Europas Banken auf der Intensivstation?

Europas Banken auf der Intensivstation?

Die Angst geht wieder um: Stehen die europäischen Banken wieder einmal vor einer lebensbedrohlichen Krise? Wie solide sind die Bilanzen? Welche Banken Risiken bergen und welche stehen gut dastehen. Eine Analyse.

Für europäische Geldinstitute war es ein holpriger Start ins neue Jahr. Der STOXX Europe Banks Index fiel seither um rund 22 Prozent. Investoren fürchten neue Überraschungen in den Bilanzen der Banken und eine damit auch eine Verschlechterung der Bonität der Banken. Gründe zur Sorge gibt es genug: eine mögliche Rezession, Margendruck durch niedrige Zinsen und ungewollte Folgen neuer Regulierungen. Die Fähigkeit europäischer Kreditinstitute Gewinne zu erzielen und Dividenden auszuschütten, scheint derzeit ernsthaft in Gefahr zu sein.

Für Anleger in europäische Banktitel erwiesen sich bereits die vergangenen Jahre seit dem Ausbruch der Finanzkrise als desaströs. Während andere Branchen an der Börse boomten, sackten die Kurse dieser Aktien immer weiter ab. In den vergangenen drei Jahren summierte sich das Minus des Stoxx Europe Banks auf 20,9 Prozent. Auf 10-Jahressicht sind Banktitel 70 Prozent unter Wasser.

Die Ausgangslage der Banken
Kein Wunder, dass Aktien europäischer Geldinstitute Anlegern aus Bewertungssicht als Paradies darstellen. So beträgt derzeit, laut Berechnungen von AB Investments der Kurs-Buchwert europäischer Aktien im Schnitt nur 0,7. Derart niedrige Kennzahlen gab es seit der Staatsschuldenkrise 2012 nicht mehr, als die Investoren einen Zerfall des Euros und eine konjunkturelle Kernschmelze in Europa befürchteten.

Überdurchschnittlich hohe Dividenden

Trotzdem zählen die Institute zu den größten Dividendenzahlern in Europa. Sowohl die Dividendenrenditen sind hoch als auch das Dividendenwachstum – damit hebt sich die Branche stark von anderen Sektoren ab. Neben Ölkonzernen, Verbrauchern und Versicherungen zahlen Banken in Europa die höchsten Dividenden und verzeichnen unter allen Branchen sogar das höchste Dividendenwachstum. Aktuell liegt die Dividendenrendite von Banken im Stoxx Europa 600 im Schnitt bei knapp sechs Prozent (siehe Grafik).

Solidere Bilanzen

Die Bilanzen europäischer Geldinstitute sind im Vergleich zu 2008 deutlich solider geworden, ergab eine Analyse von AB Investments, die weltweit 587 Milliarden Euro verwalten. So liegt das Verhältnis von Buchwert zum Gesamtvermögen für europäische Banken heute bei 5,4 Prozent - das ist doppelt so hoch wie in der globalen Finanzkrise. Auch sind die Rückstellungen für notleidende Kredite zurückgegangen. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist von 1,7 auf 0,7 gesunken.

Riskante und weniger risikobehaftete Banken

Doch die Risiken der Banken unterscheiden sich deutlich. Das lässt sich unter anderem an der Dividendenrendite, am Core Tier 1 Ratio, das ist der Anteil der Eigenmittel in einer Bankbilanz , und an den notleidenden Krediten erkennen. Nach Einschätzung von AB zählen ING, Intesa Sanpalo, KBC, Lloyds, Nordea, Swedbank und UBS auf Basis dieser Parameter zu den sicheren Banken. Die Zahl der notleidenden Kredite in der Bilanz dieser Banken beträgt 4,5 Prozent, die Dividendenrendite ist mit 7,5 Prozent höher als der Durchschnitt und die Kernkapitalquote liegt bei 11,1 Prozent. Bei risikobehafteten Banken liegen notleidende Kredite bei 13,2 Prozent, die Dividendenrendite ist mit 5,3 Prozent allerdings nach wie vor hoch.

Risikopatienten: Von Deutsche Bank bis UniCredit

Die Gefahr sich die Finger zu verbrennen, besteht für Anleger und wohl auch für Kunden dagegen laut AB bei der Banco Populare, Barclays, BP dell Émilia Romagna, Deutsche Bank, Banco Popular, Santander und UniCredit. Die Zahl der notleidenden Kredite betragen bei diesen Banken im Schnitt 13,2 Prozent. Bei den weniger riskanten sind es nur 4,5 Prozent. Die Core Tier 1 Ratio liegt bei 11,1 und die Dividendenrendite bei 5,3 Prozent.

Margen durch Niedrigzinsen unter Druck

Das wohl größte Problem der Banken ist die niedrigen Zinsen und die damit verbundene Beurteilung der Profitabilität von Anlegern. So glauben viele nicht, dass Banken in einem derart niedrigen Zinsumfeld ihre Ertragskraft steigern können. Beruht ihr Kerngeschäft doch auf dem Aufschlag zwischen Einlagen und Krediten, und genau diese Marge ist unter großem Druck.

Hoffnung konjunktureller Aufschwung

Für langfristige Anleger gibt es nach Ansicht von Ab-Research-Chef Ali noch einen anderen Aspekt: "Wenn die Konjunktur Fahrt aufnimmt, werden auch die Zinsen wieder anziehen. Und dann sind die europäischen Banken gut positioniert, um die Konditionen für Einlagen und Kredite wieder profitabel zu gestalten."

Ein zartes Pflänzchen, das einen konjunkturellen Aufschwung signalisieren könnte, sind aktuelle Daten zum europäischen Konjunktur-Stimmungsbarometer. Dieser hat vergangenen Dezember seinen höchsten Stand seit April 2011 erreicht. Ein ebenso gewichtiges Argument, das die Banken stärkt, ist die expansive Geldpolitik der EZB.

Rezession würde Gewinne schmelzen lassen

Eine Rezession wäre allerdings dennoch ein schwerer Schlag für den Sektor. Investment-Experte Ali: „Gewinne würden schnell schrumpfen, Dividenden versiegen.“ Banktitel würden in weiterer Folge noch stärker abverkauft.

Überdurchschnittlich hohe Renditen erwartet

Die extreme Volatilität macht den langfristigen Ausblick für Investoren auf die Entwicklungschancen von Bankentiteln, neben konjunkturellen Unwägbarkeiten, zusätzlich schwierig. AB rät dennoch Bankaktien beizumischen: "Bei derart niedrigen Bewertungen werden ausgewählte europäische Banken in den kommenden Jahren überdurchschnittlich hohe Anlagerenditen abwerfen." Insgesamt sei der europäische Bankensektor weit besser für diese Herausforderungen gewappnet als noch vor ein paar Jahren.“

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