„Betriebliche Vorsorge als Pensionsvorsorge ungeeignet“

„Betriebliche Vorsorge als Pensionsvorsorge ungeeignet“

Jeder Arbeitgeber zahlt für seine Angestellten in eine betriebliche Vorsorgekassen ein. Doch selbst Experten halten dieses Instrument für die Altersvorsorge als nicht geeignet. Ihrer Einschätzung nach würden einfach umsetzbare Gesetzesänderungen diesem Modell jedoch den notwendigen Vorsorgecharakter geben.

Derzeit wird von der SPÖ beklagt, dass die einen Pensionisten zu wenig Pension kriegen, die anderen zu viel und fordern deshalb eine Umverteilung des Geldes. Eine Mindestpension in Höhe von 1.500 Euro wird deshalb für Paare gefordert, 1.500 Euro für Mütter. Über eines kann diese Maßnahmen aber dennoch nicht hinwegtäuschen: Aufgrund der immer länger werdenden Durchrechnungszeiträume für die Berechnung der Pensionshöhe werden in Zukunft die Pensionsbezüge für alle drastisch sinken. Experten wie der Pensionsspezialist Mercer gehen von bis zu 40 Prozent geringeren Pensionen als heute aus. Voll wirksam werden die neuen Durchrechnungszeiträume zur Bemessung der Pensionshöhe, die sukzessive von derzeit 29 Jahre auf 40 Jahre angehoben werden, für all jene, die Jahrgang 1968 und jünger sind.

Vorsorgekassen sind im Grunde nur Abfertigungskassen

Als ein wichtiges Standbein, um die staatliche Pension aufzupeppen, gilt die gesetzliche vorgeschriebene betriebliche Vorsorge, die jeder Arbeitgeber für seine Angestellte, freien Dienstnehmer einzahlt, ebenso jeder Selbstständige. Veranlagt wird das Geld von dafür eigens geschaffenen betrieblichen Vorsorgekassen. „Aber im Grunde sind das keine Vorsorgekassen, sondern Abfertigungskassen“, stellt Markus Zeilinger, Chef von fair finance, einer von acht heimischen Vorsorgekassen klar.

Im Schnitt werden nur 420 Euro im Jahr und Mitarbeiter in betriebliche Pension einbezahlt

Denn das in den betrieblichen Vorsorgekassen veranlagte Geld wird nicht ab Pensionsantritt in Form einer Rente ausbezahlt, sondern als Einmalzahlung, entweder bei Pensionsantritt, oder wie es in 95 Prozent der Fälle, bei jedem Jobwechsel. Die Lücke, die diese vorzeitige Entnahme in der Pension reißt, ist allerdings marginal. Im Schnitt zahlen Berufstätige jährlich rund 420 Euro in die betriebliche Vorsorge ein. 2016 betrug die Einzahlungssumme 1,4 Milliarden Euro. Die durchschnittliche Auszahlung betrug bei fair-finance beispielsweise 1.300 Euro. Arbeitgeber müssen in jedem Fall vom Bruttolohn, und Selbstständige vom steuerpflichtigen Einkommen, 1,53 Prozent für die betriebliche Vorsorge abführen.

Sechs Prozent Steuern bei vorzeitiger Entnahme hat keine abschreckende Wirkung

Wer das Geld vor Pensionsantritt entnimmt, zahlt zwar darauf sechs Prozent Steuern. „Dieser niedrige Steuersatz hat jedoch keine abschreckende Wirkung und hält fast niemanden davon ab, das Geld bei einem Jobwechsel zu entnehmen. Für die private Altersvorsorge ist damit die zweite Säule der Pensionsvorsorge nicht geeignet und damit sinnlos“, so Zeilinger

Gewerkschaften legen sich gegen die Stärkung der betrieblichen Vorsorge quer

Vorsorgespezialist Zeilinger plädiert deshalb dafür entweder die Steuern darauf deutlich zu erhöhen, um die vorzeitige Entnahme unattraktiver zu machen oder das Gesetz entsprechend so zu ändern, dass die Beiträge aus der betrieblichen Vorsorge vor Pensionsantritt nicht entnommen werden dürfen. Höchstens im Notfall, etwa bei langer Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit.

