Deutsche Börse: Neue DAX-Regeln nach Wirecard-Skandal

Nach Kritik am Umgang mit dem in einem Bilanzskandal verstrickten DAX-Konzern Wirecard überarbeitet die Deutsche Börse ihr Regelwerk für die erste deutsche Börsenliga.

Deutsche Börse: Neue DAX-Regeln nach Wirecard-Skandal

Der Fall Wirecard hat die Deutse Börse tief getroffen.

Der Wirecard-Skandal erschüttert die Deutsche Börse weiter. Das Papier des insolventen Zahlungsdienstleisters (DE0007472060) hat nach der Bankrotterklärung des im deutschen Aktienindex DAX gelisteten Unternehmens 99 Prozent seines Wertes verloren.

Die Wirecard-Aktie ist derzeit ein Spielball wilder Spekulationen. Zuletzt lagen die Wirecard-Papiere mit einem satten Plus von fast 150 Prozent bei 3,14 Euro, nachdem sie zum Ende der letzte Woche zeitweise nur noch knapp über einem Euro tendiert hatten. Vor gut zwei Monaten kosteten die Papiere noch über 140 Euro.

In Großbritannien hat die Finanzaufsicht FCA der britischen Wirecard-Tochter "Wirecard Card Solutions" den Geschäftsbetrieb untersagt. Die Beschränkungen könnten erst wieder aufgehoben werden, wenn alle Bedenken aus dem Weg geräumt seien, erklärte die FCA. So müsse das Geld der Kunden sicher sein.

In Deutschland werden zahlreiche Dienstleistungen von der Wirecard Bank erbracht, die anders als der Mutterkonzern bisher keine Insolvenz angemeldet hat. Sollte die deutsche Finanzaufsicht BaFin ein sogenanntes Moratorium verhängen und der Bank damit Zahlungen verbieten, würde das manchen Kunden hart treffen. Schließlich wickelt Wirecard mit Hilfe der Bank für viele Konzerne Kreditkartenzahlungen ab. Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter dürfte mehrere Wochen dauern. Bis dahin könnten Kunden nicht mit Kreditkarte zahlen - außer, der Händler nutzt auch andere Zahlungsdienstleister. Zudem nutzen auch in Deutschland Start-ups die Wirecard Bank für ihre Dienstleistungen.

Eine Frage des Vertrauens

"Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich in den letzten Tagen gelitten. Als Marktplatzbetreiber ist es auch unsere Aufgabe, das Vertrauen in den Kapitalmarkt zu stärken. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Regelwerke unter Einbindung der Regulatoren und die Regeln für die Zugehörigkeit zur DAX-Familie einer vertieften Prüfung zu unterziehen und zu überarbeiten", erklärte nun ein Sprecher der Deutschen Börse. Die Vorschläge zur Veränderung des Regelwerks würden wie üblich mit den Marktteilnehmern besprochen.

Ein Rauswurf aus dem Kreis der 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex droht Wirecard nämlich nach den derzeit noch geltenden Bestimmungen vorerst nicht. Nur im Falle einer Abwicklung oder einer Abweisung des Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse muss ein Unternehmen nach den derzeitigen Regeln "umgehend" aus einem Auswahlindex herausgenommen werden.

Termine halten Wirecard im DAX

Die Deutsche Börse überprüft regelmäßig die Zusammensetzung ihrer Aktienindizes. Maßgeblich für die Zugehörigkeit zum Kreis der 30 DAX-Konzerne sind Börsenumsatz (Handelsvolumen) und Börsenwert (Marktkapitalisierung) eines Unternehmens. Wirecard hatte im September 2018 im DAX den Platz der Commerzbank übernommen. Nächster regulärer Überprüfungstermin der Zusammensetzung der Aktienindizes der Deutschen Börse ist der 3. September 2020.

Die deutsche Bundesregierung will angesichts des Milliarden-Bilanzskandals um Wirecard die Bilanzkontrolle reformieren. Ein Sprecher des Justizministeriums sagte, ein "sachkundiges, wirkungsvolles und effizientes Bilanzkontrollverfahren" sei wichtig, um einen funktionsfähigen und transparenten Kapitalmarkt zu gewährleisten. Zusammen mit dem Finanzministerium werde das Ausmaß des Reformbedarfs analysiert.

In einem ersten Schritt soll der Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) gekündigt werden. Die Kündigung werde gegenwärtig vorbereitet, so der Sprecher des Justizressorts. Der privatrechtlich organisierte Verein DPR kontrolliert im Staatsauftrag die Bilanzen.

Brennpunkt Philippinen

Auch auf den Philippinen, wo die fehlenden 1,9 Milliarden Euro angeblich liegen sollten, ist man um Aufklärung bemüht. Die Anti-Geldwäsche-Behörde werde eine "schnelle und gründliche" Untersuchung starten, um weitere involvierte Gesellschaften und Personen zu finden, sagte deren Vorsitzende Mel Georgie Racela zu Reuters. Genau ansehen werde sich die Behörde vor allem drei Unternehmen, die im Zusammenhang mit dem deutschen Zahlungsabwickler stünden - Centurion Online Payment International, PayEasy Solutions und ConePay International.

Der von Wirecard offenbar als Treuhänder eingesetzte philippinische Anwalt Mark Tolentino wies eine Verantwortung für die Pleite des Zahlungsabwicklers von sich. Er habe sechs Bankkonten für eine in Singapur ansässige Firma eröffnet, aber bis zum Bekanntwerden des Skandals nicht gewusst, dass sie für Wirecard waren, sagte er in einem Telefoninterview mit Reuters. Auf den Konten seien nie mehr als ein paar hundert Euro gewesen. "Jeder zeigt mit dem Finger auf mich, und stellt mich als Dieb des fehlenden Geldes dar", sagte er. "Ich möchte meinen Namen reinwaschen. Ich bin ein Opfer von Identitätsdiebstahl und gefälschten Nachrichten."

Der von Wirecard fristlos entlassene Vorstand Jan Marsalek wird laut "Handelsblatt" inzwischen per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Staatsanwaltschaft München wollte sich dazu nicht äußern. Der Österreicher war nach seiner Entlassung auf die Philippinen geflogen. Wo er sich derzeit aufhält, ist nicht bekannt. Insidern zufolge hält sein Anwalt weiterhin Kontakt zu den Münchener Ermittlern.

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