EZB setzt weiter auf Politik des Billig-Geldes

Im Gegensatz zur US-Notenbank Fed, die sich von der ultralockeren Geldpolitik verabschiedet hat, pumpt Europas Zentralbank weiter Milliarden in den Anleihemarkt. Die EZB rechnet mit einem höheren Wachstum. Weitere Zinssenkungen werden nun aber ausgeschlossen. Und somit die Hoffnung auf das Ende der Geldschwemme genährt.

EZB setzt weiter auf Politik des Billig-Geldes

EZB-Chef Mario Draghi sieht günstige Konjunkturindikatoren. Die geldpolitische Wende hat die EZB noch nicht angekündigt.

In kleinen Häppchen tastet sich Europas Währungshüter an das Ende ihre Billiggeldschwemme heran. Doch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi warnt vor übertriebenen Erwartungen auf ein schnelles Ende der Niedrigzinsen, wenngleich die Konjunktur sich besser entwickelt, als noch vor wenigen Wochen zu erwarten war.

"Ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung ist immer noch nötig", sagte Draghi

Erste Trippelschritte auf dem Weg zur Zinsänderung

Die Konjunktur ist also stabil. Und dennoch wird das die EZB nicht veranlassen, ihren Kurs zu ändern. Von weiteren Zinssenkungen war jedoch beim EZB-Rat beim Meeting in der estnischen Hauptstadt Tallinn aber nicht mehr die Rede, was die Ökonomen fürs Erste beruhigt hat und als erstes positives Zeichen in Richtung Zinserhöhung gewertet hatten. Die Finanzexperten wollten somit ein erstes Anzeichen erkannt haben, die auf einen Kurswechsel der EZB in der Geldpolitik hindeuten.

Die Notenbank hält derzeit bei einem Zins von 0,0 Prozent für Ausleihungen an Banken. Parken Finanzinstitute aber überschüssiges Geld bei der EZB, müssen sie dafür jedoch nach wie vor 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen.

Zinsanstieg in weiter Ferne

Die Euro-Währungshüter wollen vorläufig weiterhin Geld in den Kapitalmarkt pumpen. Mindestens bis Ende 2017 sollen monatlich 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen gepumpt werden. Die EZB ist sogar im Notfall bereit, das Kaufprogramm hinsichtlich Umfang und/oder Dauer zu verstärken. Das Anleihenkaufprogramm ("Quantitative Easing"/QE) dürfte erst einmal zurückgefahren werden und anschließend - womöglich erst 2019 - könnten nach Erwartungen der Ökonomen die Zinsen allmählich wieder angehoben werden.

Bessere Konjunkturaussichten

Die Wachstumsprognosen hat die EZB indes für die Eurozone für die Zeit bis 2019 leicht angehoben. Ihre Inflationserwartungen schraubten die Notenbank-Experten aber etwas herunter, wie die Währungshüter am Donnerstag mitteilten. Danach erwarten die EZB-Fachleute für 2017 eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 1,9 Prozent. Noch im März wurden 1,8 Prozent vorhergesagt.

Für 2018 rechnen sie dann mit 1,8 (März: 1,7) Prozent, für 2019 mit 1,7 (1,6) Prozent. Das Wachstum in der Eurozone sei stärker als bisher angenommen, sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Die Europäische Zentralbank beschreibt die Risiken für das Wachstum erstmals seit langem als ausgeglichen. Bisher hatten nach Einschätzung der Notenbank die Gefahren überwogen.

Die Verbraucherpreise dürften 2017 den neuen Prognosen zufolge aber nur noch um etwa 1,5 Prozent zulegen. Noch im März wurden 1,7 Prozent erwartet. Doch der vor allem ölpreisgetriebene Anstieg hatte sich im Mai deutlich abgeschwächt. Für 2018 rechnen die EZB-Volkswirte nun mit 1,3 (März: 1,6) Prozent und für 2019 mit 1,6 (1,7) Prozent. Die EZB strebt Werte von knapp unter zwei Prozent als Optimalwert für die Wirtschaft an.

Kritik am EZB-Kurs kommt vor allem aus wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland. Denn Sparer bekommen kaum noch Zinsen, Banken tun sich mit dem Geldverdienen schwer. Allerdings profitieren auf der anderen Seite Kreditnehmer von günstigen Konditionen - zum Beispiel beim Kauf von Häusern und Wohnungen.

Die Reaktionen der Chefvolkswirte folgten umgehend.

