Brexit: Die große Analyse der Finanzexperten

Brexit: Die große Analyse der Finanzexperten

Wie wird sich der Brexit auf die britische, europäische und weltweite Wirtschaft auswirken? Trend.at hat die Meinungen großer internationaler Investmentgesellschaft eingeholt. Welche Aktien und Anleihen Sie jetzt meiden sollten und wie Finanzprofis nun ihre Portfolios umschichten.

Der Briten-Schock macht Anleger weiter nervös. Der deutsche Leitindex sackte, nach dem Kursrutsch am Freitag um mehr als acht Prozent auf 9.400 Punkte, um heute Montag – nach einer kurzen technischen Gegenbewegung, auf 9.368 Punkte. Der englische FTSE gab zum Wochenstart ebenfalls wieder deutlich nach und hat seit Freitag um mehr als fünf Prozentpunkte verloren. Aktueller Stand: 6.011 Punkte. Das britische Pfund geriet Montagfrüh im asiatischen Handel erneut unter Druck. Ein Pfund kostete rund 1,34 Dollar und damit kaum mehr als Freitagfrüh.

Deutsche Aktien überproportional betroffen

Die DZ schätzt, dass in den nächsten Tagen und Wochen – wie in Krisen üblich –eine enormen Volatilität an den Finanzmärkten herrschen wird, der sich auch die Aktienmärkte nicht entziehen werden können. Insbesondere der DAX dürfte wegen seiner Liquidität im (Futures-)Handel erneut überproportional in Mitleidenschaft gezogen werden. Ähnliches war auch während der Griechenland- oder der Ukraine-Krise zu beobachten, als der deutsche Leitindex teilweise stärker schwankte als die Länderindizes.

Risiko: Schwache Mehrparteien-Koalition

Das größte politische Risiko geht derzeit vermutlich von einer instabilen politischen Situation in Großbritannien aus, nun da Premier Davon Cameron zurückgetreten ist. “Sowohl Labour als auch die Konservative Partei werden innerparteiliche Tumulte erleben und Großbritannien könnte künftig von einer schwachen Mehrparteien-Koalition regiert werden, glaubt Legg Mason.
Die Investmentexperten von Legg Mason, die weltweit 650 Milliarden Dollar verwalten, rechnen zudem mit einem Ausbau des öffentlichen Dienstes in Großbritannien, da künftig einige Aufgaben anfallen werden, die bisher auf EU-Ebene gelöst wurden.

Ein Drittel weniger Wachstum in Großbritannien prognostiziert

Wirtschaftswissenschaftler korrigieren indes die Wachstumsvorhersagen für die britische Wirtschaft nach unten. Für 2017 zeigen diese nach Einschätzung des Investmentgiganten Legg Mason bereits ein Minus. Die deutsche Fondsgesellschaft Union Investment rechnet schon für 2016 mit einem Rückgang des britischen Wirtschaftswachstums auf 1,6 Prozent (nach 2,3 Prozent im Vorjahr). Legg Mason rechnet 2017 für Großbritannien mit einer Rezession - vor allem aufgrund niedrigerer Investitionen von Unternehmen. Experten rechnen damit, dass der Druck Sparmaßnahmen, die von der EU auferlegt wurden, nun vernachlässt werde und ein positive Katalysator für das Land wegfällt. “Der schwache Euro und die Neuverteilung ausländischer Direktinvestments, weg von Großbritannien hin in andere EU-Staaten werden der dortigen Wirtschaft helfen”, glaubt Legg Mason. Nach Berechnungen von Union Investment verzichten die Briten auf ein knappes Drittel ihres Wachstums für 2017. Verglichen damit ist die Einsparung des britischen Netto-Beitrags an die EU von neun Milliarden Pfund fast schon ein „little something“

Steigende Löhne, teurere Güter

Durch einen schwächeren britischen Pfund werden voraussichtlich die Einkaufspreise steigen. “Obwohl die Preissetzungsmacht bei Gütern und Dienstleistungen auch in einer schwächeren Wirtschaft noch vorhanden ist”, so Legg Mason. Möglicherweise werde eine geringe Immigration das Angebot an Arbeitskräften im niedrigen Gehaltssegment senken und damit in diesem Bereich für steigende Löhne sorgen. Die Fondsgesellschaft Fidelity prognostiziert, dass nachlassendes Vertrauen den privaten Konsum in Großbritannien dämpfen wird.

