Dritter Markt: "Ein zweiter Frühling für die Börse ist nicht zu erwarten"

Dritter Markt: "Ein zweiter Frühling für die Börse ist nicht zu erwarten"

Anlegerschützer Wilhelm Rasinger setzt keine großen Erwartungen in den Dritten Markt, ein rotes Tuch ist für ihn aber Crowdfunding.

Trend.at hat Anlegerschützer Wilhelm Rasinger gefragt, was er vom neuen Börsensegment, dem Dritten Markt, hält. Lesen Sie warum er keinen Boom erwartet, was er kritisiert und welche Chancen Unternehmen der neue Marktplatz bietet. Er sagt auch offen, warum er von Crowdfunding nicht viel hält. Der Profi für die Wiener Börse verrät bei welchen Aktien er bereits langsam einsteigt. Welche Investmenttipps er für die jene hat, die nur über einen Notgroschen verfügen.

Mitte Jänner 2019 wird an der Wiener Börse der Dritte Markt, ein neues Segment, aus der Taufe gehoben. Es soll der Tummelplatz für kleine und mittelständische Unternehmen werden, denen bisher ein Zugang zur heimischen Börsen versagt war. Doch wie interessant ist das Segment wirklich? Sind die Vorgaben für die Unternehmen umsetzbar und ist für Anleger davon zu halten? Trend.at hat dazu Wilhelm Rasinger vom Interessensverband für Anleger befragt.
Welche Voraussetzungen für den neuen Dritten Markt nötig sind, lesen Sie im Trend-Artikel hier.

trend.at: Wie gut und sinnvoll ist ein Dritte Markt für die Börse Wien?
Wilhelm Rasinger: Es ist gut, wenn es ein solches Segment gibt. Es bietet für KMUs eine gute Einstiegsmöglichkeit, wenn man sich dadurch für die Wiener Börse auch keinen zweiten Frühling erhoffen sollte.


Derzeit besteht wenig Anreiz für kleinere Unternehmen, sich über die Börse zu finanzieren

trend.at: Wie gut und sinnvoll ist ein Dritte Markt für die Börse Wien?
Rasinger:: Dazu sind die Zinsen derzeit zu niedrig. Sich über die Börse zu finanzieren, bietet für kleine Unternehmen aufgrund der günstigen Finanzierungsmöglichkeiten, keinen großen Anreiz.

trend.at: Ist der Dritte Markt dann für Unternehmen überhaupt interessant?
Rasinger: Ein Listing kann trotzdem sinnvoll sein. Sich als Unternehmen durch die Börse zu finanzieren, stärkt beispielsweise das Eigenkapital. Eine gute finanzielle Basis ist wiederum gerade für junge Wachstumsunternehmen wichtig. Ratsam ist eine Eigenkapitalbasis von 20 bis 40 Prozent.


Erst wenn es darum geht, mit dem Wachstum und der Finanzierung durchzustarten, ist die Börse der richtige Platz

trend.at: Der Dritte Markt steht sowohl etablierten Klein- und mittelständischen Unternehmen als auch Start-ups offen. Ist die neue Handelsplattform für fast neu gegründete Unternehmen wirklich geeignet?
Rasinger: Für relativ junge Unternehmen ist eine Börsennotiz meiner Meinung noch zu früh, selbst wenn es der Dritte Markt ist. Erst in der zweiten Phase nach der Unternehmensgründung, wenn es darum geht, mit dem Wachstum und der dazu nötigen Finanzierung richtig durchzustarten, ist die Börse der richtige Platz.


Kleinere Unternehmen haben so auch auf einmal Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit

trend.at: Steht für kleinere Unternehmen, trotz der niedrigeren Anforderungen, der Aufwand überhaupt dafür?
Rasinger: Es bedeutet zwar einen gewissen Aufwand, doch sollte man nicht vergessen, dass sich durch eine Börsennotiz die Eigenkapitalbasis gut stärken lässt. Kleinere Unternehmen haben so auch auf einmal Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit. Das ist eine nicht zu unterschätzende Umwegrentabilität eines Listings an der Börse. Potentielle Kunden werden so vielfach erst auf ein Unternehmen aufmerksam. Und die Börse ist eine gut durchorganisierte Abwicklungsplattform für Transaktionen.