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK: "Heute gab es von der EZB Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite hat Draghi den Deutschen das Zuckerbrot gereicht, indem er die Konjunkturrisiken zum ersten Mal seit langem als ausgewogen bezeichnet hat und die Option einer weiteren Zinssenkung gestrichen hat. Die Peitsche ist der Verweis auf die hartnäckig niedrige Inflation, die nach Draghis Worten eine sehr lockere Geldpolitik notwendig macht. Ich bin mehr denn je der Meinung, das die EZB ihren Leitzins nach dem erzwungenen Ende ihrer Anleihekäufe nicht rasch anheben wird."

JAN BOTTERMANN, NATIONAL-BANK: "Wie erwartet hat die EZB heute keine materiell nachhaltige Kurskorrektur vorgenommen, sondern nur ihr Wording angepasst. Was die EZB auf keinen Fall wollte, ist eine Erwartungshaltung im Sinne baldiger Zinserhöhungen zu schüren. In den letzten Wochen und Monaten haben sich zwar die Stimmungsindikatoren für die Eurozone stärker belebt als mit Blick auf die ungelösten strukturellen Probleme zu erwarten stand. Nach wie vor funktioniert die Währungsunion suboptimal, da sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bei konstanten Wechselkursen auseinanderentwickelt."

NEIL WILSON, ETX CAPITAL: "Mario Draghi ist ein vorsichtiger Mensch. Die EZB sendet gemischte Signale aus. Doch insgesamt sieht es so aus, als ob die Währungshüter den Aufschwung für gefestigter halten."

HOLGER SCHMIEDING, BERENBERG BANK: "Die EZB bewegt sich im Kriechgang auf den Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik zu. Als weiteren Mini-Schritt hat sie heute auf den ausdrücklichen Hinweis verzichtet, sie könne ihre Leitzinsen noch weiter absenken. Das hat ohnehin niemand mehr erwartet. Derzeit belässt sie ihre Zinsen und monatlichen Anleihekäufe noch unverändert. Das ist auch gut so. Denn trotz des robusten Wachstums verharrt der Inflationsdruck in der Eurozone bisher auf sehr niedrigem Niveau. Deshalb kann die EZB es sich leisten, die Wirtschaft langsam auf den Ausstieg vorzubereiten. Im September kommt der nächste Schritt. Dann wird die EZB vermutlich ankündigen, dass sie ab Jänner 2018 ihre Anleihekäufe langsam auslaufen lassen wird."

RALF UMLAUF, HELABA: "Insgesamt ist das veränderte Wortwahl im Zinsausblick ein weiterer Trippelschritt in Richtung geldpolitischer Normalisierung. Mit baldigen Zinsveränderungen ist aber nicht zu rechnen."

MARCEL FRATZSCHER, DIW-CHEF: "Die EZB hat vorsichtig die geldpolitische Wende eingeleitet, wenn auch nur mit Worten. Sie hat die Kommunikation geändert und die Ankündigung, notfalls ihre expansive Geldpolitik auszuweiten, gestrichen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vielen in Deutschland mag die geldpolitische Wende zu langsam gehen. Viele unterschätzen aber die Tragweite der EZB-Entscheidung, die zum ersten Mal seit über zehn Jahren eine nachhaltige Straffung der Geldpolitik signalisiert. Die EZB handelt richtig, den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik graduell und nicht abrupt vorzubereiten, damit keine schädliche Verunsicherung entsteht, sondern Unternehmen und Investoren langfristig planen können. Die EZB muss auch in Zukunft eine Politik der kleinen Schritte verfolgen, um unnötige Volatilität in den Märkten zu vermeiden."

WIRTSCHAFTSWEISE VOLKER WIELAND: "Endlich hat die EZB die asymmetrische Ausrichtung ihres Zinsausblicks aufgegeben. Der EZB-Rat erwartet nun nicht mehr, dass die Notenbankzinsen weiter gesenkt werden könnten, sondern lediglich dass sie weiter auf dem aktuellen Niveau verharren. Eine minimale und lange überfällige Anpassung, aber bei weitem nicht das, was notwendig wäre. Angesichts der deutlichen Erholung im Euro-Raum in den letzten Jahren wäre es längst an der Zeit, die Politik aus dem Krisenmodus herauszuholen. Die EZB sollte eine Strategie und Zeitplan für das Auslaufen der massiven Wertpapierkäufe kommunizieren."

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