Brexit forciert miese Stimmung und treibt Anleger in Gold und Anleihen

Brexit forciert miese Stimmung und treibt Anleger in Gold und Anleihen

In Großbritannien flüchten Anleger in Gold und Anleihen. Das Pfund notiert abermals auf Tiefststand.

Das Gold war am Mittwoch mit 1.371,40 Dollar je Feinunze so teuer wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Das britische Pfund rutscht erstmals seit 1985 unter die Marke von 1,30 Dollar. Das Austrittsvotum der Briten schürt die Sorge vor einer neuen Bankenkrise. Die Zentralbanker sind auf der Hut.

London. Wegen der unklaren Aussichten für die Weltkonjunktur nach dem Brexit-Referendum nehmen immer mehr Anleger Kurs auf sichere Häfen. Die "Antikrisen-Währung" Gold stieg am Mittwoch um bis zu 1,2 Prozent und war mit 1.371,40 Dollar (1.230,40 Euro) je Feinunze so teuer wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren.

Die japanische Währung stand ebenfalls hoch im Kurs: Das Pfund Sterling fiel auf ein Dreieinhalb-Jahres-Tief von 128,81 Yen. Parallel dazu rutschte die Rendite der 20-jährigen japanischen Staatsanleihen erstmals unter die Marke von null Prozent. Deutsche Bundestitel mit einer Laufzeit von zehn Jahren rentierten mit minus 0,191 Prozent so niedrig wie nie zuvor.

Für Verunsicherung unter Investoren sorge die unklare politische Zukunft Großbritanniens, sagte Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. Sollte Innenministerin Theresa May das Amt des zurückgetretenen Premiers David Cameron übernehmen, sei fraglich, ob das Land offiziell den Ausstieg aus der EU beantragen wird. "Schließlich hatte sich May vor dem Referendum für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. Auf der anderen Seite hat May seit ihrer Kandidatur eine recht harte Linie in Bezug auf die Verhandlungen mit der EU angedeutet."

Bei einer Abstimmung der Konservativen im Parlament erhielt May die meisten Stimmen. Zwei von der Fraktion bestimmte Kandidaten müssen sich im September in einer Stichwahl der Parteibasis stellen.

Nervöse Immo-Anleger

Auch die Immobilienanleger werden auf der britischen Insel zusehends nervös. Zu Wochenbeginn haben die beiden große Fonds Aviva und Standard Life jeweils einen milliardenschweren Immobilienfonds eingefroren. Einfacher Grund: Die Anleger haben zu viel Geld auf einmal abziehen wollten; die Fonds sorgten sich daher vor einem Liquiditätsengpass. In solchen Fällen können Offene Fonds die Rücknahme von Anteilsscheinen vorübergehend verweigern, um nicht zu Notverkäufen von Objekten gezwungen zu werden.

Kein neuer Vorgang in der Finanzbranche. Auch zur Finanzkrise hatte es derartige Maßnahmen gegeben etwa bei Immobilienfonds in Deutschland. Viele Fonds sind setiher nie wieder auf die Beine gekommen und wurden schließlich abgewickelt.

In Großbritannien sind die Investoren nach dem Hype der vergangenen Jahre derzeit stark verunsichert, wie sich die Preise auf dem dortigen Immobilienmarkt entwickeln werden. Das gilt insbesondere für Büroflächen und Shopping-Center, deren Auslastung an der Konjunktur hängt. Die Anleger wollen offenbar lieber auf Nummer sicher gehen und ihr Geld zurück - auch wenn noch Unklarheit darüber herrscht, wie der Abschied des Königreichs aus der Europäischen Union konkret ablaufen soll.

Die britische Finanzaufsicht FCA hat die Vehikel nun genau im Blick, wie FCA-Chef Andrew Bailey am Dienstag sagte. Auch börsennotierte Immobilienfonds (REITs) und andere gelistete Vermögensverwalter wurden in London vom Ausverkauf erfasst.

Als Reaktion auf die Schockwellen des Brexit-Votums in der Wirtschaft und Finanzwelt schaltet die britische Notenbank auf Krisenmodus um. Die Bank of England (BoE) warnte am Dienstag vor gravierenden Folgen für die Finanzstabilität des Landes durch das "Ja" der Bevölkerung zum EU-Austritt. Um die Finanzwelt vor Schlimmerem zu bewahren, lockerte sie mit sofortiger Wirkung die Kapitalregeln für Banken.

Die Brexit-Angst geht um

Die Brexit-Angst hat die Investoren wieder erfasst. Bereits tags zuvor hatte der Brexit-Blues wieder die Stimmung dominiert und die vorherige Erholungsrally endgültig ausgebremst. Der Eurozonen-Leitindex Euro-Stoxx-50 dürfte zur Wochenmitte um ein halbes Prozent schwächer starten.

