China Index-Aufnahme verweigert: Kommt der Crash?

China wird nun doch nicht, wie erwartet, in den wichtigen Schwellenländerindex von MSCI aufgenommen. Für Anleger und das Land ein herber Rückschlag. Was das letzte Mal geschah, als der Indexanbieter die Aufnahme verweigerte, was MSCI von China fordert und was das für die Börsen bedeuten könnte.

China Index-Aufnahme verweigert: Kommt der Crash?

An den Börsen droht das nächste Beben. China, seit vergangenen Sommer das Sorgenkind der Welt, hat einen weiteren kräftigen Dämpfer erhalten. Wie letztes Jahr hat der renommierte Aktien-Indexanbieter die Aufnahme in den wichtigen Schwellenländer-Aktienindex von MSCI verweigert. Chinas Regierung ist tief enttäuscht. Gehen der Börse China und damit der Volksrepublik auf diese Weise doch Milliarden an Investments durch die Lappen. Experten schätzen, dass China, wenn es aufgenommen worden wäre, binnen eines Jahrzehnts etwa 400 Milliarden Dollar an zusätzlicher Investments in das Land gewinnen hätte können. Große ausländische Investmentgesellschaften orientieren sich bei ihren Anlageentscheidungen nämlich häufig an MSCI-Indizes. Aktuell weist der MSCI Schwellenländer-Index einen Wert von 1,5 Billionen Dollar auf.

Hohe zweistellige Verluste innerhalb des vergangenen Jahres

Bereits im Vorfeld der Entscheidung von MSCI hatten Investoren in der Hoffnung auf die Aufnahme Postionen in chinesische Aktien aufgebaut, um von der so erwarteten Rallye zu profitieren. So kletterte die Shanghai Stock Exchange (000001-HKG) in den vergangenen 14 Tagen um drei Prozent. Die Bilanz für die vergangenen zwölf Monate fällt allerdings trist aus. Der China-Aktienindex verzeichnete einen Rückgang von knapp 37 Prozent. Der in Hong Kong basierte ältere Aktienindex Hang Seng (HK0000004322), mit zahlreichen international bekannten China-Blue-Chips, verlor in dieser Zeit über 25 Prozent.

MSCI spricht Chinas Wirtschaft und Politik Misstrauen aus

Doch aus der Party wird nun nichts. Im Gegenteil, es drohen Kurseinbrüche. Als nämlich der Indexanbieter bereits vor einem Jahr die Aufnahme Chinas verweigerte, waren die Kurse der China Börsen Schanghai und Shenzhen um 40 Prozent eingebrochen. Zuletzt war wieder Optimismus in China eingekehrt, nicht nur wegen der bevorstehenden Aufnahme, sondern vor allem weil die Regierung zahlreiche Reformen beschlossen hat. Doch nun hat MSCI mit der Ablehnung offen sein Misstrauen gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas und der politischen Führung offenbart. In einem Statement erklärte MSCI, man werde beobachten und analysieren, wie die Regierung in Peking das Versprechen der Öffnung des Landes umsetzt. China müsse etwa erst die Kapitalmärkte für ausländische Investoren weiter öffnen, so der Finanzdienstleister MSCI. Bisher würde das Land an der stark reglementierten Wirtschaft des Landes kranken.

Wirtschaftswachstum verlangsamt sich weiter

Obwohl sich die Wirtschaft in China im ersten Quartal merklich erholt hat, ist das Land noch längst nicht über den Berg. "Man sollte sich keinen Illusionen hingeben", warnt Didier Saint-Georges, Managing Director der Investmentgesellschaft Carmignac. Das Land der Mitte sollte nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds dringend seine Reformbemühungen verstärken, um sich gegen die wachsende Anfälligkeit der Wirtschaft zu wappnen. "Der mittelfristige Ausblick ist wegen der schnell steigenden Kreditvergabe, der strukturellen Überkapazitäten und des undurchsichtigen Finanzsektors, unsicherer geworden", resümiert IWF-Vize-Chef David Lipton kürzlich. Der Fonds geht davon aus, dass die chinesische Wirtschaft im nächsten Jahr rund sechs Prozent zulegt. Diese Einschätzung teilt die DZ Bank. Das bedeutet jedoch ein weiter sich verlangsamendes Wirtschaftswachstum.
Die Staatsführung in Peking veranschlagt für die nächsten fünf Jahre jedoch mindestens 6,5 Prozent Wachstum. Im vergangenen Jahr fiel die Bilanz im Vergleich zu Höchstständen von bis zu 14 Prozent Wachstum mager aus: 2015 verzeichnete das Land das niedrigste Plus seit einem Vierteljahrhundert. 2016 dürfte es damit weiter bergab gehen. Nach einem Zuwachs von 6,9 Prozent im Vorjahr, rechnet die Bank in einer Studie für 2016 mit einem Wachstum von 6,5 Prozent.

