"Bevölkerungswachstum lässt Zinsen sinken und Inflation steigen"

Vielfach werden die niedrigen Zinsen auf die hohe Stimulation der Notenbanken zurückgeführt. Daran Schuld ist aber laut Experten auch das weltweite Bevölkerungswachstum. Das könnte auch in Zukunft zu einer höheren Inflation führen.

"Bevölkerungswachstum lässt Zinsen sinken und Inflation steigen"

Bis 2050 soll die Weltbevölkerung um zwei Milliarden Bürger steigen, der Altersschnitt der Bevölkerung in den Industriestaaten allerdings steigen, mit weitreichenden Auswirkungen.

Die Pandemie ist an den Börsen wieder in die zweite Reihe gerückt. Derzeit beeinflussen statt dessen Themen wie Inflation und Notenbankpolitik das Verhalten von Investoren. Das knappe Angebot in vielen Bereichen lässt die Preise in die Höhe schnellen und schürt Inflationsängste. Für Notenbanken rücken Überlegungen die Zinsen anzuheben wieder deutlich näher als noch vor wenigen Wochen.

Doch wie werden sich die Zinsen, abseits der aktuellen Maßnahmen von Regierungen und Notenbanken, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu bekämpfen, entwickeln? Mit den hohen Schulden, die durch die Pandemie verursacht werden, hat das jedoch nach Einschätzung von Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank in Österreich, nur begrenzt etwas zu tun. „Es ist vielmehr der längst eingeleitete demografische Umbruch, der die Finanzmärkte auch in den nächsten Jahrzehnten maßgeblich beeinflussen wird“, glaubt Nemeth.

Ernormes Wachstum der Weltbevölkerung

Bis 2050 wird laut einer Studie der UNO die Weltbevölkerung, von 7,7 auf 9,7 Milliarden Menschen wachsen. Während die Bevölkerung der meisten Industrieländer schrumpft, wächst sie in den Ländern der Subsahara. Die Geburtenrate bleibt zwar rückläufig, die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht sich jedoch. Das Alter der Weltbevölkerung steigt dadurch rasant. 2050 wird laut UNO jeder sechste Mensch über 65 sein. Auch die Österreicher werden älter. Seit 2021 leben laut Statistik Austria mehr Menschen über 65 als Kinder und Jugendliche in Österreich. Das Gefälle wird wachsen: Sind derzeit laut Statistik Austria etwa 19 Prozent der Österreicher über 65, werden es 2050 über 27 Prozent sein.

Menschen in Industrieländern sparen weniger

Welchen Einfluss hat eine alternde Gesellschaft auf Wirtschaft und Finanzmärkte? Laut der sogenannten Lebenszyklushypothese verändert sich das Sparverhalten im Laufe des Lebens mehrfach. In jungen Jahren erschwert zunächst das geringe Einkommen das Sparen. Mit steigendem Einkommen steigt auch die Sparquote – bis zum Eintritt in das Pensionsalter. Dann wird wegen des niedrigeren Einkommens wieder weniger zur Seite gelegt. Aus Sicht der Finanzmärkte wird in den meisten Industrieländern langfristig durch ein Prozess des Entsparens stattfinden, da die Zahl der Älteren steigt.

Durchschnittsalter steigt, Innovationskraft sinkt

Das Durchschnittsalter einer Gesellschaft steckt aber nicht nur den Spar- und Investitionrahmen einer Volkswirtschaft ab, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf Produktivität und Wohlstand. Bei einer alternden Bevölkerung nimmt nicht nur der Anteil der Erwerbstätigen ab, auch die Innovationskraft eines Landes sinkt, da in der Regel die mittleren Alterskohorten am innovativsten sind und die meisten Patente anmelden.

Durchschnittsalter steigt, Innovationskraft sinkt

Mittelschicht in Schwellenländer spart mehr
Auf der anderen Seite steigen in vielen Schwellenländern seit den späten Neunzigerjahren Wohlstand und Ersparnisse. Die dort wachsende Mittelschicht will ihr Geld anlegen und wird künftig einen deutlichen Sparüberhang generieren. „Dieser dürfte den Prozess des Entsparens in den Industrieländern ausbalancieren“, prognostiziert Nemeth.

Kapitalbedarf sinkt

Zudem sinkt der Kapitalbedarf in den industrialisierten Ländern. So steigt in den modernen Gesellschaften seit Jahrzehnten der Anteil des Dienstleistungssektors. Anlagechef Nemeth: „Der Trend wird sich durch eine alternde, weniger produktive Bevölkerung noch verstärken.“ Gerade die Gesundheitspflege hat mit steigendem Alter einen hohen Stellenwert, aber auch die Tourismus- und Freizeitindustrie hat mit den Senioren eine neue Zielgruppe entdeckt. Der Kapitalbedarf zur Erbringung von Dienstleistungen ist aber traditionell niedriger als jener zur Herstellung von Gütern.

„Das hohe Angebot an Geld (Sparvolumen) trifft auf eine geringe Nachfrage. Das bedeutet, der Preis für Kapital sinkt, sprich der Zins sinkt“, so Nemeth. Das sei auch die Erklärung dafür, wieso die Realzinsen in den vergangenen Jahren sukzessive gesunken sind. „Die Finanzkrise und die Reaktionen der Notenbanken darauf haben diese Entwicklung nicht verursacht, sondern nur verstärkt“, so der Experte. Es spricht damit viel für eine Fortsetzung niedriger Realzinsen. Erst wenn die Weltbevölkerung stagnieren sollte, würden die Zinsen wieder merklich steigen.

Inflationsdruck steigt,

Neben den niedrigen Zinsen ist auch die Inflation zurück auf der Agenda der Finanzmärkte. Die knappen Ressourcen in vielen Branchen birgt die Gefahr, die Inflation anzuheizen. Allerdings dürfte nach Ansicht der Zürcher Kantonalbank diese Entwicklung eher kurzfristigen Charakter haben. So hat der jüngste US-Arbeitsmarktbericht beispielsweise die Inflationssorgen gedämpft, da zuletzt nur 266.000 neue Jobs geschaffen wurden, statt der erwarteten eine Million. Dagegen geht ein stärkeres Beschäftigungsplus meist mit einer höheren Inflationsrate einher.


Dieser Artikel könnte Sie auch interessieren:
Seit 2010: Inflationsrate frisst Sparbuchzinsen auf


Tendenziell sprechen, unabhängig von der aktuellen Entwicklung eine sinkende Produktion bei gleichbleibendem Konsum und steigende Löhne durch Fachkräftemangel in einer alternden Gesellschaft strukturell für höhere Inflationsraten. „Der Inflationsdruck dürfte aufgrund der demografischen Veränderungen in unseren Breitengraden steigen“, analysiert Nemeth. Steigt die Inflation konjunkturell bedingt, würde sich das nominale Zinsniveau vom realen Zinsniveau unterscheiden. Wie sehr die Inflation durchschlägt, wird auch vom technischen Fortschritt, der wiederum die Produktivität beeinflusst, abhängig.

Die Elite der Vermögensverwalter 2021

Für den größten Bankentest im deutschsprachigen Raum hat der …

Inflation steigt im Euroraum auf ein 30-Jahres-Hoch

Die Inflation steigt weiter und erreicht in Europa teilweise Werte von …

Investieren in den Klimaschutz

Zur Bekämpfung des Klimawandels sind enorme finanzielle Mittel …

ESG-Aufsteiger: Heute gut, morgen top

Viele Unternehmen sind bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele …