Brexit: "Black Friday" an den Börsen

Die Börsen in Asien und Australien gingen auf Talfahrt, nachdem die Hochrechnungen der Wahlen in Großbritannien auf einen Brexit zugesteuert haben. Nun stürzen auch Europas Börsen ab - besonders hart trifft es die Bankenwerte, Anleger flüchten in sichere Währungen, Anleihen und Gold.

Brexit: "Black Friday" an den Börsen

Frankfurt. Brexit-Schock für Europa und die Finanzmärkte: Der Austritt der Briten aus der EU, der in letzten Umfragen noch abgewendet schien, dürfte für einen "Black Friday" sorgen. Der Broker IG taxierte den deutschen Leitindex gut zwei Stunden vor Handelsbeginn um 8 Prozent tiefer bei 9.435 Punkten. Nach Handelsbeginn bescherte der Brexit dem Dax dann den größten Kurssturz seit 2008: Er fiel zur Eröffnung am Freitag um bis zu 10,1 Prozent auf 9226,15 Punkten. Am härtesten traf es die Finanzwerte. Der Index für die Banken der Euro-Zone stürzte um bis zu 11,6 Prozent ab. Deutsche Bank und Commerzbank rutschten jeweils um mehr als 16 Prozent ab. Der Europäische Bankenindex fiel auf sein 4-Jahres-Tief von 129,61 Punkten.

Der Atx notierte 8,92 Prozent im Minus bei 2.042,13 Punkten. Der britische Leitindex FTSE fiel um bis zu 8,7 Prozent auf 5788,74 Punkte - auch dies ist der größte Kursrutsch seit dem Krisenjahr 2008. Der Eurostoxx50 verzeichnete kurz nach Handelsbeginn ein Minus von -7,22 Prozent auf 2.818,58 Punkte. Der Schweizer Standardwerte-Index SMI verlor fünf Prozent auf 7626 Punkte. Dies ist der stärkste Einbruch seit Januar 2015, als die Schweizerische Nationalbank die Anbindung an den Euro aufhob.

Banken als große Verlierer

Größter Verlierer des Atx um 9:45 Uhr war die Zumtobel Group mit einem Minus von 14,10 Prozent, gefolgt von den beiden Großbanken Erste Group (minus 14,09 Prozen) und RBI (minus 12,97 Prozent). In Deutschland verlor die Deutsche Bank 15,03 Prozent, die Commerzbank 14,47 Prozent. Doch auch in der Schweiz, also außerhalb der EU, wurden die Bankenwerte nicht verschont: UBS verloren elf Prozent, Credit Suisse sogar 13 Prozent. Die Zürcher Kantonalbank verwies auf steigende Risikoprämien und konjunkturelle Unsicherheiten, die den Bankentiteln zusetzen.

Besonders hart traf es aber die britische Bankenwerte: Im britischen FTSE wurde die Liste der Flops von Barclays (-23,94%) und Lloyds (-21,21%) angeführt.

Trügerische Hoffnung

Die Anleger werden klar auf dem falschen Fuß erwischt: Seit Mitte der Vorwoche war der Dax in zunehmender Hoffnung auf einen Verbleib der Briten noch um fast 9 Prozent nach oben gesprungen. Nun kam das böse Erwachen. Der bislang schwärzeste Tag war 1989 mit einem Rutsch um 12,81 Prozent. Um diesen Negativrekord einzustellen, müsste der DAX aber deutlich unter 9.000 Punkte abrutschen - am Freitag um 9:15 Uhr lag er bei 9.276,60 Punkten.

Bei weltweit einbrechenden Aktienmärkten flüchteten die Anleger in sichere Häfen. Vor allem der Yen blieb als Fluchtwährung gesucht. Das Pfund wertete gegenüber der japanischen Währung um bis zu 15 Prozent ab. Doch auch der Euro wurde von den Turbulenzen mit in den Abgrund gerissen: Um 9:30 Uhr verlor der Euro gegenüber dem Yen 6,23 Prozent, gegenüber dem Schweizer Franken um 1,48 Prozent und gegenüber dem Dollar um 2,91 Prozent. Das britische Pfund verbilligte sich gegenüber dem Euro um 2,91 Prozent. Gold und Anleihen waren in der Früh gefragt.

Ökonomen erwarten Abschwung

Marktturbulenzen, Unsicherheit, Abschwung: Das Votum der Briten für einen EU-Abschied ihres Landes verheißt nach Einschätzung von deutschen Ökonomen nichts Gutes für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. "Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik", sagte der Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank, Holger Sandte, am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters.

"Die Finanzmärkte werden einige Tage brauchen, um den Schock zu verarbeiten." Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU versetzt die Börsen weltweit in Aufruhr. Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Beeinträchtigung der weltweiten Konjunktur warfen Anleger Pfund Sterling und Aktien in hohem Bogen aus ihren Depots.

"Phase der absoluten Unsicherheit"

"Jetzt kommt eine große Phase der absoluten Unsicherheit", sagte der Chefvolkswirt der deutschen Berenberg Bank, Holger Schmieding. "Denn etwas Vergleichbares hatten wir noch nicht. Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft." Der Aufschwung in Großbritannien dürfte nun weitgehend zu Ende sein, in der Euro-Zone werde er sich abschwächen. Hersteller von Investitionsgütern wie Maschinen und Autos dürften die Folgen stärker spüren. "Deutschland ist also stärker betroffen als beispielsweise Spanien", sagte Schmieding.

Auch der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, erwartet das: "Die Finanzmärkte dürften kurzfristig mit hoher Volatilität auf die Entscheidung reagieren. Vor allem wird aber die nun bevorstehende Phase der Unsicherheit über die Modalitäten des Austritts die Kapitalmärkte belasten."

"Nicht die beleidigte Leberwurst spielen"

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht das ähnlich. "Der Brexit schafft Unsicherheit und ist insofern schlecht für die deutsche Wirtschaft", sagte Krämer. "Aber wir erwarten nicht, dass der Euroraum in die Rezession zurückfällt." Es komme jetzt darauf an, eine saubere Scheidung hinzubekommen. "Es geht vor allem darum, ob Großbritannien nach einem Verlassen der EU den Zugang zum EU-Binnenmarkt behält", so der Experte. "Wichtig ist, dass die EU jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielt."

Sie sollte ein starkes Interesse daran haben, mit den Briten in den kommenden zwei Jahren eine saubere Trennung zu vereinbaren. Das Land sei zweitwichtigster Handelspartner der EU, nach den USA und vor China. "Die EU hat ein großes wirtschaftliches Interesse daran, Zölle im Warenhandel zu vermeiden und das Land im Binnenmarkt zu behalten."

Ifo-Präsident Clemens Fuest sieht jetzt die Politik am Drücker. "Die Entscheidung der britischen Wähler für den Brexit ist eine Niederlage der Vernunft", sagte er. "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Dazu gehört es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibt." Es sei wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibe.

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