Boeing-Absturz löst globale Turbulenzen aus

Boeing-Absturz löst globale Turbulenzen aus

Der zweite Flugzeugabsturz einer baugleichen Boeing 737 Max 8 binnen fünf Monaten verunsichert nicht nur Passagiere, Airlines und Piloten, sondern birgt nun auch für Boeing große wirtschaftliche Gefahren. Die Flugzeugkatastrophen drohen zudem zum Politikum zwischen den USA und der EU zu werden.

Wenn Flugzeuge nicht mehr fliegen dürfen, dann sind Milliardenaufträge für den Hersteller einerseits nichts mehr wert, die betroffenen Flugzeugmodelle in den Flotten der Airline nur noch Kostenfaktor. Und genauso wertlos. Boeing erfährt gerade, wie zwei Katastrophen von zwei baugleichen, neuen Flugzeugmodellen der 737-Max-Serie zu globalen Turbulenzen führen kann.

Ein Land nach dem anderen sperrt Boeing-Langstreckenjets des Typs 737 Max 8 die Erlaubnis zum Überfliegen des Territoriums. In der EU gibt es bereits klare Flugverbote. In Österreich dürfen die Unglücksmaschinen seit Mitternacht nicht mehr fliegen. China hat bereits am Montag das Grounding beschlossen und mehreren einheimischen Airlines die Flugrechte für die Boeing-Jets entzogen.

Der Vertrauensverlust ist mit dem zweiten Absturz in Äthiopien so groß wie nie in der Fluggeschichte. Nach den beiden Flugzeugunglücken binnen nur fünf Monaten droht dem US-Flugzeugbauer Boeing die wirtschaftliche Kollaps. Boeing hat Fehler in einer Software zugegeben. Nun drohen auch die Airlines Order über bereits bestellte Flugzeuge zu stornieren. Eine Fluggesellschaft will bereits Schadenersatzansprüche geltend machen. Es geht dabei um Milliarden. Und weitere Boeing-Kunden denken allen Ernstes darüber nach, komplett zum Konkurrenten Airbus zu wechseln.

Börsen reagieren

Kaum Wunder, dass der Börsenkurs bereits eingeknickt ist. Order-Stornos sowie zusätzliche Schadenersatzansprüchen von Airlines, die auch die neuen Boeing-Maschinen neuerdings in ihre Flotte aufgenommen haben, verunsichern auch Spekulanten und Anleger. Die US-Fluggewerkschaften haben angekündigt, dass Flugbegleiter und Piloten nicht mehr in die Flugzeuge einsteigen wollen bis die Gründe für den Absturz der Boeing-Maschine präsentiert werden.

Wie schlimm steht es wirklich um Boeing? Kann Airbus von den Turbulenzen möglicherweise profitieren? Eine Einschätzung von Roland Hirschmüller, Baader Bank, im Gespräch mit Thomas Zuleck von Börse Stuttgart TV.

In den USA galt bis Mittwochabend trotz der beiden Katastrophen "business as usual". Boeing 737 Max 8 sind in den USA noch nicht vom Flugbetrieb ausgeschlossen. Boeing-Chef Dennis Muilenberg soll laut mehrere Medienberichte mit US-Präsident Donald Trump telefoniert haben. Laut CNN soll Boeing-Boss Muilenberg darum ersucht haben, kein Startverbot für die baugleichen Maschinen zu verhängen. Die zuständige US-Luftfahrtbehörde FAA hielt an der Flugtauglichkeit der Boeing 737 Max-Serie fest.

Kanada hat als eines der letzten großen Länder am Mittwochnachmittag ein absolutes Flug- und Landeverbot für alle Boeing 737 Max erteilt. "Der Erlass verbietet Passagierflügen von jeder Fluggesellschaft, egal ob inländisch oder ausländisch, mit der Boeing 737 Max 8 und 9 das Landen, Starten oder den Überflug in Kanada", erklärt Transportminister Marc Garneau. "Es ist bedauerlich, aber Sicherheit muss ganz oben auf der Tagesordnung stehen." Somit folgt auch Kanada den ausgesprochenen Verboten anderer Ländern wie Indien, China, Australien, Indonesien sowie der EU mit den Ländern Schweiz, Norwegen, Liechtenstein und Island.

Am späten Mittwochabend hat dann auch die USA nachgezogen und ein sofortiges Flugverbot für die 737-Max-Serie verfügt. Boeings selbst hatte fast zeitgleich einen sofortigen Stopp verfügt.

Die Reaktion an der Börse hat nicht lange warten lassen. Und zwar mehrfach. Am Dienstag ist der Kurs der Boeing-Aktie in Spitzenzeiten bis zu fast 15 Prozent eingebrochen. Bis zum Börseschluss halbierten sich die Verluste. Aber auch am Mittwoch wurde die Boeing-Aktie zunächst kräftig gerupft. Die Papiere verloren zunächst rund 7 Prozent. Am Nachmittag, kurz nach Eröffnung des Börsentages in New York konnten die Boeing-Aktien wieder leicht zulegen. Um 0,76 Prozent war der Kurs bis 17 Uhr [MEZ] gestiegen. Dennoch: Unterm Strich wurde binnen zwei Tagen ein Börsewert von rund 30 Milliarden Dollar vernichtet.