Deutlich schwächeres Wachstum ab 2. Jahreshälfte in der EU

Die Asset Manager von Legg Mason rechnet damit, dass mit dem Ausstieg das europäische Wachstum um 0,5 Prozent reduzieren wird. Die DZ-Bank hat die Wachstumsprognose für die EU noch deutlicher von 1,7 auf 1,1 Prozent gesenkt. Da fast ein Fünftel der US-Exporte in die Europäische Union fließt, hat die DZ Bank auch die Prognose für die US-Wirtschaft gesenkt. Die insgesamt schwächere Nachfrage dämpfe auch den Inflationsausblick für Deutschland und den gesamten Euroraum.

Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement rechnet mit einer Stagflation. "Aber das hatten die Briten ja schon, als sie der EU beigetreten sind. Damit werden sie irgendwie umgehen können“, so Georg Graf von Wallwitz.

Deutschland könnte hart getroffen werden

Für die deutsche Wirtschaft bedeutet das britische „Leave“ laut DZ Bank ebenfalls einen erheblichen Schlag, da Großbritannien einer der wichtigsten Handelspartner des Landes ist. Die DZ Bank geht deshalb davon aus, dass Deutschland ab der zweiten Jahreshälfte mit einer Wachstumsabschwächung bevor steht, ausgelöst durch ein gedämpftes deutsches Exportwachstums und geringere Investionen. Zweitrundeneffekte auf andere Länder spielen ebenfalls eine Rolle.

"Auswirkungen vermutlich relativ gering"

Doch diesen Prognosen schließen sich nicht alle Finanzexperten an. Pimco, Verwalter von weltweit 1,5 Billionen Dollar, glaubt, dass die mittelfristigen Auswirkungen auf das globale Wachstum und die Inflation vermutlich relativ gering sein werden – und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht groß genug, um die Weltwirtschaft in eine Rezession zu treiben. "Selbst, wenn Großbritannien eine Rezession erleiden sollte, was durchaus ein plausibles Szenario ist, wären die Nebenwirkungen auf das globale Brutto-Inlandsprodukt infolge niedrigerer Importe durch das Vereinigte Königreich minimal."

Nur 4,1 Prozent der weltweiten Importe stammen aus Great Britain

Die Pimco-Begründung: Das Land steht nur für 3,6 Prozent der globalen Einfuhren an Handelsgütern und nur für 4,1 Prozent der weltweiten Importe an kommerziellen Dienstleistungen. Zusätzlich zu diesen direkten Handelseffekten dürfte es wahrscheinlich rund um den Globus zu einer leichten Abkühlung bei den Investitionen kommen – wegen der höheren Unsicherheit über die globalen Auswirkungen des Brexit-Votums und aufgrund verschärfter Finanzierungs- und Kredit-Konditionen.

Eurozone vom Brexit am stärksten betroffen

Unsicherheit ist derzeit der größte Risikofaktor. Wenn Firmen Zweifel haben, werden ihre Investitionsprojekte verschieben, um zu evaluieren, wie der Brexit diese Projekte beeinflussen könnte. Die Handels- und Investitions-Effekte zusammengenommen könnten dazu führen, dass der globale Wachstumspfad in den kommenden Quartalen laut Pimco etwas absinkt – jedoch nicht so sehr, dass daraus eine Rezession resultiert. Für die Eurozone, die nach der britischen Wirtschaft am stärksten vom Brexit betroffen ist rechnet Pimco mit einem BIP-Wachstum von nur minus 0,3 Prozent. Der Effekt auf die USA und andere Weltregionen dürfte wahrscheinlich geringer ausfallen.

“Mangelnder politischer Konsens in Europa das wesentlich größere Problem”

Das Problem ortet Legg Mason für die politische und wirtschaftliche Entwicklung aber vor allem bei der Europäischen Union. “Europa hat die schlechte Angewohnheit, alle paar Jahre Probleme zu kreieren, die den Konjunkturoptimismus erschüttern.” Sei es die griechische Staatsschuldenkrise, Sorgen um zypriotische Banken, den Finanzsektor in Italien oder nun der Brexit. “Wir bewerten dies als ein wesentlich größeres Problem innerhalb Europas einen politischen Konsens zu finden, der letztendlich Unternehmen wieder das Vertrauen gibt, zu investieren”, so Legg Mason.

