Börse-Ausblick 2020: Die Zeichen stehen auf Aufschwung

Börse-Ausblick 2020: Die Zeichen stehen auf Aufschwung

Wer hat 2020 an der Börse die Oberhand: Die Bullen oder die Bären?

Wie große Investmentgesellschaften wie HSBS, Jupiter, Threadneedle, Union Investment, Pictet, Ethenea, Blackrock, und Raiffeisen die wirtschaftliche Lage und die Aussichten für die Börsen 2020 einschätzen.

Das Jahr 2019 war für Anleger schlicht und ergreifend grandios und wird als eines der besten in die jüngere Geschichte eingehen. Globale Aktien haben im Schnitt, jeweils auf Eurobasis, um 26 Prozent zugelegt, Gold um 18 Prozent, Rohstoffe um 17 Prozent, US-Hochzinsanleihen um 16 Prozent, globale Anleihen um fast zehn Prozent. Growth-Aktien erzielten ein Plus von 33 Prozent, Value-Titel fast 23 Prozent. Die Liste lässt sich in vielen Sektoren, mit ähnlichen Zuwächsen weiterführen.

Ist nach diesem Kursfeuer für 2020 überhaupt noch was zu holen, wenn die jüngsten vorangegangenen Jahre, auch schon hohe Gewinne abwarfen? Ingried Szeiler, Anlagechefin der Raiffeisen KAG, hat dazu in die Vergangenheit geblickt: „Wenn das vergangene Jahre besonders gut gelaufen sind, folgten in drei Viertel der Fälle weitere gute Jahre.“ Nur einmal in den vergangenen 50 Jahren folgte auf ein besonders gutes Jahr danach ein Absturz.

Doch welche Fakten sprechen tatsächlich auch dafür? „Geopolitische Risikofaktoren wie Handelsstreit und Brexit sollten sich beruhigen“, meint Jens Wilhelm, im Vorstand von Union Investment. „Es spricht viel für chancenorientierte Anlagen“, folgert er. Bereits die Startbedingungen für das Börsenjahr 2020 seien gut.

Die Anzeichen stehen auf Aufschwung
Die Wirtschaft zeigte jüngst Zeichen der Stabilisierung. Frühindikatoren zeigen eine nachhaltige Verbesserung der Stimmung und könnte zu einer Trendwende im realen Wachstum führen. Der vielbeachteten ifo-Index, der die Erwartung deutscher Unternehmen abfragt, ist nun zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Ein dreimaliger Anstieg in Folge steht in einem hohen Zusammenhang mit steigenden Börsen. Andere Konjunkturindikatoren verzeichnen ebenfalls eine Wende und verlassen ihre Tiefstände „Das sind klare Anzeichen für einen anstehenden Aufschwung. Folglich erwarten wir weiteres Aufwärtspotential an den Börsen“, sagt Harald Berres, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Ethenea.

Deutschland und die gesamte Eurozone gut aufgestellt?
Ähnlich beurteilt man die Lage bei Spängler Iqam. „Wir erwarten eine Wachstumsbeschleunigung für Deutschland“, so die Experten der Privatbank. Als Gründe werden ein robuster Arbeitsmarkt, hohe Nachfrage nach Dienstleistungen und Konsum genannt. Bei Spängler ist man überzeugt, dass die gesamte Eurozone 2020 schneller wachsen wird als andere Regionen. Insgesamt haben sich die ökonomischen Aussichten im Vergleich zu vor einem Jahr jedenfalls aufgehellt. „Selbst aus China kommen beruhigende Signale“, so Martin Lück von Blackrock. Union Investment ist jedoch skeptischer und geht weltweit von einem langsameren Wachstum als in den Vorjahren aus. Grund dafür sei der lahmende Welthandel, der Deutschland besonders hart trifft.

