Anleger in Macron-Euphorie - alles nur ein Strohfeuer?

Die Kursbarometer in Europa schlagen nach der Stichwahl in Frankreich so heftig nach oben aus, wie lange nicht mehr. Wie Investmentprofis die Entwicklung der Börsen in Europa nach den starken Kursanstiegen seit dem ersten Wahldurchgang beurteilen und welcher wichtige Entscheidung schon diese Woche anderswo fallen könnte.

Anleger in Macron-Euphorie - alles nur ein Strohfeuer?

Die Kurse europäischer Aktienindizes gehen derzeit durch die Decke. Der Dax kletterte zum Wochenstart kerzengerade um 3,1 Prozent nach oben und kletterte damit über seine bisherige Rekordmarke von 12.400 Punkten aus dem Frühjahr 2015 Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx50 legte am Montag um drei Prozent zu, der französische Leitzjndex CAC um vier Prozent. Auch in Österreich geht die Tendenz klar nach oben. Am frühen Montagnachmittag lag der ATX bei 2.923 Punkten (plus 2,4 Prozent). Der Mailänder Auswahlindex klettert um 4,1 Prozent auf ein Eineinhalb-Jahres-Hoch von 20.552 Punkten. Der Index der italienischen Banken legt um acht Prozent. "Das sind ziemlich bemerkenswertere Sprünge", Steven Bell, Chefvolkswirt bei BMO Global Asset Management

Die Aussicht, dass der EU-Unterstützers Emmanuel Macron es in die Stichwahl geschafft hat und nicht der weit links außen stehende Jean-Luc Mélenchon, hat die Anleger beruhigt und zu kräftigen Zukäufen an den Börsen veranlasst. Sie wetten nun darauf, dass nicht die von den Börsen gefürchtete Rechtspolitikerin Marine Le Pen die Wahlen für sich entscheidet, sondern der wirtschaftsliberale, parteilose Marcon.

Der Wahlausgang in Frankreich beflügelt auch die Wall Street. Der Index der Technologiebörse Nasdaq kletterte um 1,2 Prozent auf das Rekordhoch von 5.890 Punkte. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte eröffnete ein Prozent im Plus bei 20.760 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 gewann 1,1 Prozent auf 2374 Zähler. Von der positiven Stimmung profitierten am stärksten die Bankwerte.

Signal für Europa

„Wir sehen darin kurzfristig eine positive Überraschung für Risikoanlagen“, schreibt das BlackRock Investment Institute in einem aktuellen Kommentar. BlackRock zufolge wird das Wahlergebnis der ersten Runde dazu beitragen, das gefühlte politische Risiko in Europa deutlich zu reduzieren. Angesichts dessen blickt der Vermögensverwalter positiv auf europäische Aktien. „Wir denken, dass weniger politisches Risiko Investoren erlauben wird, sich auf das verbesserte Wachstum der Region zu konzentrieren“, schreibt das BlackRock. Europa dürfte von der weltweiten Reflation profitieren, zudem seien zyklische Aktien attraktiv bewertet.

Deutscher Aktienindex Dax; Stand vom 24. April 2017. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Deutscher Aktienindex Dax; Stand vom 24. April 2017. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Europäische Aktien übergewichtet

Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege der Deutsche Asset Management, der Investmentgesellschaft der Deutschen Bank, stimmt die Aussicht auf einen Präsidenten Macron zuversichtlich: „Das Ergebnis des ersten Wahlgangs stärkt unsere Zuversicht, dass Frankreich ab dem Sommer erstmals von einem eher reformorientierten Präsidenten geführt werden wird. Ich würde sagen: Vive la France, es lebe Europa. Und europäische Aktien. Diese haben wir nach dem gestrigen Ergebnis auf Übergewichten hochgestuft.“

Gewinndynamik überzeugt

„Vom makroökonomischen Umfeld und der Gewinndynamik europäischer Firmen waren wir schon länger überzeugt. Doch die politischen Unwägbarkeiten haben unseres Erachtens vor allem ausländische Investoren davon abgehalten, ihre Gelder verstärkt nach Europa umzuschichten. Nach der Wahl in den Niederlanden und Österreich und neben den rückläufigen Umfragewerten der AfD in Deutschland deutet nun auch der erste Wahlgang in Frankreich darauf hin, dass die Populisten 2017 deutlich an Schwung verlieren. Bei allen Herausforderungen, die uns bleiben, könnte Europa zum Jahresende deutlich stabiler als zu Jahresbeginn dastehen.“

"Nach einigen enttäuschenden Jahren könnte 2017 das Jahr Europas werden", glaubt BMO-Chefvolkswirt Bell.

