EZB wird noch bis 2018 Anleihen kaufen und Zinsen nicht anheben

EZB wird noch bis 2018 Anleihen kaufen und Zinsen nicht anheben

Nach Ansicht von Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek wird die Europäische Zentralbank ihr Anleihekaufprogramm (QE) bis 2018 fortsetzen und erst ab Mitte 2018 den Leitzins anheben. Einen positiven Realzins werde es frühestens 2019 wieder geben - und auch das nur bei längeren Laufzeiten.

Die Zinsen werden aus Sicht von Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek noch lange tief bleiben. Erst ab Mitte 2018 werde die Europäische Zentralbank (EZB) den bei Null liegenden Leitzins anheben, erst ab 2019 werde es wieder positive Realzinsen geben - vorerst nur bei längeren Laufzeiten. Zunächst werde die EZB das QE ausweiten, aber bis Sommer 2017 eine Rückführung zumindest ankündigen.

Ab dem ersten Quartal 2018 würden die Eurohüter ihr Anleihenaufkaufprogramm (Quantitative Easing) auslaufen lassen, und ein Viertel oder halbes Jahr danach könnte es erste Zinserhöhungen geben - mit möglicherweise drei, vier Zinsschritten bis Juni 2019, meint Brezinschek: "Davor tut sich in der Zinspolitik der EZB einmal lange nichts." Und danach würden die Eurohüter möglicherweise ein Jahr lang überhaupt zuwarten.

EZB wird QE-Programm im Dezember verlängern

Spätestens heuer im Dezember, wenn die nächste quantitative und monetäre Prognose anstehe, werde die EZB die Verlängerung des bis März 2017 geplanten QE ankündigen. Und spätestens im Juni 2017 werde man erklären, dass ab dem zweiten Halbjahr ein Tapering geplant sei. Dabei werde dann aber keine Liquidität entzogen, es komme nur keine neue mehr nach. Diese Exit-Strategie der EZB schwebe aber als Risiko wie ein Pendel über den Finanzmärkten.

Den Strafzins für von Geschäftsbanken bei Notenbanken geparkte Gelder werde die EZB nicht weiter über die jetzigen 0,4 Prozent hinaus verschärfen, glaubt Brezinschek. Schon jetzt könne die EZB wegen der zunehmend negativeren Staatsanleihe-Renditen immer weniger solche Bonds erwerben, denn bei Werten von unter 0,4 Prozent dürfe sie dies nicht tun. Damit würden aber durch die EZB selbst die Zinsen am langen Ende gedrückt. In seinem Haus gehe man davon aus, dass die EZB das ändern werde und sehr wohl zum Beispiel auch 5- oder 3-jährige deutsche Staatsanleihen aufkaufen werde, "was dann zu einer leichten Versteilung der Zinskurve führen wird".

Grenzen werden aufgehoben

Der RBI-Experte nimmt zudem an, dass die EZB die 33- bzw. 25-Prozent-Grenzen aufheben wird. Denn derzeit dürfen laut Programm maximal 33 Prozent der ausstehenden Anleihe-Schulden eines Landes erworben werden, und außerdem dürfen nur bis zu 25 Prozent eines einzelnen Schuldtitels aufgekauft werden. Griechische Papiere hätten jedoch bis 2018 keine Chance, in normale Ankäufe aufgenommen werden, meint Brezinschek zu vereinzelten Spekulationen in diese Richtung.

Für Aktien bedeute die angenommene EZB-Politik bis zum ersten Halbjahr 2017 ein "eher freundliches Umfeld", wenn dann zur Jahresmitte mit dem Tapering begonnen werde, sei fürs zweite Semester 2017 aber angesagt, "vorsichtiger" zu sein. Nach der Ankündigung der QE-Rückführung werde die EZB nicht gleich damit beginnen, sondern zwei, drei Monate verstreichen lassen. "Dann könnte es aber schon mehr Verwerfungen bei Aktien geben", warnt der Analyst.