Keine positiven Impulse von den Notenbanken erwartet
In den USA steht 2020 die Präsidentschaftswahl ein. Eine Zinserhöhung in den USA gilt als unwahrscheinlich und damit auch die Gefahr, dass die Aktienmärkte dadurch unter Druck kommen. Ob es eine Zinssenkung geben wird, sind die Experten geteilter Meinung. Generell erwartet Pictet-Stratege Paolini keine Zinserhöhungen und erwartet deshalb „keine geldpolitisch positiven Impulse für 2020.“

Jahr des Aufruhrs?
2020 droht der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle Investments zufolge ein Jahr voller Aufruhr zu werden, ausgelöst durch Bürgerunruhen und anhaltende Handelskriege bis hin zu politischen Umbrüchen und volatilen Märkten. „Die globale Wirtschaft dürfte dabei in allen Regionen ihr langsameres und weniger gleichmäßiges Wachstum fortsetzen“, schreibt William Davies, Chief Investment Officer bei Columbia Threadneedle Investment.

Wirtschaft am Scheideweg?
Harte wie weiche Daten zeichneten zuletzt ein gemischtes Bild: Die globalen Einkaufsmanagerindizes seien gesunken, die Auftragseingänge in der US-Industrie gingen zurück, die Geschäftserwartungen in Deutschland seien mäßig und die Investitionen rückläufig. „Somit befinden wir uns jetzt an einem Scheideweg", so Davies.

Risikofaktor Gewinnwachstum
Vielfach als Risikofaktor für 2020 wird das Gewinnwachstum der Unternehmen genannt. Der breite Konsensus der Analysten geht für 2020 zwar von einem soliden Gewinnwachstum von neun Prozent aus. Ist dem so, ist das aktuelle Kursniveau, nicht nur gut unterstützt, es besteht auch noch weiter Luft nach Kurszuwächsen. Luca Paolini, Chefstratege von Pictet Asset Management, hält diese Einschätzung jedoch für viel zu optimistisch. Die Schweizer Privatbank rechnet höchstens mit einem Gewinnwachstum von ein, zwei Prozent. In dasselbe Horn stößt Union-Investment-Boss Wilhelm: „Die Unternehmensgewinne fallen als Anschieber der Aktienmärkte 2020 nahezu weg. Wir liegen mit unseren Berechnungen deutlich unter den Konsensschätzungen der Analysten.“

USA: Firmen sind hoch verschuldet, Techaktien mit besonders hohen Risiken
Was ebenfalls Nachdenklich stimmt: Laut einer aktuellen Umfrage unter US-Finanzchefs erwartet die Hälfte von ihnen in den USA bis zur Präsidentschaftswahl im November eine Rezession. „Das dürfte erhebliche Auswirkungen auf die Investitionsausgaben haben“, meint Ariel Bezalel, Chefstratege bei Jupiter Asset Management. Sorgen bereitet ihm auch die hohe Verschuldung von US-Unternehmen mit rund 50 Prozent des BIP ist diese auf einem Allzeithoch. Mehrere Billionen Dollar seien auch in unproduktive Aktienrückkäufe geflossen. „Besonders anfällig ist in diesem Kontext der Techsektor, der auch hohen politischen Risiken ausgesetzt ist, da beide Großparteien in den USA eine Zerschlagung der großen Tech-Konzerne befürworten“, so Bezalel. Er schließt aufgrund sich verschlechternder Makrodaten auch Zinssenkungen nicht aus. Pictet erwartet für die USA eine Abkühlung der Wirtschaft und hält die Aktien im Land für stark überbewertet. Threadneedle wiederum bevorzugt dennoch die USA. "Wegen der schieren Anzahl von Unternehmen mit Wachstumspotenzial. Es ist daher kaum möglich, diesen Markt unterzugewichten", so Davies in einem Kommentar.

Chinesische Unternehmen mit dem höchsten Gewinnen
Bei den Gewinnmargen der Unternehmen führt China. Schon in der Vergangenheit und wohl auch 2020. Am höchsten sind nach Schätzungen von Pictet die Margen in China mit 15,5 Prozent, gefolgt von den USA mit 12,4 Prozent und UK mit 9,2 Prozent. Für Euroland werden Nettomargen von im Schnitt 8,2 Prozent erwartet.