Wenn keiner da ist, findet auch kein Handel statt.

trend.at: Gibt es Punkte, die Sie am geplanten Dritten Markt bemängeln?
Rasinger: Beispielsweise die geplanten Handelszeiten. So soll täglich gehandelt werden. Aber wenn keiner da ist, findet auch kein Handel statt. Eine Börse lebt aber vom Handel. Um an einem Tag eine größere Menge an Transaktionen zu generieren, sollte der Handel beschränkt werden, etwa auf einmal in der Woche oder einmal im Monat.


Geringe Liquidität ist für alle Marktteilnehmer frustrierend

trend.at: Werden an anderen heimischen Börsen Aktien mitunter wenig gehandelt?
Rasinger: Es gibt schon jetzt im Standard Market Wertpapiere bei denen es bereits mehr als vier Wochen keinen Kursvorfall gibt. Eine so geringe Liquidität ist für alle Marktteilnehmer frustrierend. Ein kleines Börsensegment sollte man wie die Unterliga beim Fußball-Spielen betrachten. Dort sind auch weniger Zuschauer als bei Matches der Oberliga, aber deshalb gibt es in der Unterliga auch weniger Spiele.

trend.at: Warum sollte mehr gehandelt werden, wenn beispielsweise nur an einem Tag im Monat getraded wird, statt an allen Wochentagen?
Rasinger: Das ist wie bei einem Marktstand, wenn alle wissen, dass wahrscheinlich keiner da ist, kommt auch gleich gar keiner vorbei. Wenn hingegen die Leute wissen, heute ist was los, steigen die Umsätze. Das ist an der Börse gleich wie bei einem Standl. Bei kleinen Börsen steigt bei wenigen Handelstagen eben die Liquidität.

trend.at: Gerade kleinere Unternehmen stellt die Ad hoc Pflicht der Börse, also die Pflicht Neuheiten sofort zu publizieren, vor Herausforderungen, vor allem zeitlich. Ist die Ad hoc Pflicht für solche Unternehmen übertrieben?
Rasinger: Der zeitliche Druck durch Ad hoc Meldungen sollte tatsächlich nicht unterschätzt werden. Viele Beschlüsse werden deshalb auch in anderen Börsensegmenten mitunter auf Freitag nach Börsenschluss verlegt, um dann in Ruhe die Meldung für den Montag vorzubereiten. Doch das macht Abstimmungen mühsam und sollte nicht Sinn der Sache sein. Würde im Dritten Markt beispielsweise ohnehin nur einmal im Monat gehandelt werden, würde dieser Druck wegfallen. Vielen Unternehmen ist auch nicht ganz klar, was überhaupt publizitätspflichtig ist und was nicht.


Börsenprospekte gleichen heutzutage mehr einem Instrument des Haftungsausschlusses

trend.at: Unternehmen, die sich am Dritten Markt listen lassen möchten, müssen, wenn sie frisches Kapital aufnehmen wollen, ein Börsenprospekt vorlegen. Für viele kleinere Unternehmen stellt alleine das eine große Hürde dar.
Rasinger: Börsenprospekte ufern heutzutage aus. Da gibt es 200 Seiten starke Börsenprospekte. Welcher Anleger soll das lesen? Da sind so viele Redundanzen enthalten, dass das Wesentliche untergeht und so beispielsweise die wahren Risiken des Unternehmens schwer erkennbar sind. Es reicht im Grunde, wenn der Anleger weiß, wofür das Geld verwendet werden soll, was das Unternehmen in den letzten Jahren gemacht hat und die fünf möglichen Risiken mit der größten Eintrittswahrscheinlichkeit aufgelistet werden. Aber heutzutage gleichen Börsenprospekte eher einem Instrument des Haftungsausschusses. Da wird alles Erdenkliche hingeschrieben. Um ein Beispiel zu nennen: Ein Immobilienunternehmen hat im Börsenprospekt darauf hingewiesen, das darauf hinweist, dass in Folge von Erdbeben der Sachwert zerstört werden könnte. Das ist lächerlich.


Crowdfunding ist nahe an einer Spende

trend.at: Was halten Sie von Crowdfunding?
Rasinger: Solche Investments sind bereits nahe an einer Spende.


Gerade für Immobilien habe ich Crowdfunding nie begriffen

trend.at:
Aber gerade Crowdfunding für Immobilien sind bei Privatanlegern beliebt und versprechen attraktive Renditen. Lehnen Sie auch solche Investments ab?

Rasinger: Gerade für Immobilieninvestments habe ich Crowdfunding als Finanzierungsform nie verstanden. Wenn das Projekt vielversprechend ist, wird es keine Problem sein, das Geld dafür von einer Bank zu guten Konditionen zu bekommen. Wenn nicht, sollten auch Privatanleger davon die Finger lassen.


Es ist wie beim Lotto. Die Chance zu gewinnen, ist gering

trend.at:
Warum diese deutliche Warnung für Crowdfunding?

Rasinger: Man sollte sich darüber keine Illusionen machen, dass gerade hinter kleineren Unternehmen ein großes unternehmerisches Risiko steckt. Nicht umsonst reüssieren 90 Prozent der Unternehmen in der Anfangsphase nicht. Aber wenn man ein Investment ähnlich wie das Lottospiel 6 aus 45 sieht, ist gegen ein Engagement nichts einzuwenden. Die Chance zu gewinnen, ist jedoch in beiden Fällen gering.


Wer wenig Geld hat, sollte auch nicht Lotto spielen

trend.at:
Ist Crowdfunding also für Privatanleger nicht geeignet?

Rasinger: Crowdfunding ist nichts für Privatanleger, wenn sie sich nicht darüber im Klaren sind, dass es mehr einer Spende gleich kommen kann. Es handelt sich dabei um eine mehr oder weniger spontane Idee, die mit Hilfe jener, die auch an die Idee glauben, diese versuchen umzusetzen. Seinen Notgroschen sollte man auf so eine Idee aber nicht verwetten. Wenn man wenig Geld hat, sollte man aber auch nicht Lotto spielen.

trend.at:
Was sollten die aber, die wenig Geld haben, tun, um es zu vermehren?

Rasinger: Da gibt es keine Alternative zum Sparbuch. Dort sollte der Notgroschen liegen. Erst wenn darüber hinaus noch Geld am Konto liegt, sind Aktien bei einem langen Anlagehorizont eine gute Wahl. Vor allem mit Dividendenaktien ist man gut aufgestellt. Ich überlege mir beispielsweise nach den starken Kursrückgängen im heurigen Jahr bei einzelnen Titeln des ATX bereits langsam wieder ein paar hundert Stück zuzukaufen. Was soll bei Papieren wie der EVN (Anm. - 7,3 Prozent seit Anfang 2018) oder der Voest (Anm. - 45 Prozent Kursverlust seit Jahresbeginn) langfristig passieren? Die Fundamentaldaten sind gut, selbst wenn sie 20 bis 30 Prozent weniger verdienen, würden die Unternehmen noch gut dastehen. Die wirtschaftliche Entwicklung ist nach wie vor nicht schlecht, ebenso die Prognosen. Wer jetzt kauft, kann bei diesen und manch anderen ATX-Aktien auf Dividendenrendite von drei, vier Prozent im Jahr erwarten.


Steigen die Zinsen, kann man mit immobiliennahe Unternehmensanleihen auch nicht ganz ruhig schlafen

trend.at:
Was halten Sie, gerade in unruhigen Börsenzeiten, von Unternehmensanleihen, etwa von Immobilienunternehmen?

Rasinger: Immobiliennahe Anleihe gefallen mir zwar besser als manche andere, ausschlaggebend für ein Investment sollte unter anderem jedoch sein, ob das Unternehmen schon länger besteht und bisher seinen Zahlungsverpflichtungen nachgekommen ist. Wichtig ist auch die Eigenkapitalquote eines Emittenten. Diese sollte deutlich über 20 Prozent liegen. Man sollte auch nicht vergessen, dass am Immobilienmarkt, aufgrund steigender Zinsen, mit Kursverlusten zu rechnen und damit ist auch bei dieses Wertpapier ein Risiko gegeben. Wenn am Immomarkt unruhige Zeiten kommen, kann man mit solchen Papieren deshalb aber auch nicht ganz ruhig schlafen.

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