Börsen Europa: Das Ende der Kursverluste?

Seit Jahresbeginn sind die Aktienkurse großer Indizes in Europa im Minus. Nun erholen sich die Märkte. Steht in Euroland eine Herbst-Rallye vor der Tür? Wie stark ist der Einfluss der US-Politik auf Europa? Was könnte die Wende der Notenbank-Politik in Europa für die Märkte bedeuten und wie entwickelt sich Wachstum.

Börsen Europa: Das Ende der Kursverluste?

Kurserholung im Dax und EuroStoxx - nur ein kurzes Glück?

Seit dem 7. September 2018 sind große europäische Börsen wie der Dax und der EuroStoxx50 auf Erholungskurs. Die Verluste seit Jahresbeginn waren zwar schleichend, aber nicht ohne. Der deutsche Aktienindex Dax hat seit Mitte Jänner mehr als neun Prozent verloren. Beim EuroStoxx50 sieht es mit einem Rückgang von fast sieben Prozent nicht viel besser aus. Seit September beginnen Anleger nach dieser aufreibenden Phase aufzuatmen. Der EuroStoxx kletterte seit dem 6. September um gut vier Prozent, der Dax um 3,5 Prozent. Doch markiert der Anstieg auch eine Wende?

Viele Probleme gelöst?

Viele Probleme, die die Aktienmärkte belastet haben, scheinen sich zu lösen. Die Bedrohung durch einen Handelskrieg wird aufgrund zwischenzeitlicher Entspannung als gering eingestuft. So gibt es Hoffnung, dass sich China und die USA einigen. Die Türkei-Krise wirkt, nach der starken Erhöhung der Leitzinsen, ebenfalls nicht mehr so bedrohlich. Der Abverkauf an den Schwellenländer-Börsen, ausgelöst durch den starken Dollar und der folgenden Devisenturbulenzen, ist für Anleger abgehakt. Selbst die Aussicht auf einen ungeordneten Brexit verschreckt Anleger derzeit nicht. Analysten sehen die Lage weniger entspannt. Die Euphorie an den Märkten könnte nur von kurzer Dauer sein, so ihre Warnung. Das trotz günstigerer Bewertung europäischer Titel im Vergleich zu US-Aktien. Neue Allzeithochs wie in den USA, wo die Börsen derzeit von einem Rekordhöchststand zum anderen eilen, sind nicht in Sicht.

Wegen Steueramnestie: US-Firmen im Ausland transferierten bisher 500 Milliarden Dollar in die USA

Das hat verschiedene Gründe. So ist das Wirtschaftswachstum Europas gegenüber den USA merklich schwächer. Doch die USA zieht Europa was Wachstum und Liquidität betrifft auch weit davon. Im ersten Halbjahr flossen durch die Steueramnestie fast 500 Milliarden Dollar in das Land. US-Unternehmen, die im Ausland tätig sind und dort ihr Cash horten, nutzen die Chancen und transferieren große Summen in USA. Der Cashflow der US-Unternehmen ist so um 35 Prozent gestiegen. Die Folge: Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen legen kräftig zu, ebenso die Zahl der Fusionen. Die Gewinne der US-Firmen sind mit im Schnitt 25 Prozent aktuell ebenfalls außergewöhnlich hoch. Ein Abbruch dieser Entwicklungen ist nicht zu erwarten.

USA saugt Geld aus dem Rest der Welt ab

Die Geld- und Wirtschaftspolitik der USA hat auch Auswirkungen auf den Rest der Welt. „Die USA saugen Liquidität und Wachstum von der restlichen Welt ab. Fügt man nun eine Prise politisches Risiko in Europa und in Lateinamerika hinzu, so erhält man eine perfekte Erklärung für die Diskrepanz zwischen allen Börsen weltweit auf der einen Seite und dem US-Markt auf der anderen Seite“, erläutert Didier Saint-Georges, vom Investmentkomitees bei Carmignac.

Europa in wirtschaftlich guter Verfassung - solide Firmengewinne

In Europa ist das Bild gemischt. Zum einen liegt das Wirtschaftswachstum, trotz leichter Rückgänge, noch immer über dem langjährigen Durchschnitt. Die Gewinne der Unternehmen, liegen laut JP Morgan, im Schnitt bei moderaten zehn Prozent und damit rund drei Prozent über den Erwartungen. „Die Kombination aus robustem Gewinnwachstum und gefallenen Kursen lassen Spielraum für steigende Kurse“, befindet JP Morgan. Wenn das Wirtschaftswachstum in Europa auch leicht an Dynamik verloren hat, betrug dieses im zweiten Quartal 2018 noch immer 2,2 Prozent. „Wir sind derzeit in einer wirklich sehr guten Wirtschaftslage“, hält EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny fest.