Wird Inflationsrisiko in den USA und Europa unterschätzt?
Ein kritischer Faktor für die Börsen könnte eine stärker als erwartet steigende Inflation sein. In diesem Fall befänden sich die Zentralbanken, insbesondere die Europäische, in einer Zwickmühle aus Inflationsbekämpfung und hoher Staatsverschuldung. „Obwohl wir diese Entwicklung nicht erwarten, behalten wird die Inflationsdaten 2020 besonders genau im Auge“, so Michael Blümke, Portfoliomanager von Ethenea. Bei HSBC Global Asset Management ist man dagegen bereits alarmiert. „An den Kapitalmärkten wird das Inflationsrisiko derzeit unterschätzt und unterbewertet. Wir rechnen für die USA mittelfristig mit einer Inflationsrate von 2,5 Prozent, getrieben von steigenden Preisen für Dienstleistungen. Investoren am Kapitalmarkt hingegen erwarten ein ganz anderes Szenario. Die Wahrscheinlichkeit einer ‚hohen‘ Inflation von mehr als drei Prozent wird dort praktisch vernachlässigt. Das ist aus Optionspreisen ablesbar“, erläutert Axeel Cron, Chefveranlager bei HSBC. In der Eurozone indes könnte eine aktive Fiskalpolitik die Lage rasch ändern. Höhere Staatsausgaben werden derzeit immer häufiger und intensiver diskutiert. Sollte die Politik auf einen entsprechenden Pfad einschwenken, könnte dies deutlich anziehende Inflationserwartungen auslösen.“

Nur sehr wenige Anlageklassen sind gemessen am Verhältnis von Marktkapitalisierung und Eigenkapital noch günstig
„Auf der Anleihenseite werden sich genauso schwer Anlagechancen wie bei Aktien. Anleger sollten aufgrund der vielen Unsicherheiten vorrangig auf Qualität oder sichere Häfen achten“, so Davies von Columbia Threadneedle.

Pictet setzt 2020 auf Aktien aus Großbritannien, der Eurozone und Emerging Markets. So sind Schwellenländeraktien mit einem KGV von 14 nicht hoch bewertet.
Anleger, die kurzfristige Chancen ausnutzen wollen, empfiehlt Paolini einzelne Autoaktien. Die Aktien sind nach Kursrückgängen günstig. „Die Daten sind viel besser geworden und die Produktion im wichtigen Automarkt USA ist stabil.“ Bei der NordLB empfiehlt man allerdings derzeit nur die Papiere von Porsche zum Kauf. Syz Asset Management fokussiert sich auf zyklische Qualitätsunternehmen, unter anderem zählen dazu der französischen Automobilzulieferer Valeo.

Japanische Titel und Emerging Markets Europa sind ebenfalls noch vergleichsweise günstig. Am höchsten bewertet sind gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis Aktien in der Schweiz und den USA. Vergleichsweise günstig, gemessen an der Marktkapitalisierung im Verhältnis zum Eigenkapital, sind auch Aktien aus den Sektoren Energie und Finanz. Teuer ist im 20-Jahresschnitt auch bereits wieder Gold. Auch bei Anleihen sind viele Bereiche bereits deutlich über dem 20-jährigen Durchschnitt bewertet. Doch es gibt noch Papiere, für die Zugewinne erwartet werden. „Unternehmensanleihen aus dem Investment-Grade-Bereich oder Staatsanleihen der Emerging Markets sind attraktiv, da sie von den Veränderungen bei Geo- und Geldpolitik besonders profitieren“, skizziert Wilhelm von Union Investment die Aussichten auf der Rentenseite.

Asien bietet Chancen
Jupiter Asset Management empfiehlt Investments in Asien. Dort würden viele Unternehmen aufgrund guter Fundamentaldaten, mittel- und langfristig ein vielversprechendes Anlagepotenzial bieten. „Eine Vielzahl der Unternehmen sind auf Wachstumskurs. Dieses Potenzial wird jedoch unterschätzt, obwohl viele Unternehmen in der Region skalierbare Geschäftsmodelle sowie attraktive Dividendenrenditen vorweisen können“, befindet Jason Pidcok vom Jupiter Asia Pacific Income.

