Kursrutsch an den US-Börsen abgebremst

Kursrutsch an den US-Börsen abgebremst

An den Börsen sind die Kurse eingeknickt - in New York ist der Abwärtstrend vorerst gestoppt. Die Indices schwanken zwischen leichten Gewinnen und Verlusten. Die Händler sind so nervös wie die Anleger.

Seit vergangener Woche sind die Börsen im Ausverkaufsmodus. In New York haben die Börsen zum Auftakt zunächst zulegen können. Die Analysten sind zum Teil verblüfft, warum die Rücksetzer bereits eingesetzt haben. Die aktuellen Gründe, wie die Lage einzuschätzen ist und was Anleger jetzt tun sollten.

Die US-Börsen haben am Dienstagnachmittag die Talfahrt vorerst gestoppt. Was aber noch lange keine Entwarnung bedeuten muss. Die Leitindices Dow Jones, S&P 500 sowie Nasdaq haben zwar mit einem Plus eröffnet. Bis 18 Uhr schwanken die Indices von grün nach rot und um die Nulllinie. So notierten der DJ bei 0,24 Prozent im Plus, S&P 500 war 0,22 Prozent im Minus. Der Nasdaq ist mit 0,18 Prozent plus gegenüber dem Montagsschluss.

Die Indices S&P 500 sowie Dow Jones verloren am Montag noch um 4,1 bzw. 4,6 Prozent. Die Technologiebörse Nasdaq hatte ebenso Federn gelassen: Der Nasdaq-Index hat um 3,78 Prozent tiefer geschlossen als noch am Freitag. Erste Kommentatoren sprachen bereits von einem "Grauen Montag".

In Asien und Europa haben die Börsen heute mit kräftigen Rücksetzern reagiert. wenngleich die Börsen wie in Frankfurt einen Verlust beim Dax von zunächst 3,6 Prozent wieder etwas einbremsen konnte. Zum Handelsschluss 2,3 Prozent gegenüber dem Vortag. Der ATX in Wien hatte mit 5,4 Prozent minus gestartet, konnte sich aber gegen 10 Uhr wieder auf ein Minus von 2,9 Prozent einpendeln. Am Schluss war am Dienstag das Minus bei 2,8 Prozent. Der Leitindex Nikkei 225 in Japan hatte heute früh bis zum Handelsschluss um 4,7 Prozent abgegeben, nachdem zuvor in den USA schon von Panikverkäufen die Rede war. In Fernost waren die Anleger hochgradig irritiert und haben Aktien auf den Markt geworfen, um Gewinne mitzunehmen.

Der Londoner Aktienmarkt hat am Dienstag in einem tiefroten europäischen Umfeld ebenfalls deutlich schwächer geschlossen. Der FT-SE-100 zeigte sich mit minus 2,64 Prozent oder 193,58 Einheiten auf 7.141,40 Punkte. Der britische Leitindex hatte zum Start noch fast fünf Prozent tiefer notiert, konnte aber dann seine Verluste eindämmen.

Bank-Austria-Chefanalystin Monika Rosen kann sich den jüngsten Kurssturz an der New Yorker Börse, der weltweit auch andere Aktienmärkte nach unten gezogen hat, eigentlich nicht erklären. Ausmaß und Geschwindigkeit der Abwärtsbewegung hätten sie überrascht, "ein auslösender Grund ist nicht wirklich greifbar", meinte sie am Dienstag im Ö1-"Mittagsjournal" des ORF-Radio.

Die Aktienkursanstiege in den vergangenen Monaten seien schon sehr respektabel gewesen, und auch die Renditen der Staatsanleihen hätten stark zugelegt. Das sind unisono die Beurteilungen der Analysten, die aber alle von dem rasanten Kursabsturz trotz allem überrascht wurden. "Aber das allein würde ich nicht für das Timing der Korrektur verantwortlich machen", meint Rosen.

Aber auch die Aussicht auf steigende Zinssätze hätten die Anleger in Aktien veranlasst ihre Veranlagungen abzustoßen und in Anleihen zu investieren.

Auch automatische Verkaufsprogramme könnten eine Rolle spielen, das greife aber als Erklärung für das Timing dieser Korrektur ebenfalls zu kurz, meinte Rosen.