Aber gegen eine solche Verankerung im Gesetz wehren sich Gewerkschaften seit langem. Denn die betriebliche Vorsorge wurde eigentlich als Ersatz für die Abfertigung geschaffen. Wird die zweite Säule gestärkt, fürchtet so mancher Gewerkschafter könnte das staatliche Pensionssystem als Folge dessen ausgehöhlt werden. "Rein sachlich ist dieses Argument aber nicht haltbar. Ideologie wird hier vor Sachlichkeit gestellt", befindet Zeilinger. Werden die zweite und dritte Säule der Altersvorsorge nicht ausgebaut, drohen für jene, die die Pensionsreform 2015/2016 trifft und damit die massive Ausweitung der Arbeitsjahre, die für die Berechnung der Pension herangezogen wird, im Alter herbe finanzielle Einschnitte, fürchtet der Experte.

Politiker haben die Wahl zehn Prozent ihres Bruttogehalts in eine Pensionskasse einzuzahlen, andere nicht

Was manche Experten ebenso beanstanden: Mitarbeiter dürfen freiwillig selbst nichts in die betriebliche Vorsorgekasse einzahlen. Das hält Zeilinger jedoch auch nicht für sinnvoll. Anders als das übrigens bei Politikern gehandhabt wird. Sie können zu Beginn ihrer Laufbahn als Politiker wählen, ob sie zehn Prozent ihres Bruttogehalts netto in eine Pensionskasse einzahlen möchten.

Teil des Gehalts oder Prämien sollten steuerbegünstigt für die Vorsorge verwendet werden können

Für sinnvoller erachtet es Zeilinger, wenn Mitarbeiter die Möglichkeit hätten, steuerbegünstigt einen Teil des Gehalts oder etwaige Prämien für eine zusätzliche Vorsorge zu verwenden, wie das in Deutschland schon lange möglich ist.
"Den größten Hebel haben Investments in eine betriebliche Vorsorgekassen deshalb, wenn die Beiträge, wie gesetzlich geregelt, vor Steuern und Lohnnebenkosten abgeführt werden", erläutert Zeilinger. Das sind das 1,53 Prozent der Arbeitgeber-Beiträge.

Arbeitgeber dürfen für ihre Mitarbeiter freiwillig nicht mehr einzahlen

Unverständlich ist es Zeilinger auch, dass es Arbeitgebern nicht erlaubt ist, freiwillig mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Beitragssatz in die betriebliche Vorsorgekasse einzuzahlen. Das wäre ein sinnvoller Anreiz für Mitarbeiter.

Betriebliche Vorsorgekassen gelten aus verschiedenen Gründen ein probates Mittel zur Altersvorsorge:

- Die Spesen sind vergleichsweise niedrig. Das liegt vor allem daran, dass die monatlichen Prämien automatisch von den Gebietskrankenkassen eingehoben werden und so für die Vorsorgekassen kein Verwaltungsaufwand entsteht. Auch um Inkassforderungen müssen sich die Vorsorgekassen aus diesem Grund nicht kümmern. "Die Kosten sind daher niedriger als etwa bei Versicherungen", o fair finance Boss Zeilinger.
- Die Verwaltung des Kapitals in den Vorsorgekassen wird genauestens überwacht. So sind in den Aufsichtsräten der Vorsorgekassen auch Gewerkschafter vertreten. Da Vorsorgekassen den Status einer Bank haben, unterliegen diese auch strengen Veranlagungskriterien und werden unter anderem von der Finanzmarktaufsicht (FMA) geprüft.

"Vorsorgekassen sind ein gutes Modell, das aber nicht ausreichend genutzt wird", resümiert Zeilinger.

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Franz C. Bauer, trend-Redakteur

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