Britische Banken, Anwälte und Airlines: Die großen Verlierer

Schmerzhaft wird es nach Einschätzung von Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement für jede Firmen, die aus London heraus in Europa Waren oder Dienstleistungen anbietet. Das gilt insbesondere für angelsächsische Banken und Versicherungen, aber auch für Luftfahrtgesellschaften oder Anwaltssozietäten. Laut Deutsche Asset Management könnten auch Maschinenbauer, Logistik-, Chemie- und Energieunternehmen aufgrund ihrer engen Verbindung zu EU-Partnern besonders betroffen sein.

Britische Pharma-, Industrie- und Autohersteller profitieren

Doch es gibt auch Profiteure: Bei britischen Unternehmen, die einen Großteil des Gewinns in Fremdwährung erwirtschaften, sinkt, durch das günstigere Pfund, der Druck auf diese Firmen. Andererseits macht es das billige Pfund für Firmen, die im Vereinigten Königreich für einen weltweiten Markt produzieren, einfacher. Pharmafirmen oder Industrieunternehmen wie Rolls Royce, die in Dollar abrechnen, sind plötzlich in einer komfortableren Situation.

Die Investmentgesellschaft AB mit einem verwalteten Vermögen von rund 490 Milliarden Dollar erwartet, dass die Unternehmensgewinne in Großbritannien in den nächsten fünf Jahren zwischen drei bis fünf Prozent zurückgehen werden.

Immopreise könnten um 35 Prozent sinken

Studie des Immobilien-Informationsdienstes "Geophy erwartet, dass die Immobilienpreise in Großbritannien angesichts des nachlassenden Migrationsdrucks und eines möglichen Abzugs von Banken aus der City Londons für einen Rückgang der Preise von bis zu 35 Prozent. Das könnte jedoch wieder, nach langen Jahren, ungeahnte Kaufmöglichkeiten bieten. Derzeit liegt der durchschnittliche Kaufpreis einer Wohnimmobilie bei umgerechnet rund 600.000 Euro. Gerade für junge Berufstätige ist das schlicht unbezahlbar.

Firmen in den den USA und Asien wittern ihre Chance

Britische Firmen werden mit dem fallenden Pfund deutlich billiger, weshalb mit einer Zunahme bei Übernahmen, vermutlich hauptsächlich von Firmen in den USA und Asien – zu rechnen ist. Das gleiche trifft vermutlich mit der Euroschwäche auch auf Kontinentaleuropa zu.

Konjunktur-Indikatoren drehen deutlich Richtung Wachstum

Unternehmen, die stark von Brexit betroffen sind, könnten nach diesem historischen Ereignis mit einigen Herausforderungen zu kämpfen haben. Bei solchen geht Legg Mason Fondstochter Martin Currie in ihren Fonds short und wollen so von fallenden Kursen profitieren.
Ein schwächeres Pfund dürfte laut Fidelity den Export stützen. Zugleich könnte die Bank of England die Zinsen senken und dadurch die negativen Folgen des Brexit etwas abfedern.

Man sollte laut Legg Mason nicht vergessen, dass bei vielen Unternehmen die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen weiterhin auf der globalen Nachfrage basiert, unabhängig vom Rückzug Großbritanniens aus der EU.

Defensive Investments das Gebot der Stunde

“Auf den Brexit folgt Unsicherheit und damit höhere Kursschwankungen”, so Michael Browne, Fondsmanager des Legg Mason Martin Currie European Absolute Alpha Fund. Sicherheit ist an den Märkten deshalb oberste Devise. Bundesanleihen oder US-Treasuries profitieren von der Suche nach ‚sicheren Häfen‘. Gleiches gilt für Gold, die ultimative Rückversicherung gegen Finanzmarktturbulenzen. Am Devisenmarkt empfiehlt sich vor allem der US-Dollar als Schutz vor dem Brexit-Fallout. Jetzt noch rasch risikobehaftete Investments zu verkaufen, davon rät Swisscanto Asset Management ab. „Vielmehr sollte man eine technische Gegenreaktion abwarten“, so Jan Sobotta von Swisscanto.

Doch das Umfeld lässt laut Union Investment an den Märkten längst keine Schlüsse auf das Gesamtjahr zu. Auch wenn die aktuellen Vorzeichen einen ruppigen Sommer an den Kapitalmärkten erwarten lassen. Dafür sei das Umfeld schlicht zu instabil – und zwar in beide Richtungen.

Vorsicht bei Emerging Markets, Rohstoffe und Investments mit schlechter Bonität

Negativ entwickeln dürften sich, laut Einschätzung von Swisscanto Aktien, Emerging-Markets-Investments, Rohstoffe und alle Anlagen mit schlechterer Bonität, zu denen auch die Staatspapiere der Peripheriestaaten zählen.