Die Kuriosität ist allerdings, dass sämtliche Wirtschaftsdaten positiv sind und keine Veranlassung für die massiven Kursrückgänge liefern würden.

Bis vor wenigen Tagen lebten die Anleger in den besten aller Welten. Hohe Kursgewinne so weit das Auge reicht. Und auch die konjunkturellen Vorboten stimmten, so dass viele Anleger eher optimistisch in die Zukunft blickten, wenngleich es Warnungen gab, dass die Börsen wohl zurücksetzen werden - "irgendwann", so hieß häufig.

Die Leitindices in den USA, Asien sowie in Europa waren bereits am Montag kräftig auf Talfahrt. Der deutsche Aktienindex Dax hat seit 23. Jänner 2018 um 4,4 Prozent nachgegeben, das Austro-Pendant ATX um über fünf Prozent. Selbst am US-Markt, seit Jahren praktisch im Dauerrallye-Modus, haben die Kurse von S&P und Nasdaq am Montag noch fast vier Prozent abgegeben.

Das ist zwar alles noch nicht dramatisch, könnte man meinen, weil das Minus in den Vormonaten noch immer unter den kräftigen Kurszuwächsen liegt. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Sind es Vorboten einer anhaltenden Korrektur oder gar eines handfesten Crash, also mit Kursrückgängen von zehn Prozent und mehr?

Nach Kursanstiegen an der Techbörse Nasdaq von weit über 140 Prozent in fünf Jahren, rund 80 Prozent im breiten US-Aktienindex S&P und im Dax von rund 60 Prozent, wäre das auch kein Wunder. Trend.at hat sich die Gründe für die Rückgänge und Risikofaktoren angesehen.

US-Risiken: Sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Löhne, geringe Produktivität, steigende Anleihenzinsen

Vor allem seit Freitag geht es an den Börsen steil bergab. Die Börsianer verunsichern vor dem Wochenende veröffentlichten Zahlen über den Anstieg der US-Beschäftigungszahlen. Sie legten stärker zu als erwartet. US-Löhne weiter anziehen und so die Inflation anheizen. Hinzu kamen erste Informationen über das US-Lohnwachstum war 2017, das zwar nur gering ausfiel, aber das höchste seit 2009 darstellt. Keine guten Nachrichten für die Anleger war auch die Entwicklung der US-Produktion. Sie ist trotz hohem Wirtschaftswachstum nicht gestiegen, sondern gesunken. All das könnte sich als gefährliche Cocktail herausstellen, der die Inflation anheizt. Was wiederum die neue Notenbankführung dazu veranlassen könnte die Zinsen kräftiger und schneller anzuheben als bisher erwartet.

US-Anleihen ziehen kräftig an

Als Reaktion auf diese Drohkulisse stiegen die 30-jährigen US-Staatsanleihen im Schnitt auf drei Prozent, 10-jährigen Anleihen notieren in den USA bereits bei 2,8 Prozent. "Dieses hohe Renditeniveau bei langlaufenden US-Anleihen haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Das ist ein typisches Zeichen, dass die Anleger fürchten, dass die Inflation zurückkommen könnte", erläutert Harald Egger, Chefanalyst der Erste Asset Management. Bei diesen Anleihenzinsen beginnen erste Anleger, wie die Vergangenheit gezeigt hat, bereits ihr Geld von hoch bewerteten Aktien auf Anleihen umzuschichten.

Leitzinsen könnten schon im März steigen

Spannend wird als nächstes daher die Frage sein, wann die US-Notenbank die Zinsen anheben wird. An den Future-Märkten lässt sich bereits ablesen, dass die Anleger schon im März vom nächsten Zinsschritt ausgehen. Diese Aussicht lastet auf den Investoren.

Erste Anzeichen von Panik

Die Stimmung und vor allem die Nerven der Anleger sind angespannt. Für das Analysehaus Animusx, sieht trotz der neuen US-Daten keinen nennenswerten Grund für den aktuellen Kursverfall. Die Rally sei lediglich gelaufen. Die Analysten von Animusx sind alarmiert. Sie sehen aufgrund von Stimmungsindikatoren unter Anlegern erste Zeichen von Panik. Gehen jedoch davon aus, dass es sich nur um ein Stimmungstief handelt, dass Tage aber nicht Monate dauert.

