Brexit-Poker macht Pfund-Anlegern das Leben schwer

Brexit-Poker macht Pfund-Anlegern das Leben schwer

Die britische Premierministerin Theresa May hat für den 8. Juni Neuwahlen angesetzt. Sie erhofft sich dadurch eine breitere Unterstützung, die Brexit-Gegner wittern eine letzte Chance, den EU-Austritt Großbritanniens doch noch abzuwenden. Die andauernde Unsicherheit lastet auf dem Pfund-Kurs und dämpft die Hoffnungen der Anleger.

Premierministerin Theresa May hat die Karten für das Pfund Sterling mit ihrer überraschenden Wahlankündigung neu gemischt. Ob die britische Währung zu den Gewinnern zählt, ist aber nicht eindeutig. Während einige Experten darauf hoffen, dass May gestärkt aus der Abstimmung hervorgeht und bei den Brexit-Verhandlungen einen versöhnlicheren Kurs einschlägt, befürchten andere weiterhin eine schmutzige Scheidung Großbritanniens von der EU.

Eine dritte Gruppe hofft gar darauf, den Brexit doch noch abwenden zu können: EU-Befürworter erhalten mit den Neuwahlen eine zumindest theoretische Chance, den Austritt aus der Union doch noch zu verhindern. Voraussetzung dafür wäre aber, dass eine Partei die Wahl gewinnt, die sich klar gegen den Brexit ausspricht. "Durch die Neuwahlen in Großbritannien kann die britische Bevölkerung den Brexit noch abwenden", sagt etwa der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen. "Die Unterhaus-Wahlen am 8. Juni sind für die Briten vielleicht die letzte Chance, Frau May zu zeigen, dass sie vom Brexit nichts halten", twitterte auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann.

Ein Rosenkrieg zwischen Großbritannien und der EU würde sich Experten zufolge jedenfalls negativ auf die britische Wirtschaft auswirken und dem Pfund einen erneuten Kursrutsch einbrocken. Seit dem Brexit-Referendum im vergangenen Juni hat die Währung knapp 15 Prozent auf derzeit gut 1,28 Dollar, respektive 1,19 Euro abgewertet. Nach der Ankündigung der Neuwahlen, schoss der Kurs des Pfundes in die Höhe. Zugleich verzeichnete der Londoner Aktien-Leitindex FTSE 100 den größten Kursverlust seit den Chaostagen nach dem britischen EU-Referendum im Juni vergangenen Jahres. Während Devisenhändler die Chance auf etwas mehr Stabilität in einem sehr unsicheren EU-Austrittsprozess höher bewerteten, konnte May bei Aktienanlegern also offenbar weniger Optimismus erzeugen.

Wechselkurs Euro/Britisches Pfund im Jahresverlauf. Die Kurssprünge vom Juni 2016 und April 2017 sind deutlich erkennbar. Wert vom 21.04.2017: 0,836 EUR/GPB. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Wechselkurs Euro/Britisches Pfund im Jahresverlauf. Die Kurssprünge vom Juni 2016 und April 2017 sind deutlich erkennbar. Wert vom 21.04.2017: 0,836 EUR/GPB. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

"Die Entscheidung für vorgezogene Neuwahlen am 8. Juni ist zwar nicht ohne Risiko, angesichts des Vorsprungs in den Umfragen sollten die Konservativen ihre Parlamentsmehrheit aber deutlich ausbauen können", sagt Mike Amey, Chef des Pfund-Sterling-Portfolios beim Fondsanbieter Pimco. "Dies würde der Regierung mehr Freiraum für die Brexit-Verhandlungen geben." Mit einem klaren Mandat des Volkes für einen weicheren Brexit könnte May auch gestärkt gegen das extreme Anti-EU-Lager mit Hard-Brexit-Vorstellungen auftreten. Unter einem einem solchen "harten" Brexit würde Großbritannien den Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren.

Hart oder zart?

Dank der Aussicht auf einen sanfteren Brexit sieht George Saravelos, Co-Chefanalyst für Devisen bei der Deutschen Bank, die Aussichten für das Pfund nun rosiger. Er löse seine Wetten auf fallende Kurse auf. Andere Anleger taten es ihm unmittelbar nach Mays Ankündigung offenbar gleich und hievten das Pfund zeitweise auf ein Sechseinhalb-Monats-Hoch von 1,2904 Dollar.

Marktanalyst Fawad Razaqzada vom Online-Broker Forex.com bezweifelt allerdings, dass es sich um einen grundlegenden Stimmungsumschwung handelt. "Schließlich wissen wir zum Beispiel immer noch nicht, wie ein Handelsabkommen Großbritanniens mit der EU aussehen wird." Am Ende werde es zwar einen Deal geben, betont Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank. "Aber der Verhandlungsprozess ist mit so vielen Unsicherheiten behaftet, dass mit einer nachhaltigen Erholung des Pfundes bis auf weiteres nicht zu rechnen ist." Er gehe weiterhin davon aus, dass der Euro zum Jahresende auf 0,91 von derzeit etwa 0,84 Pfund steigt.

Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners hält die Hoffnungen auf einen "sanften" Brexit für verfrüht. "Die Scheidung Großbritanniens von der EU könnte nach einem Wahlsieg von Theresa May noch härter ausfallen." Andere Börsianer urteilen ähnlich und verweisen darauf, dass die Premierministerin einen Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion anstrebe. Der Erfolg der Verhandlungen hänge stark von der Kompromissbereitschaft der EU ab. Diese habe aber kein Interesse daran, den Brexit zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.

Zweites Brexit-Referendum?

Analyst Dirk Gojny von der der Essener National-Bank warnt zudem davor, einen Wahlsieg Mays als ausgemachte Sache zu betrachten. Die Abstimmung könnte die Verhandlungen mit der EU sogar komplizierter machen. "Inzwischen dürfte allen Briten klar geworden sein, welche Konsequenzen der EU-Ausstieg haben wird. Dementsprechend können die Wählerinnen und Wähler ja Parteien ihre Stimme geben, die sich aus den verschiedensten Gründen für den Verbleib in der EU aussprechen, um so ein Gegengewicht zu den Konservativen zu bilden." Die BayernLB-Experten halten sogar Wahlbündnisse der Brexit-Gegner für möglich, um den konservativen Tories in möglichst vielen Wahlbezirken den Rang abzulaufen.

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