"Historisch extrem niedrige Zinskurve"

Mit positiven realen Renditen rechne offenbar bis 2020 niemand, meint der Experte. Zumindest bei den 10-Jährigen könnten sie im zweiten Halbjahr 2019 oder Anfang 2020 doch wieder leicht positiv werden, aber nicht im 5- oder 3-jährigen Bereich, also bei Spareinlagen. Die Inflation könnte sich zwischen 1 1/2 und 1 3/4 Prozent einpendeln. In Richtung 2019 werde die Zinskurve eher noch flacher werden, "wir werden eine historisch extrem niedrige Kurve haben gegenüber den letzten zwanzig, dreißig Jahren".

Die expansive Geldpolitik generiere Sparvolumen bei Unternehmen, bei den öffentlichen Händen, aber nicht bei Privaten. Mit Erlösen aus so niedrig wie noch nie rentierenden Corporate Bonds oder mit anderen Fremdkapitalaufnahmen würden Firmen nicht nur ihre Dividendenausschüttungen finanzieren, sondern auch Aktienrückkäufe, was Brezinschek durchaus kritisch sieht.

Europa und die USA sind auf dem Wachstumspfad

Die Investitionen liefen gar nicht so schlecht - im Euroraum betrage das Investitionswachstum knapp 3 Prozent, das Doppelte des BIP-Anstiegs, betrachte man Ausrüstungsinvestitionen ohne Bau; Grund für den Anstieg sei etwa die gute Ertragssituation der Firmen. Zudem seien Investitionen weniger zinsabhängig als früher. Europa und die USA seien insgesamt auf Wachstumspfad, so Brezinschek. Jedoch gebe es langfristig keinen Fördereffekt der Notenbankpolitik auf die Wachstumspolitik. Bei der US-Fed würden bis Ende 2018 "eine oder eineinhalb" Zinserhöhungen angenommen, "da kann man gut dagegen wetten".

Vermehrt würden die Notenbanken die Frage der Schuldentragfähigkeit von Staaten und auch die Gefahr von Spill-over-Effekten im Blick haben. So hätten etwa Fed und EZB schon auf Entwicklungen in Regionen außerhalb ihres Währungsraums verwiesen: die Federal Reserve auf Asien oder Lateinamerika, denn außerhalb der USA wachse das Dollar-Kreditvolumen stark an, daheim nur gering - und die EZB auf den Brexit. Notenbanken würden also stärker die Globalisierung und Interdependenzen berücksichtigen und heute auch weltweit viel länger zuwarten - insgesamt seltener und später reagieren und "lieber einmal einen Zyklus auslassen".

Langfristige Zinsschätzungen gesenkt

Die Zinspolitik entkopple sich von kurzfristigen realpolitischen Entwicklungen, so der Befund des Experten. Möglicherweise erst ganz langfristig könnte eine Anpassung an ein faires Zinsniveau kommen. Ihre langfristigen Zinsschätzungen habe die Raiffeisen Bank International (RBI) jetzt gesenkt, "wir liegen aber noch immer über dem Markt", erläuterte Brezinschek.

Ja, durch die Notenbankpolitik und die Fremdkapitalaufnahmen von Unternehmen würden sich Risikopolster aufbauen, räumt Brezinschek ein. "Der Reformstau der Staaten wächst wahrscheinlich an", denn auf die Schuldentragfähigkeit würden die Staaten kein Augenmerk legen. Auch Deutschland hätte ohne Niedrigzinsen derzeit keinen Budgetüberschuss, erinnert er. "Das Thema Ausgabendynamik wird nicht angegangen", so der Raiffeisen-Chefanalyst. So werde etwa Deutschland ab 2020 mit den Rentenzuschüssen stark nach oben fahren müssen, "da ist der Budgetüberschuss dann eh weg". Auch dazu, Arbeitsmarkt-Reformen stärker anzugehen, seien die Länder derzeit - angesichts der Niedrigzinspolitik - gar nicht angehalten. Das gelte auch für diverse "Überregulierungen", die angegangen werden sollten: "Wir ersticken in unserem Regulierungswahn. Es fehlen neue Freiräume."

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