo, bewertet die EZB-Entscheidung bewertet als „einen richtigen Schritt, der aber zu spät kommt. Es war nicht akzeptabel, dass die EZB bei einer Inflation von acht Prozent bis heute an Negativzinsen und Anleihenkäufen festgehalten hat. Die Preissteigerungen betreffen nicht nur Energie und Lebensmittel, sie gewinnen an Breite“, betont Fuest.

„Geringere Liquidität, weniger Anleihekäufe und höhere Zinsen sind das perfekte Menü für einen heißen Sommer. Investoren müssen daher weiterhin selektiv und flexibel bleiben“, meint Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam, in einer Reaktion.

Die Deutsche Industriebank IKB meint, dass trotz der Reaktion der EZB alles beim Alten bleiben wird. Die Notenbank werde die Zinsen im Juli um 25 Basispunkte anheben, gefolgt von einer weiteren Zinsanhebung im September – womöglich um 50 Basispunkte. "Sie betont jedoch weiterhin die Datenabhängigkeit ihrer Geldpolitik, und dies, obwohl der Inflationsdruck zunehmend Fakten schafft und weiterhin nach oben überrascht", kritisiert die IKB die offensichtliche Einschätzung, der Inflationsdruck würde sich auch ohne eine spürbare geldpolitische Straffung legen. "Alles andere hätte schon längst eine spürbare Reaktion der EZB zur Folge haben müssen", meint die IKB, die nun für Ende 2022 einen Einlagenzins von 0,5 Prozent erwartet.

Aus für Quantitative Easing Anleihenkaufprogramm

Eine zusätzliche Hürde bei der geldpolitischen Normalisierung: Die EZB hatte in ihrem längerfristigen Ausblick ("Forward Guidance") festgelegt, dass sie bei einer Normalisierung der Geldpolitik zuerst die Anleihenkäufe beenden und danach die Zinsen anheben wird. Der Beschluss des EZB-Rats vom Donnerstag, dass die Notenbank nur noch bis Ende Juni frische Milliarden in den Erwerb von Staatsanleihen und Unternehmenspapieren steckt, war also Voraussetzung für einen Zinsschritt im Juli. Gelder aus auslaufenden Wertpapieren will die EZB allerdings "für längere Zeit" in neue Anleihen reinvestieren.

Um im Zuge des Aus für die Anleihenkäufe ein unerwünschtes Auseinanderlaufen der Renditen für Staatsanleihen in der Währungsunion zu verhindern, will die EZB notfalls auch neue Instrumente einsetzen. "Wenn es notwendig ist, werden wir entweder bestehende angepasste Instrumente oder neue Instrumente einsetzen", sagte Lagarde. "Wir sind der ordnungsgemäßen Übertragung unserer Geldpolitik verpflichtet. Und daher werden wir eine Fragmentierung in dem Maße vermeiden, wie sie diese Übertragung beeinträchtigen würde."

Die Käufe haben bisher die Renditen bei Staatsanleihen auch in Ländern mit hoher Staatsverschuldung wie Italien gedrückt. Die EZB will nun einer "ungerechtfertigten" Ausweitung des Renditeabstands - des sogenannten Spreads - zwischen den Schuldenpapieren der Kernländer der Eurozone und der Peripherie entgegenwirken. In den vergangenen Wochen waren die Spreads bereits stark auseinandergelaufen. Für Papiere aus Peripherie-Ländern verlangen Investoren Risikoaufschläge, was die Staatshaushalte von Ländern wie Italien und Griechenland belasten dürfte.

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