Bankentransformation: Warum das Kreditgeschäft stottert

Die Corona-Krise hat zu einer starken Nachfrage nach Unternehmenskrediten zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen geführt – Hand in Hand mit einer Lockerung der regulatorischen Vorschriften zur Kreditvergabe. Doch die nötige Digitalisierung der Vergabeprozesse lässt noch auf sich warten, betont Ingo Kipker.

Thema: Management Commentary
Ingo Kipker

Ingo Kipker

„Anna, den Kredit hamma“ – das waren noch Zeiten, als die PSK auf Kundenfang ging. In der Kreisky-Ära der 1970er und 80er Jahre saß das Geld locker, und die Kreditwirtschaft brummte. 40 Jahre später ist alles anders, es ist genug Geld da, aber mit verschärften Regulatorien (Basel I,II,II)-Kriterien schwerer erhältlich und jetzt zudem eher zum Stopfen von Finanzlöchern nötig. Die Pandemie hat das allgemeine Konsumklima abgekühlt, die Angst vor Arbeitslosigkeit sowie Kurzarbeit bremst die Nachfrage nach Privatkrediten, der Online-Wettbewerb trägt ein übriges zur Verunsicherung der Banken bei.

Eine neue Studie der Managementberatung Horváth & Partners verdeutlicht, dass die Banken in den nächsten Jahren mit rückläufigen Kreditgeschäften rechnen, ausgelöst durch das abnehmende Konsumklima und die deutlich wachsende Unsicherheit in der Gesellschaft. Eine Rückkehr zur „Normalität“ und daraus resultierend eine Zunahme der Kreditnachfrage wird nicht vor 2022 oder 2023 erwartet. Verglichen mit früheren Studienergebnissen sind Fortschritte in der Digitalisierung zu erkennen, die aber bei weitem nicht ausreichen.

Digitalisierung ein Muss

Der Wettbewerb im Kreditgeschäft – Stichwort: „Sofortkredit jetzt“ – wird in den kommenden Monaten weiter zunehmen, doch ambitionierte Ziele und Investitionen treffen auf eine Wirtschaft in tiefer Rezession. Geschwindigkeit und Effizienz werden so zu wesentlichen Erfolgsfaktoren im Kreditgeschäft, zeigen die Ergebnisse der Befragung. Banken sind daher gut beraten, weitere Anstrengungen zur Erhöhung der Effizienz und Geschwindigkeit der Kreditprozesse zu unternehmen. Viele Institute setzen zur Beschleunigung bereits auf End-to-End-digitalisierte Antragsstrecken.

Doch das reicht nicht aus: Kreditprozesse müssen effizienter abgewickelt werden, um im digitalem Wettbewerbsumfeld zur reüssieren. Gerade in der Bearbeitung und beim Reifegrad von Kreditabläufen zeigt die Bankenlandschaft noch ein heterogenes Bild. So schneiden Institute mit einer hohen Anzahl umgesetzter Effizienzhebel im Kreditgeschäft über sämtliche Kreditarten hinweg überdurchschnittlich ab. Während die Institute bei privaten Ratenkrediten durchwegs gut performen, hapert es bei Baufinanzierungen und gewerblichen Krediten noch gewaltig.

Noch zuviel Zeitaufwand

Bei Baukrediten ist die Bearbeitungszeit – im Schnitt ein Tag – zwar noch einigermaßen akzeptabel, doch die Durchlaufzeit dümpelt bei fast drei Tagen – Gründe dafür sind die unterschiedlichen Kreditarten und Vorgänge sowie Komplexitäten oder Geschäftsarten. Bei gewerblichen Krediten sieht es noch trister aus. Jedes zweite Bankinstitut braucht mehr als fünf Arbeitstage, um zu einem Ergebnis zu kommen, obwohl die Bearbeitungszeiten ähnlich kurz sind wie bei Baufinanzierungen. Das bedeutet, der Digitalisierungsgrad ist im gewerblichen Kreditgeschäft am geringsten – gerade dort, wo sich Banken auf starke FinTech-Wettbewerber einstellen müssen.

Kunden kommen online

Interessant dabei ist, dass die meisten Institute Prozesserleichterungen (Effizienzhebel) schon etabliert haben; diese werden aber von der Belegschaft nicht überall konsequent genutzt. Ähnliches gilt für die Bearbeitung von Gutachten – egal ob kurz oder lang. Durch ein verbessertes Design bei relevanten Unterlagen und externen Gutachtern könnten die Durchlaufzeiten deutlich verkürzt werden. Das ist umso wichtiger, je mehr Kreditgeschäft über digitale Plattformen generiert wird – und in der Baufinanzierung kommen immerhin schon zwei von drei Kunden online!

Klar ist, dass die Bedeutung von Plattformen für das Kreditgeschäft in allen Sparten zunimmt. Bei den befragten Instituten ist die Digitalisierung beim Kreditbeschluss, bei Online-Antragsstrecken, Bilanzanalyse und der elektronischen Kreditakte schon weit verbreitet. Die Digitalisierung der Kundenschnittstellen durch Self-Service-Tools (18%) weist hingegen noch einen geringen Reifegrad auf. Kaum eingesetzt werden RPA-Lösungen (3%). Zur Hebung der Potenziale wäre die vollständige End-to-End-Digitalisierung des Kreditprozesses empfehlenswert.

Digitalisierung ausbaufähig

Digitalisierung im Kreditgeschäft

Digitalisierung im Kreditgeschäft

Übersicht der Digitalisierung im Kreditprozess und Nutzung durch befragte Institute

Fazit: Kreditprozesse müssen mit der rasanten Digitalisierung aller Lebens- und Geschäftsbereiche Schritt halten. Künftige Kreditnehmer sind nur dann zufrieden, wenn die Bearbeitungs- und Durchlaufzeiten wirklich wettbewerbsfähig werden – also die Dauer von der ersten Kundenanfrage bis zur verbindlichen Zusage (Time to Yes) und dann bis zur Auszahlung (Time to Cash). Dazu sind ebenso analoge Effizienzpotenziale zu heben wie digitale Prozesse zu optimieren.


Für die Studie „Kreditprozesse der Zukunft – Effizienzhebel und Erfolgsfaktoren“ hat die Managementberatung Horváth & Partners im ersten Halbjahr 2020 einhundert Bankmanager aus zumeist großen Instituten interviewt.


Über den Autor

Ingo Kipker ist Partner und Leiter des Beratungsbereichs Banking & Financial Institutions bei Horváth & Partners Düsseldorf.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".

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