ING Markets geht in einer Analyse ebenso davon aus,dass mehr Spekulation als echte Begründung für den Rückgang am Kapitalmarkt dahintersteckt. „Es kann zu einer Gegenbewegung kommen“, so die ING-Experten. Die deutsche Börse hängt derzeit jedoch am Tropf der USA. „Ob der Dax im Laufe der Woche weiter abrutscht, hängt von der Entwicklung der US-Börsen ab“, so ING. „Der Schwung der Abwärtsbewegung könnte ausreichen, um den Dax weiter nach unten zu drücken." Fällt das deutsche Börsenbarometer unter den Schlusskursen von 12.600 wäre das laut ING ein guter Zeitpunkt um wieder Positionen aufzubauen.

Dax am Scheideweg

Dass sich etwa der Dax in einer schwierigen Situation befinden, glaubt auch die DZ Bank. „Der Dax steht am Scheideweg“. Ein Indiz dafür ist das Durchbrechen einer wichtigen Chartlinie. So notieren die Kurse so niedrig wie seit 200 Tagen nicht mehr. Für Charttechniker eine wichtige Marke, da bei einem nachhaltigen Bruch dieser 200-Tage-Linie das Risiko für einen weiteren kräftigen Kursrutsch steigt. Ob diese charttechnischen Linien nachhaltig durchbrochen wird, wird derzeit umso genauer beobachtet, da die Märkte laut DZ Bank so überhitzt sind wie seit langem nicht mehr. Gleich 20 der größten Aktienmärkte gelten aus charttechnischer Sicht laut DZ Bank als zu teuer.

Börsen so teuer wie zuletzt 2011

So heiß gelaufene Kurse gab es zuletzt 2011, nach der Erholung mitten in der Baisse, nach den dramatischen Börsenjahren 2008/09. Die DZ Bank warnt daher in einer aktuellen Studie: „Auch wenn die konjunkturellen Aussichten weiterhin sehr positiv sind, ist eine baldige Konsolidierung am Aktienmarkt nur noch eine Frage der Zeit. Europa würde aber wohl nicht so stark leiden wie der US-Aktienmarkt, so die Banker.

Fabrizio Quirighetti, Chef von Syz Asset Management warnt: „Was die Bewertungen so gefährlich macht, ist dass Anleger nicht allzu sehr auf diese achten, solange das Konjunktur gut ist. Wenn sich das wirtschaftliche Umfeld aber auch nur leicht verändert, könnten die Anleger auf einmal sehr genau auf die Bewertungen und die Konsequenzen ziehen, da fast alles teuer ist.“

Langfristig betrachtet sind Aktien in den Augen vieler Investoren aber nach wie vor die Anlageklasse der Wahl. Was, setzt man Aktien im Vergleich zu den teuren Anleihen, auch stimmt. Aktien notieren im Verhältnis dazu näher an ihrem fairen Wert. „Aber in absoluter Hinsicht ergibt sich ein ganz anderes Bild“, so Syz-Aktienprofi Quirighetti.

Langjährige KGV so hoch wie zuletzt bei Dot-Com-Blase

Einen Aufschluss wie hoch Aktien bewertet sind, gibt auch das langjährige, zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis des von Yale-Professor Robert J Shiller entwickelten Shiller-KGV, im Englischen als Cyclically Adjusted Price Earnings Ratio (CAPE) bezeichnet. Derzeit liegt das CAPE bei 32, im langfristigen Durchschnitt beträgt dieser aber nur 17 (siehe Grafik). So hoch war die Kennzahl bisher nur zwei Mal: kurz vor dem Aktienmarktcrash 1929 und der Dotcom-Blase 1999.

Crashniveau. Seit 2011 ist das Kurs-Gewinnverhältnis stark gestiegen und befindet sich mittlerweile auf einem Niveau das einen Crash wahrscheinlich macht.