China vor Aufschwung?
In China sieht Threadneedle Potenzial für einen mehrjährigen Konjunktur- und Aktienaufschwung. Die Wachstumsabschwächung zwischen 2010 und 2012 sei langsam, aber sicher einem soliden Trend hin zu einem stabilen, anhaltend moderaten Wachstum gewichen. „Die Reformen von Präsident Xi und die One-Belt-One-Road-Agenda sind mindestens für die nächsten fünf Jahre abgesichert“, schreibt Soo Nam NG, Leiter für asiatische Aktien bei Columbia Threadneedle, in einem aktuellen Kommentar. Angesichts der verbleibenden Amtszeiten der politischen Führungen im übrigen Asien sei ausreichend Stabilität vorhanden, damit sich die gegenwärtige Wachstumsdynamik fortsetzen könne. Das schlage sich deutlich in höheren Unternehmensgewinnen nieder. „Zudem verfügt China über die Ressourcen, Visionen und Führungsambitionen, um das ‚asiatisch-pazifische Jahrhundert‘ zu dominieren.“ Konsolidierte Industriestrukturen, die Rückkehr der Preissetzungsmacht, ein stärkeres Verbrauchervertrauen, die Verbesserung der Corporate Governance sowie die anhaltende Kostendisziplin sollen die China-Rally anheizen. An der Börse läuft China bereits gut. So erzielte der C-Quadrat Asian Consumer Fonds seit Jahresbeginn eine Performance von 24,6 Prozent. Der LionGlobal China A-Share Fonds legte seither um gut 35 Prozent zu.

Asien-Tipp Taiwan
Einige der besten Investitionsmöglichkeiten in der Region sind in Taiwan zu finden, vor allem natürlich erstklassige Technologieunternehmen. Singapur verfügt über herausragende Angebote für die gesamte Region Südostasiens, während Australien von vielen internationalen Anlegern nach wie vor unbeachtet bleibt. Wir bleiben in diesen Märkten übergewichtet und bevorzugen weiterhin die Immobilienbranche (Vermietung statt Bauträgergeschäft) sowie die Glücksspielbranche.

Selektion wird noch wichtiger
Besondere Bedeutung dürfte angesichts generell eingeschränkter Ertragsperspektiven nach Einschätzung Wilhelms 2020 die sorgfältige Selektion erlangen: „Das Muster ist bereits deutlich sichtbar bei Hochzinsanleihen: Gute Namen sind gefragt, schlechte Werte werden abverkauft.“ Diese Dispersion sollte in einem Umfeld schwächerer Makrotreiber noch zunehmen. „Selektion und Aktivität sind Schlüsselfaktoren für den Anlageerfolg 2020“, resümiert Wilhelm. Schwierig wird die Auswahl guter Titel spezielle auch für Anleihen, die im Schnitt noch teurer sind als Aktien: Anleihen hält Pictet-Experte Paolini bereits für sehr teuer. „Die Länderallocation wird bei Anleihen deshalb viel wichtiger sein, als die Einzeltitelauswahl“, so Paolini. Keine Anleihen ins Depot zu nehmen, sei jedenfalls auch keine Option. "Ungeachtet der derzeitigen Anomalie sind Aktien kein Ersatz für Festzinsanlagen“, warnt Roberto Magnatantini, Manager des Oyster Global High Dividend Fund. Der Grund seien die Risikoprofile, die bei beiden Asset-Klassen unterschiedlich sind.

Geld

Währungsrechner- Der Euro und die Weltwährungen

Geld

Familienunternehmen: Chefsessel bleibt öfter in der Familie

Geld

Good Coin, Bad Coin: Kryptowährungen im Visier

Kommentar

Steuern

Wettlauf um die Digitalsteuer