Schulden von Staat und Staatsfirmen steigen rasant

Problematisch dürfte auch der weitere Anstieg der Schulden sein. Im Vorjahr überstiegen die staatlichen Ausgaben die Einnahmen um minus 2,8 Prozent des BIP. Laut Schätzungen der DZ Bank sollen die Schulden heuer kräftig auf minus 4,5 Prozent steigen. 2017 dürfte das Budgetsaldo bei minus vier Prozent liegen. Die DZ Bank rechnet bis 2017 mit einem sinkenden Wirtschaftswachstum. Ein Mühlstein für die Wirtschaft sind vor allem die maroden Staatsfirmen. Deren Verschuldung steigt laut IWF rasant. Das Land steuert, laut IWF-Manager Lipton auf ernste Probleme zu, wenn es die hohe Verschuldung seiner Staatsfirmen nicht in den Griff bekommt. Die schwächsten Firmen gehören dringend saniert oder geschlossen, appelliert der IWF. Die Unternehmen in China sind mittlerweile mit 145 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes verschuldet, wovon mehr als die Hälfte auf ineffiziente Staatsunternehmen entfalle. Besonders betroffen sind staatliche Fabriken, die deutlich mehr Arbeiter beschäftigen als nötig wären. Die Regierung hat zwar angekündigt, die Überkapazitäten zu beseitigen und vor allem Millionen von Arbeitsplätzen in der Kohle- und Stahlindustrie zu kürzen. Doch das Tempo der Reformen ist nach Einschätzung des IWF viel zu langsam. Denn indem China sich darauf versteift, sein Wachstumstempo um jeden Preis aufrechtzuerhalten, würde das Land sein akutes Schuldenproblem nur weiter verstärken. Saint-Georges, Manager der Fondsgesellschaft Carmignac: "Wenn sich die aktuelle Verschuldungstendenz fortsetzt, würde der Grad der Verschuldung von insgesamt 240 Prozent binnen fünf Jahren auf ein kritisches Niveau von rund 320 Prozent steigen."

Zweifel an Chinas Machthaber

Kevin Daly, Senior Investment Manager bei Aberdeen Asset Management ortet ein steigendes politisches Risiko in China. "Wir glauben aber, dass Präsident Xi Jinping versuchen wird, bis zum Parteikongress im Jahr 2018, seine Macht zu festigen. Doch MSCI sieht Xi kritisch. Der Indexanbieter fürchtet dass das Land wirtschaftlich weniger Freiheiten gelassen werden als in der Vergangenheit, statt diese zu erweitern.

Währung fällt auf 5-Jahrestief

Sorgen dürfte die verweigerte Index-Aufnahme auch dem Internationalen Währungsfonds auch aus einem anderen Grund bereiten. Hatte der IWF doch vergangenen Herbst, im Glauben, dass die China-Börse in den MSCI aufgenommen wird und sich die Wirtschaftsleistung merklich verbessert, die China-Währung Renminbi in den wichtigen Weltwährungskorb aufgenommen. Die aktuelle Folge des MSCI-Nein: Chinas Währung, die auch Yuan genannt wird, fiel am Mittwoch gegenüber dem Dollar prompt auf den niedrigsten Wert seit fünf Jahren.

"Anleger nicht bereit in Yuan zu investieren"

Doch Experten von Fondsgesellschaften versuchen zu beruhigen: "Die Wirtschaft in China schwächt sich lediglich ab, kollabiert aber nicht", so Fondsmanager Daly von Aberdeen Asset Management. Ein Einbruch wie im Sommer des Vorjahres dürfte in diesem hohen Ausmaß aber ausbleiben. Denn im Unterschied zu damals, haben Chinas Planwirtschaftler nun den Markt nicht mit Milliarden überschwemmt und so die Kurse vor dem Crash künstlich auf bis zu 150 Prozent Plus hochgetrieben.
Dass die China-Börsen in nächster Zeit anspringen dürften, ist aber dennoch zweifelhaft. "Die Entscheidung unterstreicht den Widerstand globaler Anleger, in Yuan-Anlagen zu gehen", sagte Peter Alexander, Chef des Anlageberaters Z-Ben Advisors in Shanghai gegenüber dem Nachrichtendienst dpa. "Und das, obwohl China den zweitgrößten Aktienmarkt der Welt und den drittgrößten Anleihemarkt beheimatet."

Bleibt zu hoffen, dass sich die chinesische Regierung durch das wiederholte Nein von MSCI und die scharfen Warnung des IWF dazu angestachelt fühlt, nun entschiedener die nötigen Reformen angeht und die heimischen Börsen weiter für die internationale Investoren öffnen. Anleger sollten daher, auch wenn viele Fondsgesellschaften bereits zum Einstieg in China-Aktien raten, doch wie MSCI erstmal lieber abwarten.

Andreas Lampl, Chefredakteur trend

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