Deutsche Wahl: „Auswirkungen auf die Börsen absehbar“

Deutsche Wahl: „Auswirkungen auf die Börsen absehbar“

Die deutsche Börse hat nach der Wahl bisher kaum reagiert. Doch Investmentgesellschaften warnen vor den langfristigen Auswirkungen möglicher Mächteverschiebungen zugunsten Rechter Forderungen auf die Märkte. Die aktuellen Analysen zur deutschen Wahl großer Investmentgesellschaften wie BlackRock, Union Investment, Amundi oder Aberdeen.

An den Kapitalmärkten hat kaum jemand mit dem schwachen Abschneiden von Angela Merkel und den hohen Zugewinnen für die Afd gerechnet. Entsprechend überrascht sind nicht nur Politiker, sondern auch Investoren. „Beide müssen sich nun gleichermaßen neu sortieren", analysiert Björn Jesch, Leiter Portfoliomanagement von Union Investment.
An den Märkten herrscht nach der Wahl vielfach Unsicherheit über den künftigen Kurs der größten Volkswirtschaft Europas, mit möglichen Auswirkungen auch auf die Börsen. Trend.at hat deshalb die Analysen der Investmentgesellschaften zum Wahlausgang unter die Lupe genommen.

Kurse könnten bald wieder steigen

Zumindest kurzfristig gibt es Entwarnung. „Starke Marktbewegungen und dramatische Richtungsänderungen zeichnen sich zumindest kurzfristig nicht ab“, so Investmentmanager Jesch. Für die Anleger heißt das zunächst erst einmal abwarten. Die Voraussetzungen bleiben für Anleger aber nach Einschätzung von Union Investment gut. „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, national wie international, sind robust.“ Das sieht auch Franklin Templeton, Vizepräsident Matthias Hoppe so. „Eine solide Binnennachfrage, hohe Konsumausgaben und die Investitionen stützen auch weiterhin das robuste Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts“,
In der Vergangenheit wurden politische Risiken, die sich kurzzeitig an der Börse widerspiegelten, häufig schnell wieder ausgepreist. „Klärt sich die Situation in Berlin, dürften in Frankfurt die Kurse wieder steigen“, erwartet Union Investment.

Besorgter klingt dagegen Lucy O’Carroll, Chefvolkswirtin von Aberdeen Standard Investments. “Der Wahlausgang ist ein ziemlich schaler Sieg für Angela Merkel, die nun einen recht komplizierten Koalitionsvertrag aushandeln muss. Das vor dem Hintergrund des Aufstiegs der AfD in den politischen Mainstream. Jeder, der geglaubt haben könnte, das politische Risiko in Europa habe sich aufgelöst, hat nun ein böses Erwachen erlebt." Das könnte auch die Börsen beeinflussen.


Jeder, der geglaubt haben könnte, das politische Risiko in Europa habe sich aufgelöst, hat nun ein böses Erwachen erlebt.

Die Investmentspezialisten von Amundi sehen die Sache positiver: „Die deutsche Wahl verspricht Kontinuität. Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft durch die Wahl werden sich nicht dramatisch verändern“, erwartet Tristan Perrier, Stratege und Wirtschaftsforscher bei Amundi. Die Gesellschaft verwaltet knapp 1.000 Milliarden Euro.

Geplante Maßnahmen ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Börse

Die neue Regierung könnte sich zwar für eine leichte Steuersenkung für die Mittelschicht aussprechen oder sogar, wie während des Wahlkampfes versprochen, einer Anhebung der Infrastrukturausgaben zustimmen, schätzt Templeton: „Wir bezweifeln aber, dass dies bedeutende Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben würde“
Auch Amundi hält das Wachstumspotential, trotz möglicher Steuererleichterungen und Steigerungen bei den Ausgaben, etwa für die Infrastruktur, für beschränkt und geht nicht davon aus, dass die deutsche Konjunktur im nächsten Jahr stärker wächst als in diesem. „Das reale Wachstum ist mit mehr als zwei Prozent bereits sehr stark“, so Amundi-Experte Perrier.

Bei Amundi sieht man die Sache positiver: „Die deutsche Wahl verspricht Kontinuität. Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft durch die Wahl werden sich nicht dramatisch verändern“, erwartet Perrier von Amundi. Der Asset Manager verwaltet knapp eine Milliarde Euro. Trotz möglicher Steuererleichterungen und Steigerungen bei den Ausgaben, etwa für die Infrastruktur, erwartet der Amundi-Strategie nicht, dass die deutsche Konjunktur im nächsten Jahr stärker wächst als in diesem. „Das reale Wachstum ist mit mehr als zwei Prozent bereits sehr stark“, so Perrier.

Wichtige Frage für die Märkte: Wer wird Finanzminister?

Eine der zentralen Fragen für die Investmentbanker von BlackRock im Zuge der Regierungsbildung ist, welche Partei das Finanzministerium übernimmt und ob die SPD vielleicht doch zu Verhandlungen bereit ist, wenn Aussicht auf das Finanzressort bestünde. Ein Dreierbündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen sieht BlackRock aufgrund der vielen unterschiedlichen Positionen kritisch. Fällt die gewichtige Position des Finanzministers an die SPD könnte. „Das könnte die SPD stärken und sofern sie das Amt erhalten die Ausgaben in den krisengeschüttelten EU-Peripheriestaaten erhöhen.“

Langfristig höheres Risiko als bisher

Wenn die Märkte bisher auch kaum auf die Wahl reagiert haben, längerfristig betrachtet, gibt es jedoch nach der Wahl nach Einschätzung von Franklin Templeton, Vize Hoppe, Anzeichen für einen Umbruch in der Europäischen Union, sowohl in politischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht.

Substantielle Reformen der EU nach Rechtsruck auf der Kippe?

Denn das Wahlergebnis wirft für Investoren die Frage auf, „ob die Eurozone nun noch in der Lage ist, substantielle institutionelle Reformen mit Hilfe der Achse Merkel-Macron umzusetzen“, gibt Aberdeen Chefvolkswirtin O´Carroll zu bedenken. Sie erwartet etwa vielmehr, dass Merkel nun damit beschäftigt sein wird, ihre innenpolitischen Herausforderungen zu lösen und die Herausforderungen der EU nicht ausreichend forciert werden.

Stärkung der Populisten könnte auf Brexit Auswirkungen haben

O´Carroll rechnet zwar damit, dass die Wahl kurzfristig keine großen Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen haben wird, da diese stärker von EU-Chefunterhändler Michel Barnier als von den einzelnen Mitgliedsstaaten geführt werden. „Auf lange Sicht dürfte die Angst davor, den Populisten in die Hände zu spielen, dennoch den Widerwillen der EU ansteigen lassen, irgendwelche Konzessionen zu machen.“

Wackelt die engere Verzahnung der EU-Staaten

Viele Ökonomen und Kapitalmarktexperten erwarten nach dem Rechtsruck in Deutschland jedoch, dass die weitere Vertiefung der EU, wie ein eigener EU-Finanzminister oder ein geplanter europäischer Währungsfonds, nun ist Stocken geraten könnte.
Amundi Stratege Perrier glaubt auch, dass Deutschland einer weiteren Vertiefung der EU nicht gänzlich verweigern wird. So etwa die Bildung eines eigenen Europäischer Währungsfonds. Dieser soll aus dem Gerüst des Rettungsschirm ESM hervorgehen und dann finanzielle Hilfe bereitstellen soll, wenn der IWF nicht mehr zu solchen bereit ist. Templeton ist zumindest was des Währungsfonds anbelangt optimistischer: „Es scheint Einigkeit zu herrschen, dass der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM in einen Europäischen Währungsfonds umgewandelt werden sollte, um Unabhängigkeit gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erlangen.Ähnlich sieht man das auch beim Investment-Riese BlackRock. „Das Momentum der Bewegung, die Eurozone zu stärken, dürfte zurückgehen“, schreibt das BlackRock Investment in einem Kommentar.


Das Momentum der Bewegung, die Eurozone zu stärken, dürfte zurückgehen

Langfristig höheres Risiko absehbar

Franklin Templeton, Vizepräsident Matthias Hoppe sieht aufgrund dieser sich nun verschärfenden Unwägbarkeiten was die Entwicklung der EU betrifft, langfristig höhere Risiken für Europa und dessen Aktienmärkte als bisher. "Das ist absehbar", urteilt Hoppe. Die Unsicherheit über die Entwicklung der EU liegt auch an Merkel selbst: „Sie hat sich über ihre Vision für Europa bisher eher bedeckt gehalten. Das Parteiprogramm enthüllt kaum Details dazu“, so der Templeton-Experte.

Zyklische Aktien vor weiterem Kursanstieg?

Für die Aktienmärkte sieht es nach der Wahl weiterhin gut aus. Kurz- bis mittelfristig erwartet Diego Franzin, Amundi-Aktienchef, ein anhaltende Erholung zyklischer Aktien. Er rechnet damit, dass Aktien von Banken, Energieunternehmen, Industriekonzernen und Telekomfirmen und konform mit dem Aufschwung, weiter anziehen. „Die Einzeltitelauswahl bleibt jedoch angesichts teils hoher Bewertungen ein Schlüsselkriterium“, so Franzin.

Risikoaufschläge für Anleihen könnten wieder steigen

Doch nun könnte sich das Blatt bei den Staatsanleihen wenden. Seit im Frühjahr Emmanuel Macron bei den französischen Wahlen den Sieg davongetragen hatte, hatte sich der Optimismus was das Engagement von sowohl Frankreich als auch Deutschland für Reformen der Eurozone verstärkt. „Das spiegelte sich teilweise in stark sinkenden Risikoaufschlägen bei Staatsanleihen wider, vor allem bei französischen Anleihen und den als Referenz dienenden deutschen Bundesanleihen“, erläutert Templeton- Portfolio-Manager Hoppe. Das könnte sich nun aufgrund der ausbleibenden engeren Verzahnung der EU, auf das die Märkte gesetzt haben, wieder ändern.

Neuer Aufwind für den Dollar

Die Asset Manager der Deutschen Bank erwarten, dass der Dollar gegenüber dem Euro weiter zulegt. Denn, wie viele andere Banker, befürchten sie, dass die geplante Fiskalunion, also die geplante steuerliche Angleichung innerhalb der Eurozone nun erschwert wird. Spekulationen über wachsende Unsicherheit könnten laut der Deutschen Bank, ähnlich wie Templeton, auch das die Renditeaufschläge für Bundesanleihen erhöhen. „Für Aktien sollte dieses Wahlergebnis weitestgehend neutral sein“, so die Deutsche Asset Management.

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