US-Anleihen und defensive US-Aktien kaufen

Wesentlich besser sollten laut Swisscanto umgekehrt die klassischen Fluchtwährungen und liquide, erstklassige Märkte abschneiden - allen voran der US Treasury-Markt, wo die Renditen ebenso wie diejenigen von Schweizer Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen weiter nachgeben werden. Innerhalb des Aktiensegments sollte sich der breite, defensive US-Markt wesentlich besser halten können als beispielsweise die Emerging Markets.

Weniger Europa im Depot

“Den US-Aktienmarkt haben wir von neutral auf übergewichten gestuft“, so Sobotta von Swisscanto. Der Aufbau erfolgt zu Lasten europäischer Aktien. „Zwar dürfte die EZB geldpolitisch aktiv werden und einer Spread-Ausweitung innerhalb der Peripherie entgegentreten, demgegenüber stehen aber die politischen Unsicherheiten und die erstarkenden Zentrifugalkräfte innerhalb der EU, die mit dem Brexit spürbar zunehmen dürften“, erläutert der Fondsmanager seine Sicht. Unverändert bleibt die Untergewichtung bei Emerging Markets-Aktien sowie die Übergewichtung der unter Bewertungsaspekten preisgünstigen japanischen Dividendentiteln. Diese sollten von den sich abzeichnenden monetären Stimuli profitieren.“
Die Deutsche Asset Management, Fondstochter der Deutschen Bank: "Die zu erwartende starke Risikoaversion der Marktteilnehmer könnte zu einem Abverkauf am britischen und europäischen Aktienmarkt führen." Das Ausmaß des Abverkaufs werde dabei stark davon abhängen, wie schnell es den (geld-) politischen Entscheidungsträgern gelingt, das Vertrauen von Marktteilnehmern wieder herzustellen.

Krise als Chance

Oddo Meriten Asset Management beginnt nun nach dem Markteinbruch bereits wieder gezielt neu einzusteigen. Investmentstar Max Otto zeigt sich vom Austritt der Briten gar begeistert: “Well done, Brits!", so sein Kommentar. Er bezeichnet den Ausgang des Referendums als Riesenchance die EU zu reformieren.

Anleihen: Umschichtung von Europa in die USA

Um Marktverwerfungen zu verhindern, werden die großen Notenbanken in den nächsten Tagen ausreichend Liquidität zur Verfügung stellen. Die amerikanische Notenbank Fed wird mit Zinserhöhungen zuwarten und die EZB wird dafür sorgen, dass sich die Spreads der Peripherieländer nicht stark ausweiten. Vor diesem Hintergrund belässt Swisscanto Invest die neutrale Euro-Anleihenquote aufrecht.

Britische Staatsanleihen vor Herabstuftung

Britische Investments wurden von Swisscanto deutlich untergewichtet, zumal, wie bereits die Rating-Agentur S&P angekündigt hat, das Rating britischer Staatspapiere herabgesetzt wird. Steigende Risikoprämien an den britischen Anleihemärkten und möglicherweise höhere Kosten bei der Kreditaufnahme erwartet auch Fidelity

Emerging-Market-Anleihen weniger attraktiv

Potenzial sieht Swisscanto im Dollar-Segment, das deutlich übergewichtet wurde. Der Grund ist zum einen die erneut verschobene US-Zinserhöhung; zum anderen die positive Renditedifferenz bei gleichzeitig leicht steigendem Dollar. Das Erstarken vom Dollar und ein Ausweiten der Credit Spreads weltweit veranlassen die Manager hingegen, das Emerging Markets-Anleihen auf neutral zurückstufen.

Investoren mit Adleraugen

An den Weltmärkten dürfte es nach dem Crash am Freitag und dem neuerlichen Kursrückgang heute, jedenfalls turbulent weiter gehen. „Investoren auf der ganzen Welt werden in den kommenden Monaten mit Adleraugen die Stimmung beobachten und die ökonomischen Daten danach untersuchen, ob es irgendein Anzeichen dafür gibt, dass ein negatives Sentiment zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums führen könnte“, erwartet Ben Richie, Senior Investment Manager, Aberdeen Asset Management. Er rechnet in diesem Fall jedoch mit dem wirkungsvollen Beistand der Zentralbanken. „Wenn das Wachstum nachlässt, werden die Zentralbanken einspringen, um die Wirtschaft wieder zu stimulieren.“

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