Pfund-Absturz: Die Brexit-Angst ist zurück

Währungsspekuklaten sind über die harte Gangart der britischen Premierministerin überrascht.

Währungsspekuklaten sind von der harten Gangart der britischen Premierministerin überrascht.

Seit die britische Premierministerin Theresa May am Sonntag den Fahrplan für den Brexit angekündigt hat, ist das Pfund auf ein 30-Jahrestief abgesackt. Warum bei Unternehmen und Anlegern die Angst wieder zurück ist.

Die Ankündigung über den Fahrplan zum Brexit hat die britische Währung in die Knie gehen zu lassen. Seit die britische Premierministerin am Sonntag angekündigt hat, dass es mit den Verhandlungen über den Austritt Großbritannien aus der EU im März 2017 beginnen wird, ist das Pfund auf Talfahrt. So ist das „Pound Sterling“ heute Dienstag bis auf 1,2759 Dollar durchgesackt. Ein Minus von mehr als 0,5 Prozent gegenüber Montag. Insgesamt hat das Pfund seit dem Referendum im Juni um 15 Prozent gegenüber dem Euro nachgegeben. "Das ist schon eine massive Bewegung", analysiert Horst Simbürger, Aktien- und Rentenchef von Union Investment Österreich.

Die britische Währung ist damit nach dem jüngsten Rückgang erstmals seit dem britischen EU-Referendum Ende Juni tiefer abgestürzt als nach der Briten-Entscheidung für den Austritt. Im Juli hatte das Pfund einen Tiefstand von 1,2796 Dollar erreicht. Der heutige Kurs ist damit der tiefste Stand seit mehr als 30 Jahren. Auch britische Unternehmensanleihen geraten durch den Brexit in Turbulenzen. Die DZ Bank dazu: "Unternehmensanleihen weisen nach der Brexit-Entscheidung momentan die höchste historische Volatilität auf."

Brexit: Harter Schnitt?

Doch warum ist der Pfund eingeknickt? Was steckt hinter den Sorgen? Dass der Brexit tatsächlich kommt, hatten nur wenige Marktteilnehmer angezweifelt. "Aber bisher haben viele vermutet, dass die Briten versuchen werden die Brexit-Verhandlungen möglichst lange hinauszuschieben. Nun hat May aber mit März 2017 einen ersten Pflock eingeschlagen", erläutert Union-Investmentchef Simbürger.
So manchen Experten überraschte zudem dass die Premierministerin den Austritt offenbar auf die harten Tour plant. So ist eines der Ziele der Premierministerin die Zuwanderung aus anderen EU-Staaten stark zu begrenzen. Wenn es dazu nötig ist, die europäische Zollunion zu verlassen, dürfte May das ins Auge fassen. Was jedoch erhebliche Erschwernisse für britische Unternehmen bedeuten dürfte. So fürchten britische Banken und andere Finanzdienstleister um den bisher einfachen Zugang in andere EU-Staaten. Derzeit können sie aufgrund sogenannter Passport-Rechte ihre Dienstleistungen mit nur einer einzigen Registrierung in der gesamten EU anbieten. "Der möglicherweise versperrte Zugang zum Binnenmarkt verheißt nichts Gutes", analysiert Anna Stupnytska, Volkswirtin bei der Fondsgesellschaft Fidelity.

Brexit wird zunehmend Spuren hinterlassen

Der britischen Wirtschaft hat der Brexit bisher allerdings nichts Nennenswertes anhaben können. So hat sich Großbritanniens Wirtschaft zuletzt spürbar erholt. Auch dem gesunkenen Pfund sei dank. Die britische Notenbank hat mit einer Zinssenkung und anderen geldpolitischen Maßnahmen das ihre getan, um die Lage zu stabilisieren. "Aber ein Trend lässt sich daraus noch nicht ablesen", so Fidelity-Volkswirtin Stupnytska. Keine guten Nachrichten kamen zuletzt vom britischen Geschäftsklimaindex, der schwächer tendierte. Für die nächsten zwölf Monate wird laut Stupnytska mit der schwächsten Aktivität seit 2011 gerechnet. Insgesamt werden die Aussichten für die britische Wirtschaft auch weiter von den Folgen des Brexit-Votums überschattet. "Die geringeren Investitionen, der Abschwung am Immobilienmarkt, das langsamere Beschäftigungswachstum und die steigende Zurückhaltung der Konsumenten werden zunehmend Spuren beim Wachstum hinterlassen", prognostiziert Anna Stupnytska, Diese dürften sich in den nächsten Monaten als Erstes bei den ohnehin bereits schleppenden Investitionen bemerkbar machen, gefolgt von Beschäftigung und Konsum.

Produktivitätsrückgang befürchtet

"Aber das größere Problem sehen wir in einem möglichen Rückgang von Produktivität und Wachstum infolge von Engpässen am Arbeitsmarkt, wenn sich die Einwanderungspolitik grundlegend geändert wird", so Stupnytska. Der Ausblick für die Geldpolitik sei nebulös, auch wenn für 2017 nach jetzigem Stand eine Zinserhöhung wohl auszuschließen ist. Neben geldpolitischen Initiativen hält die Volkswirtin haushaltspolitische Maßnahmen und Strukturreformen für unausweichlich, um die britische Wirtschaft in den nächsten Monaten durch die Brexit-Turbulenzen zu manövrieren. Fiskalische Stimulusmaßnahmen wie Infrastrukturinvestitionen und Konjunkturprogramme für mehr Konsum und Unternehmensinvestitionen und Steuersenkungen könnten auch weiterhin kurz- bis mittelfristig helfen, den Brexit-Schaden zu begrenzen.

Börsianer jubeln

Dass ein schwaches Pfund für die britische Wirtschaft alles andere als Gift ist, zeigt die Reaktion der britischen Börsen. Der FTSE 100 legte an beiden Tagen, nach der Ankündigung Mays, kräftig zu. In den vergangenen drei Monaten steigen die Kurse um mehr als sechs Prozent. Selbst die Aktien der UK-Banken entwickeln sich seit dem Brexit gut. "Nur britische Immobilienaktien sind nach wie vor deutlich im Minus gegenüber der Entwicklung vor dem Referendum", so Union-Investment-Banker Simbürger. Das dürfte aufgrund der schlechten Aussichten für die Finanzwirtschaft in London aufgrund des Brexit auch so bleiben. May hat bereits angekündigt auf die Bedürfnisse der Banken, wenn notwendig, keine große Rücksicht zu nehmen.

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