Hohe Bewertungen bieten keinen Kurs-Puffer mehr

Es stimmt zwar, dass die Bewertungen lange Zeit hoch und sogar überteuert bleiben können. Syz dazu: „Der springende Punkt ist jedoch, dass die Bewertungen zweifellos keinen Puffer nach unten bieten, um die Folgen eines Stimmungsumschwungs an der Börse abfangen zu können. Hinzu kommt, einzelne Investmentstil- und Sektor sind extrem hoch gestiegen, andere Bereiche wurden dagegen von Anlegern vernachlässigt.

Wachstumsaktien wie Techtitel extrem teuer

Starke Unterschiede bei der Kursentwicklung gab es beispielsweise zwischen Substanz (Value)- und Wachstumsaktien. Wie hoch die Bewertungsdifferenzen zwischen Aktien wachstumsstarker und langsam wachsender Unternehmen sind, zeigt das sogenannte Buch-Marktwert-Verhältnis, auch Fame-French genannt. Der Buchwert beschreibt das gesamte Vermögen eines Unternehmens, der Marktwert jenen an der Börse. Diese zeigt vor allem in den USA, aber auch in Europa und Japan, hohe Bewertungsunterschiede zwischen soliden Substanz- und risikoreicheren Wachstumstiteln (siehe Grafik) .

Rette sich wer kann?: Der Bewertungsunterschied von riskanten Wachstumsaktien zu soliden Substanzwerten ist so hoch wie noch nie in den vergangenen 370 Jahren.

Die Daten, die bis in die 1920-Jahre zurückgehen, zeigen, dass das ein Ereignis ist, das einmal in 370 Jahren eintritt. „Wir befinden uns mitten darin“, so Syz Asset Management Boss Quirighetti.

Favoritenwechsel an den Börsen zeichnet sich ab

Die hohe Extrarendite, die Wachstumsaktien in der Vergangenheit im Verhältnis zu soliden Substanzwerten erzielt haben, fällt in eine Zeit der extrem expansiven Geldpolitik. Die Notenbanken werden jedoch einen anderen Kurs einschlagen. Das dürfte, aber vor allem wenn der Leitzins eine bestimmte Höhe erreicht hat, zu Verwerfungen bei Aktien und Anleihen führen. „Angesichts der extremen Niveaus, ist das Risiko, dass Anleger plötzlich ihre bisherigen Investments abstoßen und andere bevorzugen sehr hoch. Nicht nur was Growth und Value betrifft“, urteilt Syz-Multi-Asset-Leiter Quirighetti.

Druck auf Aktien wird bleiben

Immer mehr Asset Manager gehen daher von einer Korrektur überteuerter Börsen und Branchen aus, wenn viele auch keinen Bärenmarkt werden. "Wir glauben zwar nicht, dass der Ausverkauf vom Freitag der Beginn einer nachhaltigen Korrektur ist“, sagte Marktanalyst Peter Cardillo vom Brokerhaus First Standard Financial in New York. „Aber der Druck auf die Aktien wird bleiben, und die höhere Schwankungsanfälligkeit der Kurse dürfte auf die Stimmung drücken.“

Einmal im Jahr findet eine Korrektur von zehn Prozent statt

Erste-Bank-Chefanalyst Egger ortet zwar ebenfalls Unsicherheiten an den Märkten, "einen Crash erwarten wir allerdings nicht." Auch Panik sei unter den Anlegern nicht zu spüren. "Solange sich die Wirtschaft und die Gewinne der Unternehmen positiv entwickeln, wird es bei einer Korrektur bleiben", ist der Profi überzeugt. Einen Teil der Gewinn mitzunehmen, könne dennoch nicht schaden. Eine Korrektur sei auch noch nicht besorgniserregend und kein Grund Aktien im großen Stil aus dem Depot zu werfen. "Eine Korrektur von zehn Prozent findet im Schnitt alle zehn Monate statt", beruhigt der Profi. Ob es nun die Inflation, die in die Höhe schießen könnte und die Anleger in Panik versetzt oder sich ausweitende Risikoaufschläge für Kredit, Aktien wie von Techkonzerne crashen oder ein anderes unbekanntes makroökonomisches oder Marktrisiko eintritt – Anleger sollten auf der Hut sein und die eine oder andere Position im Depot liquidieren und erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsteigen. „Nach der Korrektur gibt es wahrscheinlich wieder interessante Einstiegsgelegenheiten“, so Syz-Manager Quirighetti.

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