Auch der DAX dürfte seine Talfahrt am Mittwoch fortsetzen. Der X-Dax als Indikator für den deutschen Leitindex signalisierte rund eine Dreiviertelstunde vor dem Start ein Minus von 1,02 Prozent auf 9.435 Punkte. In London deutet der Future für den FTSE-100 eine leicht tiefere Eröffnung an.

Negativ wirkt auch, dass sich die Wall Street mit Verlusten aus dem langen Wochenende zurückgemeldet hatte. Dow Jones Industrial und S&P-500-Index prallten weiter von ihren Widerständen bei 18.000 und 2.100 Punkten zurück. Noch deutlicher erwischte die neu erwachte Risikoscheu der Anleger die Börse in Tokio. Hier ging es für den Nikkei-225-Index um mehr als 2 Prozent abwärts.

Pfund wieder auf Tiefkurs

Zudem steht das britische Pfund steht knapp zwei Wochen nach dem Brexit-Votum weiter unter Druck. In der Nacht auf Mittwoch rutschte die britische Währung erstmals seit 1985 unter die Marke von 1,30 US-Dollar.

Zeitweise kostete ein Pfund nur noch 1,2798 US-Dollar und damit rund 22 Cent oder 15 Prozent weniger als kurz vor der Mehrheits-Entscheidung der britischen Bevölkerung, aus der Europäischen Union austreten zu wollen. In den ersten Tagen nach dem Votum war das Pfund bis auf 1,31 Dollar abgesackt, konnte sich dann aber wieder etwas erholen und stieg wieder bis auf 1,35 Dollar. Ähnlich sah die Entwicklung an anderen Märkten aus.

Die Kontrollfragen der Zentralbanken

Aus Furcht vor einem Wiederaufflackern der globalen Finanzkrise haben die EZB und andere Zentralbanken nach dem Brexit-Votum die Handelsräume großer Geldhäuser mit Kontrollanfragen bombardiert. Wie Reuters von Insidern aus der Finanzbranche erfuhr, verschafften sich die britische und die US-Notenbank sowie die EZB zeitnah ein umfassendes Bild von den Aktivitäten am Markt, um frühzeitig drohende Turbulenzen erkennen zu können. Ein Banker sagte, nie zuvor habe es solche Kontrollanrufe so häufig und so durchgehend gegeben. Offenbar habe es die Sorge gegeben, das überraschende Anti-EU-Votum könne an den Finanzmärkten zu solch gravierenden Problemen führen wie der Kollaps der US-Investmentbank Lehman im Herbst 2008.

Auch die britische Notenbank ist weiter auf der Hut: "Im Notfall können wir ausreichend Liquidität zur Verfügung stellen", betonte Carney. Aus Furcht vor einer Verknappung des Kreditangebots lockerte die BoE die Vorgaben für Banken. Sie müssen vorerst nicht mehr Geld für schlechtere Zeiten beiseitelegen. Dass der bereits beschlossene spezielle Kapitalpuffer bis mindestens Juni 2017 ausgesetzt bleibe, heiße aber nicht, dass die Geldinstitute mehr Spielraum für höhere Dividenden erhielten, so Carney. Vielmehr solle die Kreditvergabe an Firmen und Haushalte angekurbelt werden.

Die Notenbank in London hatte nach dem Brexit-Votum schon eine Lockerung ihrer Geldpolitik in Aussicht gestellt. Im Laufe des Sommers würden vermutlich geldpolitische Anreize benötigt, sagte Carney jüngst. Investoren rechnen damit, dass die BoE den Leitzins im Sommer senkt - möglicherweise sogar bis auf 0,0 Prozent. Aktuell liegt er mit 0,5 Prozent bereits auf einem historisch niedrigen Niveau. Es wird mit einer längeren Phase der Unsicherheit gerechnet, wodurch die Konjunktur und insbesondere die britischen Exportaussichten getrübt werden dürften.

Miese Stimmung

Die Stimmung unter den Unternehmern auf der Insel hat sich nach dem Brexit-Votum bereits massiv verschlechtert. Bei der jüngsten Umfrage der Forschungsinstitute YouGov und Centre for Economics and Business Research gaben 49 Prozent der Firmen an, den allgemeinen wirtschaftlichen Ausblick für die nächsten zwölf Monate pessimistisch zu bewerten.

Vor dem Referendum waren nur 25 Prozent dieser Ansicht. Und die britische Kaufhauskette John Lewis bekommt die Zurückhaltung der Konsumenten schon zu spüren: In der Woche nach dem Referendum legten die Einnahmen nur um 2,1 Prozent zu. In der Woche zuvor, dem Beginn des Sommerschlussverkaufs, lag das Plus noch bei 7,3 Prozent.

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