Aktienindex ATX; Stand vom 24.04.2017. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Aktienindex ATX; Stand vom 24.04.2017. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Vorsicht bei Frankreich-Titel

„In Bezug auf Frankreich selbst hält sich unser Optimismus noch in Grenzen. Viel hängt jetzt vom Ausgang der Parlamentswahlen ab und inwieweit sie das Mandat von Macron stärken. Er kann sich bisher weder auf eine eigene Partei noch auf langjährige politische Erfahrung stützen. Insofern betreten wir auch hier neues Terrain.“

Deutschland: "Sind von Rückkehr zu dynamischen Wachstum noch weit entfernt

Die deutsche Industrie ist jedoch längst nicht so euphorisch, was die wirtschaftliche Entwicklung anbelangt. Diese erwartet im laufenden Jahr nur einen moderaten Aufschwung. Die Wirtschaftsleistung werde 2017 voraussichtlich um 1,5 Prozent zulegen, dadurch könnten 500.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, sagte BDI-Chef Dieter Kempf am Montag auf der Hannover-Messe. Die Industrieunternehmen, die direkt am Nabel der Weltkonjunktur sitzen, sehen die Dinge nüchterner als manche Analysten: Die Exporte würden nur verhalten zulegen. "Insgesamt sind wir von einer Rückkehr zu dynamischem Wachstum der deutschen Ausfuhren noch weit entfernt", so der Verbandssprecher der deutschen Industrie anlässlich der Messe Hannover, der größten Industriemesse der Welt.

"Ende der Fahnenstange beim Dax erreicht"

Es gibt jedoch auch warnende Stimmen. Clemens Bundschuh von der deutschen Landesbank Baden-Württemberg: "Das Rekordhoch im Dax noch zu toppen, wird ziemlich schwierig werden. Das Ende der Fahnenstange dürfte nun erstmal erreicht sein. Wir raten davon ab, zu euphorisch zu werden. Viele gute Nachrichten vonseiten der Politik und Konjunktur sind bereits eingepreist. Saisonal steht mit den Sommermonaten eine schwächere Phase am Aktienmarkt bevor, außerdem geht die Dividendensaison ihrem Ende zu."

Bis Jahresende nichts mehr zu holen

Heinz-Gerd Sonnenschein von der deutschen Postbank macht Anlegern ebenfalls wenig Hoffnung: "Ich denke nicht, dass der Dax nun einfach so weiter nach oben läuft. In den Köpfen der Anleger wird ausgeblendet, dass es in Frankreich noch die Stichwahl am 7. Mai gibt und im Juni dann Parlamentswahlen anstehen. Außerdem gibt es zu viele geopolitische Risiken, wie etwa Nordkorea. Spannend wird auch werden, wie die kommende Unternehmensbilanzsaison verläuft. Der Dax kann im Jahresverlauf die 12.000 Punkte auch wieder nach unten durchbrechen. Bis zum Ende des Jahres sehen wir den Dax bei etwa dem derzeitigen Niveau."

Auch kurzfristig rechnen Experten damit, dass die Emotionen der Anleger bis zur Stichwahl am 7. Mai noch ordentlich hochkochen werden und die Kurse entsprechend schwanken dürften.

Angstbarometer beruhigt sich

Dass von den Anlegern die Spannung vorerst abgefallen ist, zeig auch der Volatilitätsindex VDax, das Angstbarometer an den Bören. Dieses ist um fünf Punkte auf den tiefsten Stand seit knapp drei Wochen gefallen. Der entsprechende Index für den EuroStoxx50 fällt um sieben Punkte und macht damit seinen gesamten April-Anstieg zunichte.

Goldpreis fällt

Ein weiteres Angstbarometer hat ausgeschlagen: Der Goldpreis. Dieser ist am Montag um 0,89 Prozent auf 1271 Dollar je Feinunze gefallen. Im asiatischen Handel in der Nacht sank der Kurs zeitweise um auf ein Zwei-Wochen-Tief von 1266 Dollar.

Goldpreis; Stand vom 24. April 2017. Für aktuelle Informationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Goldpreis; Stand vom 24. April 2017. Für aktuelle Informationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Nächstes Kursfeuerwerk bei US-Aktien?

Die Anleger könnten ihren Fokus aber bereits diese Woche wieder Richtung USA richten. Dort könnte Washington die Pläne für die Steuersenkung vorlegen. Womit der Dollar wieder an Stärke gewinnen könnte und der Euro wieder ins Trudeln.

Bei europäischen Anleihen ist BlackRock allerdings, wie viele Investmentgesellschaften, untergewichtet. Denn bessere Konjunkturaussichten könnten zu höheren Renditen und höheren Risikoaufschlägen auf Investmentgrade-Unternehmensanleihen führen – vor allem wenn die Märkte das Gefühl hätten, die Europäische Zentralbank werde ihre Anleihenkäufe rückgängig machen. „Wir gehen davon aus, dass französische Staatsanleihen sich im Vergleich zu deutschen Staatspapieren erholen“, schreibt das BII. „Gleichzeitig erwarten wir, dass die Renditen von Bunds als sichere Häfen ihre jüngsten Rücksetzer teilweise wieder gutmachen und dass die Renditen insgesamt steigen.“

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