Dramatische Wende der EZB-Geldpolitik zu Jahresende

Im kommenden Jahr könnte sich die Lage jedoch für Anleger in Europa ändern. Auf zwei Entwicklungen achten Ökonomen und Aktienmanager besonders: Die Politik der EZB und das Wirtschaftswachstum. So erwartet Anleger in Euroland zu Jahresende eine dramatische Wende der Geldpolitik. Nach den USA steigt dann auch die EZB aus ihrer expansiven Geldpolitik aus. Das bedeutet, dass die milliardenschweren Anleihenkäufe von derzeit monatlich 30 Milliarden Euro komplett eingestellt werden. „Die große Frage ist wie sich die neue Geldpolitik auf die Börsen auswirkt“, so Eva Fornadi, Fondsmanagerin des Comgest Growth Europe Opportunities im Gespräch mit trend.at.


Der letzte Vorhang fällt, wenn die Zentralbank die Reißleine zieht

Das ist jedoch nur der erste Schritt der EZB, an der Zinsschraube will sie noch nicht gedrehen. Spätestens nach dem Sommer 2019 könnte aber die erste Zinsanhebung folgen - wenn EZB-Notenbanker Nowotny sich zu diesem späten Anstieg der Zinsen auch kritisch äußerte. Derzeit ist der Leitzins auf einem Rekordtief von null Prozent. „Die Angst der Anleger vor Veränderungen der Politik der EZB ist da“, diagnostiziert Fornadi. Dass die restriktivere Geldpolitik großen Einfluss auf die Börsen haben wird, glaubt auch JP Morgan: „Der letzte Vorhang fällt erst, wenn die Zentralbank die Reißleine zieht“, so Karen Ward, Chefstratege von JP Morgan Asset Management.

Risiko: Ende der milliardenschweren EU-Anleihenkäufe

Eine straffere Geldpolitik muss jedoch nicht automatisch auch das Ende der Hausse in Europa einläuten. So hat das Ende des billigen Geldes in den USA dort bisher kein Ende der Aktienrallye bedeutet. Im Gegenteil, doch dort brummt auch die Wirtschaft wie lange nicht, wenn auch künstlich befeuert durch US-Präsident Donald Trump. Die Risiken für Anleger sind dennoch vorhanden und steigen. „Wenn die Liquidität aufgrund der geänderten Politik der Notenbanken an den Märkten zurückgeht, droht eine höhere Volatilität“, so Fornadi. Höhere Kursschwankungen könnten sowohl Aktien als auch Anleihen treffen, befindet auch JP Morgan. Besonders gefährdet: Anleihen an der Euroland-Peripherie. Spanische und italienische Anleihen sind nach dessen Herabstufung bereits unter Druck geraten.

Wirtschaftswachstum verlangsamt sich

Ein entscheidender Faktor wie sich die Börsen entwickeln, ist nach Einschätzung von Comgest-Managerin Fornadi, auch das Wirtschaftswachstum. "Eine Verlangsamung des Wachstums wäre für die Börsen noch kein Problem. Ein schärferer Abschwung dagegen schon.". JP Morgan erwartet ein langsameres Wachstum. Joachim Fels, Ökonom der US-Investmentgesellschaft geht sowohl für die USA als auch in der Eurozone von einem Rückgang des Wachstums von jeweils rund 0,5 Prozent aus. Das Weltwirtschaftswachstum könnte von 3,3 Prozent in diesem Jahr auf bis zu 2,75 Prozent zurückgehen.


Investments außerhalb der EU sind die bessere Wahl

Sorgen um einen Aktiencrash treiben Aktienexperten nach wie vor nicht um. Doch viel zu holen ist in Europa derzeit auch nicht. „ Das vergleichsweise schwache Wachstum in Europa mahnt zur Vorsicht. Anleger Richard Turnill, globaler Aktienchef von Blackrock: „Investments außerhalb der EU halten wir für die bessere Wahl“.

Kursplus im Herbst erwartet

Dennoch erwarten Experten unter anderem für Europa in nächster Zeit Kursgewinne. Bis Jahresende ist JP Morgan optimistisch. „Wir erwarten bei Aktien moderate Zugewinne", so JP Morgan Profi Fels.

Konservative Aktienstrategie empfohlen

Fornadi, Managerin des 5-Sterne-FondsComgest Growth Europe Opportunities und der ebenfalls mit fünf Sternen ausgezeichnete Fonds Comgest Growth Europe Smaller Companies empfiehlt bei Investments in Aktien eine konservative Strategie. "Wir investieren bei unseren Fonds nur in Aktien, die nicht zyklisch sind und auch bei einem Wirtschaftsabschwung hohes Wachstumspotential bieten." Der Comgest Growth Europe Opportunities, der auf wachstumsstarke Firmen mit einer Marktkapitalisierung ab 14 Milliarden Euro setzt, erzielte in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt eine Rendite von 14,5 Prozent, der Comgest Growth Europe Smaller Companies setzt auf solide mittelständische Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung ab fünf Milliarden Euro, die nach einer Sondersituation hohe Gewinne versprechen. Der Fonds erzielte in fünf Jahren per anno 15,5 Prozent.

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