Die gefährliche Milliarden-Belastung

Anders als der Hersteller und die US-Flugbehörde verhalten sich mittlerweile viele Airlines, die bereits konkrete Maßnahmen für die Zukunft setzen. Der deutsche Ferienflieger TUI, der 15 Flugzeuge der 737 Max 8-Type in seiner 150 Flugzeuge starken Flotte hält, hat bereits angekündigt, Osterurlauber mit anderen Flugzeugen der Flotte zu befördern, was nicht so einfach werden wird.

Norwegian Air, das 18 Boeing-Langstreckenjets der 737-Max-Serie zuletzt in Betrieb hatte, lässt nicht nur die betroffenen Maschinen am Boden. Der Billigflieger will Boeing gar klagen. "Norwegian darf nicht wirtschaftlich bestraft werden, weil ein komplett neues Flugzeug nicht fliegen kann", sagte der Sprecher. Die Norweger wollen Boeing "die komplette Rechnung" schicken.

Die Turkish Airline hat ebenso erklärt, ihre zwölf neuen Boeing 737 Max 8 im Hangar zu parken, bis die Ursache für die Katastrophen geklärt sind.

Boeing hat seit der Markteinführung 2017 insgesamt 350 Jets der Baureihe 737 Max 8 ausgeliefert. Das Orderbuch ist noch prall gefüllt. 5000 Bestellungen der 737 Max 8 und 9-Serie sind angeschrieben. Die Max-Serie wurde bereits als die Geldmaschine Boeings für die kommenden Jahre gefeiert. Lion-Air war der erste Kunde, der mit Flugzeugen der 737-Max-Serie beliefert wurde. Durch die weltweit ausgesprochenen Flugverbote wächst der Druck auf Boeing. Infolge der Flugverbote wurden den rund 170 Jets die Flugerlaubnis defacto entzogen. Die betroffenen Modelle müssen auf jeden Fall im Hangar bleiben und inspiziert werden. Für Boeing könnte das zum finanziellen Desater werden, sollten die Airlines und Leasinggesellschaften ihre Bestellungen stornieren.

Zudem hat die von der ersten Katastrophe betroffene Lion-Air heute angekündigt, einen 22-Milliarden-Dollar-Auftrag für Boeing zu streichen. Ersatzlos. Vielmehr will die indonesische Airline zu Airbus wechseln und sogar die komplette Boeing-Flotte stilllegen und ältere Modelle verkaufen.

Abgesehen von den Klage der geschädigten Airlines, muss sich Boeing auf Massenklagen der Angehörigen der Flugopfer gefasst machen. Es geht dabei um Milliardenbeträge. Ende Oktober waren beim Absturz der Boeing 737 Max 8 von Lion-Air kurz nach dem Start in Indonesien abgestürzt. 189 Menschen wurden getötet. Bei der Flugzeugkatastrophe der Ethiopian Airlines am Sonntag kurz nach dem Start vom Flughafen der Hauptstadt von Äthiopien in Addis Abeba waren 157 Menschen ums Leben gekommen. Die Maschine soll Augenzeugen zufolge schnurgerade in die Tiefe abgestürzt sein. Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Boeing hat aber bereits Softwarefehler eingeräumt, die das Unternehmen bis Ende April gefixt haben will. Beide abgestürzten Flugzeuge sollen nach dem Start einen ähnlichen Flugverlauf genommen haben und plötzlich massiv an Höhe verloren haben. Die Unglücksmaschinen sanken anschließend unkontrolliert ab und schlugen steil auf den Boden auf.

Der Flugdatenschreiber des Lion-Air-Flugs 610 liefert eine Vorstellung des Absturzverlaufs: Demnach kämpften die Piloten um Kontrolle über das Flugzeug, während MCAS die Flugzeugnase nach dem Start immer wieder nach unten drückte.

Der Zweikampf

Der US-Flugzeugbauer ist mit den beiden Typen 737 Max 8 und 9 in einem knallharten Wettbewerb mit Airbus. Boeing setzt dabei auf ein Konzept der Boeing 737 aus den 1960er-Jahren. Die neue Reihe ist auf größere und sparsamere Triebwerke getrimmt. Airbus setzt mit dem A320neo ein gleichwertiges Gegenstück.

Die Boeing 737 Max hatte im Jahr 2017 ihren Jungfernflug. Seither wurden 350 Flugzeuge dieser Serie in Betrieb genommen. Es soll für den US-Flugzeugbauer das Flaggschiff der Zukunft sein. Die offizielle Präsentation einer weiteren, neuen Flugzeuggeneration, die heute hätte stattfinden sollen, wurde kurzfristig abgesagt. Aus Pietätsgründen gegenüber den Opfern, die beim Absturz am Sonntag ums Leben kamen.

Boeing will zunächst einmal die Softwaremängel fixen. Per Update sollen die Mängel behoben werden. Die zunächst widersprüchlichen Airline- und Behörden-Entscheidungen dürften die Verunsicherung bei Passagieren erhöht haben. Annullierungen von Flügen oder große Verspätungen sind in Europa infolge der Flugverbote gegen die Boeing 737 Max-Modell jedoch eher unwahrscheinlich.

Der Flugschreiber der abgestürzten Boeing der Ethiopian Airlines soll nun in Deutschland ausgewertet werden.

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